Realist & Rebell
Es ist ein kleines Bild auf dem sein Maler nichts weniger als den Ursprung der Welt dargestellt hat und damit bis heute für Zündstoff sorgt. „L`Origine du monde“ nannte der französische Künstler Gustave Courbet die Darstellung einer Vulva, die er 1866 in vollendetem Realismus geschaffen hat.
Kunsthistorikern gilt das Ölbild als ein entscheidender Schritt in die Moderne. Eine radikale Geste, denn noch nie wurde ein Geschlechtsorgan ohne historisches oder mythologisches Alibi abgebildet, verherrlicht und überhöht. Eine unglaubliche Provokation, die bis heute fortwirkt.

2024 sprühten feministische Aktivistinnen im Pariser Musée d`Orsay „Me too“ auf das Sicherheitsglas. Acht Jahre lang dauerte ein Rechtsstreit zwischen einem Lehrer und Facebook, der das pikante Gemälde auf seinem Profil hochgeladen hatte. Immer wieder poppt die Debatte um Moral und Anstand, Pornografie, die Frau als Objekt und Opfer, um Männerfantasien und maskulin dominierte Machtverhältnisse auf.
Dabei war das Gemälde nie für die Öffentlichkeit bestimmt. Courbet malte es im Auftrag eines türkischen Diplomaten in Paris. Bis 1985 befand es sich in Privatbesitz und ist seither im Besitz des Musée d`Orsay.

Es ist nicht das einzige Werk, mit dem Gustave Courbet aneckte. Seine Bilder sind delikat und provozierend, sowohl die Sujets als auch seine malerische Ausführung.

Gleichzeitig sorgte Courbet mit träumerischen Landschaften für eine Atempause im hektischen, industriellen Zeitalter. Der Sohn einer wohlhabenden Bauernfamilie bildete sich autodidaktisch zum Maler, in dem er alte Meister studierte.

Courbet, der sich selbst als arrogantesten Mann Frankreichs bezeichnete, pfiff auf künstlerische wie politische Konventionen. Nach seiner Beteiligung an der Pariser Kommune wurde er inhaftiert, verschuldete sich schwer und starb 1877, dem Alkohol verfallen, im Schweizer Exil.

Das Wiener Leopold-Museum zeigt jetzt die erste Gustave Courbet Retrospektive in Österreich, eine Ausstellung, die man in diesem Frühjahr gesehen haben muss.
TV-Beitrag: Harald Wilde