
kreuz & quer
Nicht jung - nicht leise
Mehr als eine Million Frauen in Österreich sind älter als 60, in der Öffentlichkeit präsent sind sie – ganz im Gegensatz zu vielen Männern in dem Alter – wenig. Warum das so ist und welchen Herausforderungen sie in einer Gesellschaft begegnen, die zunehmend auf Jugend als Ideal setzt, beleuchtet die neue „kreuz & quer“-Dokumentation „Nicht jung – nicht leise“ von Anna Katharina Wohlgenannt anlässlich des Weltfrauentags (Details zum ORF-Programmschwerpunkt hier).
Ein Vierteljahrhundert – so lange sind Frauen durchschnittlich in Pension. Doch im Alter zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Während ältere Männer in Politik, Wirtschaft und Medien sichtbar bleiben, verschwinden Frauen aus der öffentlichen Wahrnehmung. In den 1970er Jahren gingen sie gegen Atomkraft und für den Frieden auf die Straße. Sie eroberten Berufe, die Frauen zuvor verschlossen waren. Nun, Jahrzehnte später, weigern sich immer mehr dieser Frauen der Boomer-Generation, leise zu werden. Sie erleben das Alter als Befreiung von Erwartungen, die sie ein Leben lang begleitet haben.
Die Dokumentation porträtiert drei Frauen auf ihren jeweiligen Wegen. Ingeborg Apoloner (75) sorgt für ihren erkrankten Ehemann und ihre Enkelkinder und ist aktiv in ihrer Pfarre. Als sie die Chance bekommt, in einem der Theaterclubs des Burgtheaters mitzuwirken, öffnet sich für sie ein unerwarteter Freiraum. Angelika Högn (70) hat ihr Leben immer anders gelebt – ohne Familie, mit einem Bein in der kreativen Szene. In der Modewerkstatt des Wiener Pensionistinnenclubs findet sie Gleichgesinnte und läuft bei der Vienna Fashion Week über den Laufsteg. Monika Salzer (78), früher evangelische Pfarrerin, hat 2017 die „Omas gegen rechts“ ins Leben gerufen – eine Bewegung, die inzwischen 40.000 Frauen in Österreich, Deutschland und der Schweiz vereint.
Was diese Frauen verbindet: Sie empfinden das Alter nicht als Einschränkung, sondern als Zugewinn an innerer Autonomie. Der Zwang, sich zu rechtfertigen oder zu beweisen, ist gefallen. In ihrem Aktivismus zeigt sich Fürsorge – für jene, deren Stimmen überhört werden. Sie wissen: Aufschub gibt es nicht. Das Jetzt zählt. Älterwerben bedeutet für sie nicht Verlust, sondern Verwandlung – eine Chance, sich selbst neu zu entdecken. „Nicht jung – nicht leise“ begleitet Frauen, die sich weigern, aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden. Ein Film über Eigensinn, Mut und die Entschlossenheit, gehört zu werden.
Gestaltung
Katharina Wohlgenannt
Redaktion
Irene Klissenbauer