Politische Dimension
Heute blickt der französisch-algerische Schriftsteller Boualem Sansal von seinem Balkon auf die Straßen von Paris. Noch vor knapp einem Jahr saß er in Algerien in einem Hochsicherheitsgefängnis. Er sei des Terrorismus beschuldigt und deshalb im am stärksten gesicherten Teil des Gefängnisses untergebracht worden, erzählt Sansal. Seine Mithäftlinge hätten ihn „Die Legende“ genannt – nun trägt sein neues Buch diesen Titel.

Darin verarbeitet Sansal seine Haftzeit und denkt über Menschenrechte und Freiheit nach. Zugleich rechnet er mit Menschen und Institutionen ab, von denen er sich im Stich gelassen fühlt: mit seinem langjährigen Verlag Gallimard, mit der französischen Politik und Diplomatie – und mit Teilen des Pariser Medien- und Kulturbetriebs. Nach intensiver deutscher Vermittlung kam Sansal im November 2025 nach knapp einem Jahr Haft frei.

Für heftige Diskussionen sorgt Sansals Wechsel von Gallimard zu Grasset. Der Verlag gehört zum Medienimperium des rechtsnationalen Unternehmers Vincent Bolloré. Nachdem Bolloré im vergangenen Frühjahr den langjährigen Verlagschef Olivier Nora entlassen hatte, verließen rund 200 Autorinnen und Autoren Grasset aus Protest und Sorge um die verlegerische Unabhängigkeit.

Bolloré kontrolliert Medien in verschiedenen Bereichen – von Verlagen und Fernsehsendern bis zu Zeitungen und Radiosendern. Kritikerinnen und Kritiker warnen vor seinem wachsenden Einfluss auf die französische Kultur- und Medienlandschaft. Sansal weist eine Nähe zu Bollorés politischen Positionen zurück und betont seine Unabhängigkeit.

Sein Wechsel zu Grasset hat eine Debatte befeuert, die weit über seine Person hinausgeht. Im Zentrum steht die Frage, wie viel Einfluss ein einzelner Unternehmer auf Frankreichs Medien- und Kulturlandschaft haben darf. Leonie Heitz berichtet aus Paris.
TV-Beitrag: Leonie Heitz