Wien - Aufmacher ORF
Universum History - Unser Österreich

Geschichte aus der Vorstadt

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Die Reise einer jüdischen Familie von Galizien nach Wien
In  kaum einer anderen Weltstadt ist große Geschichte so allgegenwärtig wie in Wien. Vor allem die Jahrhunderte als vibrierendes Zentrum der Habsburger-Monarchie begründeten den Ruhm der Stadt an der Donau bis in die Gegenwart.
Familie Erdheim ORF
Familie Erdheim hat es dank des Ölbooms in Galizien (heute Teil der Ukraine) zu Wohlstand gebracht.
Die Familie von Claudia Erdheim kam gerade nach Wien, als es mit dem Aufschwung der Industrialisierung und den kulturellen Einflüssen eines Vielvölkerreichs die große Blütezeit erfuhr. Von Lemberg im Kronland Galizien und Lodomerien, wo sie mit Erdöl reich wurden, zogen die Erdheims in die Vorstadt Wiens, nach Gersthof, und erlebten hier ein ereignisreiches Jahrhundert.
Die Weltstadt des Fin de Siecle
Wien von oben
Wien in den Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende, dem Fin de Siecle: aus der ganzen Monarchie strömen Menschen in die Hauptstadt, die Chancen auf ein besseres Leben verheißt. Durch den Ausbau des Eisenbahn-Netzes ist Wien auch für Menschen aus entfernten Regionen erreichbar geworden. Die Beamten der k.u.k. Monarchie geben zudem der Bevölkerung in der Provinz einen lebendigen Eindruck vom Fortschritt, der im Zentrum des Kaiserreichs herrscht. Auch der Tourismus beginnt damals – zunächst mit Sommerfrische und Kuraufenthalten der großbürgerlichen Bevölkerung – Indiz für die steigende Mobilität der Menschen. 
Aus dem Osten kommen seit den 1880er Jahren zunehmend jüdische Zuwanderer. Manche die als Industrielle reich geworden sind wie die Erdheims, denen der Ölboom in Galizien, heute Teil der Ukraine, zu Wohlstand verhilft und die nun in Wien ein mondänes Umfeld suchen. Andere, weil sie hoffen, in der Hauptstadt der Monarchie Zuflucht und ein besseres Leben zu finden, wie der Historiker Doron Rabinovici erklärt:

Wien - Stadt der Hoffnung und der Ressentiments

Das jüdische Wien – Freud, Schnitzler, Kraus

Auch der Großvater von Claudia Erdheim, Oskar Erdheim und seine Brüder kommen nach Wien, um zu studieren und sich als Ärzte und Kaufleute zu profilieren. Oskar Erdheim erwirbt ein Haus in der Vorstadt, in Gersthof, das ein Zuhause für die ganze Familie werden soll. Wie die meisten gebildeten jüdischen Zuwanderer tun sie alles, um sich in der neuen Heimat anzupassen und in der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt zu werden - es ist damals eine Gesellschaft im Aufschwung, die Welt von Siegmund Freud, Arthur Schnitzler und Karl Kraus.

Weihnachten statt Chanukka

Nur die Hetzreden von Bürgermeister Karl Lueger sorgen für Unbehagen. Sie sind die Basis für den soliden Antisemitismus in Wien, auf den Adolf Hitler, der damals in Wien studiert, und die Nationalsozialisten später aufbauen können.
Nach dem 1. Weltkrieg

Das schwere Erbe der Monarchie

Als klar wird, dass der Erste Weltkrieg mit dem Zusammenbruch der Monarchie endet, verstärken sich die sozialen Spannungen. Wien ist nach wie vor ein Schmelztiegel, eine Millionenmetropole mit Menschen aus allen ehemaligen Kronländern – alleine aus Galizien fliehen mehr als 50.000 Juden vor den Russen.
Moses, Hersch und Esther Erdheim ORF
Auch die Eltern von Oskar Erdheim, Erdöl-Pionier Moses Hersch und seine Frau Esther Erdheim, fliehen vor den Russen.
Wien ist allerdings nur mehr die Hauptstadt eines durch massive Gebietsverluste beschnittenen Nachfolgestaats der Habsburger-Monarchie, der zudem Kriegsverlierer ist. Die Ressourcen der Stadt sind nun ganz andere. Der jungen Republik Österreich wird eine wirtschaftliche Lebensfähigkeit nicht zugetraut - ohne die Industrieregionen, die nun zu Böhmen gehören, den Zugang zu den Mittelmeerhäfen, die nun italienisch sind oder zum SHS-Staat der Slowenen, Kroaten und Serben gehören.
So wird schnell in Wien der Ruf nach einem Sündenbock für Niederlage und Zusammenbruch laut – und von politisch radikalen Deutsch-Nationalen in der jüdischen Bevölkerung gefunden. Es beginnt eine neue Welle des Antisemitismus –  mit einer umfassenden Feinbildprojektion wie Doron Rabinovici ausführt:
Der Jude war für den Antisemiten der Reiche und der Arme, der Nationale und der Internationale. Der Jude war der Religiöse und der Säkulare, der Moderne und der Traditionelle. Alles zusammen. Je nachdem, wie man sich´s gerade richten wollte, was man gerade hassen wollte. Der Jude war der Andere schlechthin.
Wien - Tempelgasse ORF
Mit rund 200.000 Menschen beherbergt Wien rund 90% der jüdischen Bevölkerung Österreichs, der Großteil lebt auf der sogenannten „Mazzesinsel“ zwischen Donau und Donaukanal, heute die Bezirke Leopoldstadt und Brigittenau.
Viele jüdische Wienerinnen und Wiener prägen den Aufbau der Ersten Republik mit – als Journalisten und Künstler, Wissenschafter und Wirtschaftstreibende, Politiker oder als Ärzte, wie die Erdheims.

