
Kultfigur Kasperl - König der Narren
Er trägt ein Dauergrinsen im Gesicht und dreht der Welt die buchstäblich lange Nase. Sein bester Freund taugt zum Kuscheltier und anstatt ein Krokodil zu verdreschen, gibt er sich mit einem verschmusten Drachen ab. Seit über 70 Jahren ist er überdies Star des ORF-Fernsehens. Der Kasperl – jener, der aus dem Ensemble der Wiener Urania-Puppenbühne hervorging, ebenso wie seine zahllosen Artgenossen und Epigonen – gilt als Kultfigur vor allem unter Kindern.

Das war bei weitem nicht immer so: Seine Vorfahren waren Raufbolde, ungehobelt und vulgär. In seiner Doku zeichnet Regisseur Christian Hager die Entwicklung der Figur vom italienischen Arlecchino über den derben Hanswurst und die propagandistisch instrumentalisierte Puppe bis zum heutigen Liebling eines ganz jungen Publikums nach.

Cancel Culture: das Nicht-Konforme verbannen, das politisch Unkorrekte untersagen. Ein politisches Schlagwort, das manchen sauer aufstößt. Der Grazer Puppenspieler und -designer Nikolaus Habjan zählt zu den renommiertesten seiner Zunft, längst hat er auch die großen Bühnen mit seiner Kunst erobert. Zu seinem Beruf inspiriert hat ihn einst der Kasperl – ihm seinen subversiven Charakter zu nehmen und ihn durch den Mainstream weich zu spülen, hält er für äußerst problematisch: „Wenn der Kasperl in ganz feste, übervorsichtige Pädagogen-Watte gepackt wird, dann wird die Figur wertlos“, sagt er im Interview.

Schon einmal wurden die zotigen Späße des Kasperls – oder vielmehr seines Vorgängers, des Wiener Hanswurst – gecancelt: seine ausfällige Fäkalsprache wurde im 18. Jahrhundert von Maria Theresia und später von ihrem Sohn, Joseph II. mit Zensur belegt. Vor allem der Schriftsteller und Professor für politische Wissenschaft Joseph Freiherr von Sonnenfels, führte dagegen einen veritablen Feldzug.

Eine höchst bedenkliche Vorbildfunktion hatte der Kasperl, wann immer er propagandistisch missbraucht wurde. Im Ersten Weltkrieg wurde er – mit grauer Feldmütze ausgestattet – zur Hebung der Truppenmoral an die Front und in Lazarette geschickt. Im roten Wien mutierte er zum Vorzeige-Genossen. Und die Nazis ersetzten das zu dreschende Krokodil mit der Figur des Juden, die übelst antisemitisch mit einer grotesk verzerrten Grimasse versehen wurde.

Der vielgeliebte Kasperl, der zum Staunen verführt und ein Lächeln in Kindergesichter zaubert – nämlich jener aus dem Urania Puppentheater – war ernsthaft in Gefahr, die Bühne stand vor der Schließung. Vor sieben Jahren wurde sie von André Heller übernommen und so ihr Fortbestand gesichert. Er meint, durch sie können schon kleine Kinder an das Kulturleben herangeführt werden: „Es ist ganz bestimmt so, dass wenn die Kinder nicht ins Kasperltheater oder in ein anderes Puppentheater gehen würden, sie nie eine Brücke zum großen Theater finden würden.“
Regie
Christian Hager
Links:
- Kasperl
- Nikolaus Habjan
- Gerhard Polt
- André Heller
- Wiener Urania Puppentheater
- Kasperl und Pezi
- dokFilm
- matinee
- Die kulturWoche
- kulturMONTAG
- ORF Bestenliste