Schicksalsjahre der Ersten Republik

Tea Erdheim - Ärztin ORF
Tea Erdheim, die Tochter von Oskar Erdheim, studiert Medizin nach dem Vorbild  ihrer beiden Onkel. Im Krankenhaus wird sie hautnah mit der politischen Radikalisierung der ersten Republik konfrontiert. Sie pflegt Laurenz Genner, einen bei den Februarkämpfen 1934 verletzten Sozialdemokraten. Die Tochter aus einem großbürgerlichen jüdischen Unternehmerhaus und der politisch-tätige Arbeiter werden ein Paar.

Der Bürgerkrieg als Wendepunkt

Trotz der antisemitischen Stimmung in Wien und des aufstrebenden Nationalsozialismus ist die jüdische Bevölkerung in Österreich sicher – selbst nach der Auflösung des Parlaments und dem Bürgerkrieg 1934, nachdem die sozialdemokratische Partei mit zahlreichen jüdischen Spitzenfunktionären verboten wird. Der christlich-soziale Ständestaat bleibt unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß und später Kurt Schuschnigg ein sicherer Ort für Juden.

Über Nacht vogelfrei

Hitler in Wien ORF
Hitler in Wien
Erst mit dem sogenannten „Anschluß“ im März 1938 wandelt sich das Bild. Der Nationalsozialismus ermöglicht es vielen Wienerinnen und Wienern, ihren Antisemitismus ohne moralische Schranken auszuleben. Auch in Österreich  gelten nun die Nürnberger Rassegesetze – Juden sind damit schlagartig rechtlos und vogelfrei. Wien bekommt durch die brutalen Ausschreitungen in den Tagen des Anschlusses eine Sonderstellung im gesamten Deutschen Reich, die sich bis zu den Novemberpogromen noch weiter festigt, wie Doron Rabinovici festhält:
Das Novemberpogrom in Wien ist eine besondere Situation. Weil nämlich in Wien Synagogen bereits im Oktober brannten, weil es in Pogrome und Ausschreitungen bereits im Frühling 1938 in Wien gab. Weil dieser antisemitische Mob bereits vorbereitet war. Das Novemberpogrom ist eine reichsweit orchestrierte Aktion, die so ausschauen soll, als sei sie der spontane Volkszorn. In Wirklichkeit ist das sehr wohl geplant. Aber es wird spontan auch aufgegriffen.

Das Trauma, das Generationen prägen wird

NS-Zeit und Weltkrieg werden für die meisten jüdischen Wienerinnen und Wiener zum Trauma, das Generationen prägen wird  - auch für die Familie der Erdheims. Sie erleben hautnah die Verfolgung der Juden in Österreich mit, die Flucht Zehntausender ins Ungewisse, die Deportation in die Vernichtungslager des Holocaust.
Ariernachweis ORF
Ariernachweis
Sie erleben aber auch die Verfolgung ihrer Familie in der alten Heimat. Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen 1939 und 2 Jahre später auf die Sowjetunion, beginnt im Osten die systematische Verfolgung von politisch Oppositionellen und der jüdischen Bevölkerung.  Oskar Erdheims Bruder Adolf und dessen Frau Minna werden in der Region Lemberg ermordet –  wie Zehntausende Menschen in der Ukraine, die Opfer von Massenerschießungen der sogenannten „Einsatzgruppen“ werden.
Teas Cousin Eduard erhängt sich im KZ Mauthausen, nachdem er vom Tod seiner Frau und seines Sohnes in Auschwitz erfährt. Ihr Vater Oskar Erdheim überlebt den Krieg in einer sogenannten „Sammelwohnung“ in der Wiener Leopoldstadt, stirbt jedoch kurz nach Kriegsende. Tea kommt als „Mischling 2. Grades“ unbehelligt davon – sie hat während der NS-Zeit Arbeits- und Eheverbot – bangt aber ständig um ihren Lebensgefährten Laurenz Genner, der wegen seiner Widerstandsaktivitäten mehrfach in Gestapohaft ist.

Der allgegenwärtige Schrecken der Gestapo

Verdrängte Schuld

Gedenktafel ORF
Die Bilanz dieser Jahre: 130.000 jüdische Österreicherinnen und Österreicher wurden vertrieben, rund 65.000 wurden Opfer des Holocaust, die meisten kamen aus Wien.
Zeit für Trauerarbeit bleibt in den Wiederaufbaujahren nach dem 2. Weltkrieg wenig - auch nicht bei den Erdheims. Eine Generation schweigt über das, was war. Opfer, Mitläufer, Täter. Zudem ist die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen auch juristisch nicht einfach. Für die neuen Parteien geht es um Wählerstimmen, deshalb wird die Gesetzgebung für ehemalige NSDAP-Mitglieder aber selbst für NS-Täter, immer wieder abgemildert – die Bilanz von Doron Rabinovici:
Der Nationalsozialismus war ja nicht eine saisonale Grippeerkrankung. Die Täter sind noch immer da. Die Mitglieder der nationalsozialistischen Partei sind noch immer da. In Österreich 700 000 Mitglieder der nationalsozialistischen Partei. Immerhin bei einem Land von 7 Millionen 10% der Bevölkerung. Und das sind Wählerstimmen. Wohingegen, die Ermordeten, die Vertriebenen – die können nicht mehr mitstimmen. Die sind bei den Wahlen nicht gezählt.

Späte Aufarbeitung

Demo gegen Taras Borodajkewicz ORF
Demo gegen Taras Borodajkewicz
Das schwierige Verhältnis zur NS-Vergangenheit prägt die Zweite Republik und besonders Wien noch Jahrzehnte. Es gibt immer wieder - sogar gewalttätige - Zusammenstöße zwischen Neonazis und ehemaligen Nationalsozialisten auf der einen und Antifaschisten, in deren Reihen sich auch Holocaust-Überlebende befinden, auf der anderen Seite. Höhepunkt ist die Affäre Taras Bordoajkewicz 1965. Der Wirtschaftshistoriker verbreitet in seine Vorlesungen offen antisemitisches Gedankengut.
Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten gegen und für Borodajkewicz. Der ehemalige Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger stirbt dabei an den Folgen eines Faustschlags, den ihm ein verurteilter Neonazi versetzt.

Welcome to Vienna

Das offizielle Wien versucht, den Vertriebenen die Heimkehr wieder schmackhaft zu machen. 1980 wird das Jewish Welcome Service von Leon Zelman gegründet, aktiv unterstützt von den Bürgermeistern der Stadt. Helmut Zilk und sein Jerusalemer Kollegen Teddy Kollek, der bis in die 1930er Jahre in Wien lebte, sorgen für einen sichtbaren Brückenschlag zwischen der alten Heimat Wien und der neuen Heimat vieler Vertriebener, Israel.
Dass zurückkehrende Juden die Stimmung in Wien dennoch nicht als so eindeutig positiv erleben, thematisiert Thomas Bernhard in seinem Stück „Heldenplatz“, das 1988 am Burgtheater zum 50jährigen „Anschlußgedenken“ aufgeführt wird – und prompt die Wogen hochgehen lässt. Zeichen, dass alte Ressentiments und Konflikte noch immer schlummern.
Claudia Erdheim vor dem Denkmal für die Opfer des Faschismus
Claudia Erdheim vor dem Denkmal für die Opfer des Faschismus
Claudia Erdheim arbeitet die bewegte Geschichte ihrer Familie im 20. Jahrhundert, die von Galizien nach Wien führt, in ihren Büchern auf.  Ihre Reisen in die Vergangenheit sind allerdings keine analytische Abrechnung mit den hautnah erlebten Tragödien des 20. Jahrhunderts, sondern sehr persönliche Annäherungen an die Vergangenheit. Sie erzählen vom Mut der Mutter Tea Erdheim und des Großvaters Moses Hersh Erdheim.  Beide haben ihre Kinder immer bestärkt, einen freien, unabhängigen Lebensweg zu gehen. So fordern Claudia Erdheims Geschichten auf, Schicksale mit dem Herzen zu verstehen - Schicksale eines Jahrhunderts in der Vielfalt der Weltstadt Wien.
Universum History: Wien

Über die Sendung

Universum History: Unser Österreich - Wien
30. Oktober 2018, 21:05 Uhr, ORF 2
Ein Jahrhundert, eine Familie, ein Wohnhaus in der Vorstadt – im neunten und letzten Teil der Reihe „Unser Österreich“ widmet sich „Universum History“ der wechselvollen Geschichte Wiens, erzählt anhand der dramatischen Erlebnisse der Familie Erdheim. Im Mittelpunkt der hochkarätig besetzten und aufwendigen Spieldokumentation „Wien – Geschichte aus der Vorstadt“ steht am Dienstag, dem 30. Oktober 2018, um 21.05 Uhr in ORF 2 eine „echte“ Wiener Familie, die einst aus einem der Kronländer der Habsburgermonarchie in die Hauptstadt gezogen ist.
Verkörpert werden die Familienmitglieder u. a. von Daniela Golpashin, Erwin Steinhauer und Hary Prinz. Ausgestrahlt wird die Dokumentation von Regisseurin Katharina Heigl im Rahmen des ORF-Programmschwerpunkts anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Republik am Dienstag, dem 30. Oktober 2018, um 21.05 Uhr in ORF 2.