Die Alpen in Tirol ORF
Universum History - Unser Österreich

Tirol - Geteilte Heimat

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Der Erste Weltkrieg führte zum Untergang von Monarchien, die jahrhundertelang die Geschichte Europas bestimmt hatten – auch zu jenem der Donaumonarchie. Aus einer Großmacht wurde schlagartig ein Kleinstaat, an dessen Überlebensfähigkeit kaum jemand glauben wollte.
Die Folgen waren gravierend - sowohl für die materielle Existenz als auch für die Identitätsfindung der Republik. Die Idee des „Anschlusses“ an Deutschland hatte in der Grenzziehung eine ihrer Hauptursachen. Gerade in Tirol spielte das eine große Rolle.

Das Ende der Monarchie

Fünf Jahrhunderte lang war Tirol als strategisch wichtige Alpenregion Teil des Habsburgerreichs gewesen. Nun wurde der Süden mit seiner deutschsprachigen und ladinischen Bevölkerung plötzlich Teil Italiens.
Um die Minderheitenrechte der Südtiroler zu sichern, setzten viele Tiroler auf Deutschland als Schutzmacht – schon 1921 stimmte bei einer Abstimmung in Innsbruck die Mehrheit für einen „Anschluss“ an Deutschland.

Die Mollings: Eine beispielhafte Familie

Mitten in dieser Geschichte ist Familie Molling in Innsbruck.
Familienportät Molling ORF
Porträt der Familie Molling
Urgroßvater Alois als ehemaliger Offizier der k. u. k. Armee wird in den 1920er Jahren Mitglied der österreichisch-italienischen Grenzziehungskommission und engagiert sich bei der Heimwehr gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.
Grenzziehung zu Italien 1920
Grenzziehung am Brenner: Alois Molling bei der Arbeit als Mitglied einer österreichisch-italienischen Grenzkommission, die die Bestimmungen von Saint-Germain umsetzen muss
Die Großmutter unterstützt nach dem Krieg die „Bumser“, die Mutter befindet sich im Wandel eines Heimatbildes unabhängig von nationalen Grenzen und für die junge Generation ist ein offenes Europa selbstverständlich.

Österreich-Patriotismus gegen „Anschluss“

Das Beispiel Tirol zeigt: Die Geschichte der Ersten Republik ist ein Ringen zwischen jenen Kräften, die an ein eigenständiges Österreich glauben, und jenen, die ihre Zukunft in einem „Anschluss“ an Deutschland sehen.
Um die Eigenständigkeit Österreichs zu sichern, setzten die Kanzler des austrofaschistischen Ständestaats, Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg, deshalb einerseits auf einen Patriotismus, der die Österreicher als die besseren Deutschen sieht, und andererseits auf eine Allianz mit zwei Nachbarländern und deren autoritären Regimen – Horthy in Ungarn und Mussolini in Italien.
Ein Paradoxon, wie der Historiker Manfried Rauchensteiner erklärt: "Schon für die Habsburgermonarchie war Italien so etwas wie der liebste Erbfeind. Als sich Italien 1915 auf die Seite der Entente schlug und Österreich-Ungarn den Krieg erklärte, wurde ihm der Erwerb großer Gebiete, darunter Südtirol und das Kanaltal, versprochen. Nichtsdestoweniger entwickelte sich Italien nach dem Krieg zu einer Art Schutzmacht Österreichs. Es zeigte schon während des Kärntner Abwehrkampfs die Bereitschaft, zugunsten Österreichs militärisch zu intervenieren. Auch später verbesserte sich das Verhältnis laufend und mündete in der Zeit des italienischen Faschismus in der Bildung der Achse Rom–Wien–Budapest. Die Frage Südtirol blieb ausgeklammert. Das konnte man vor allem in Tirol nicht verstehen."
Carabinieri am Brenner
Carabinieri an der Brennergrenze
50er Jahre bis heute

Der Brenner - mehr als eine Grenze

Seit den späten 1950er Jahren unterstützen Herlinde Molling und ihr Mann Klaudius den „Befreiungsausschuss Südtirol“ bei Sprengstoffanschlägen. Schwanger mit Tochter Dominika schmuggelt sie Sprengstoff über die Brennergrenze.

Schmuggel über die Brennergrenze

Tochter Dominika, mittlerweile selbst Mütter von zwei Söhnen, hadert bis heute mit den Aktivitäten der Eltern. Für sie und ihre Schwester wurde die permanente Sorge, ob die Mutter von ihren Schmuggeltouren zurückkommen würde, zum Trauma.
Porträt Rosa Stöckl an der Grenze ORF
Die Schauspielerin Julia Rosa Stöckl verkörpert die schwangere Südtirol-Aktivistin Herlinde Molling

Politischer Sprengstoff

Auch wenn die Außengrenzen mit dem Staatsvertrag geklärt sind - der Umgang damit noch lange nicht. In den folgenden Jahren wird in Tirol der Status der Südtiroler in Italien zum politischen Sprengstoff - im wahrsten Sinne des Wortes, wie die „Feuernacht“ im Juni 1961 zeigt.

Feuernacht

Erst mit dem Autonomiestatut, das 1972 beschlossen wird, beruhigt sich die Lage in Tirol.
Eduard Wallnöfer und Klaudius Molling Sammlung Familie Molling
Eduard Wallnöfer und Klaudius Molling: Der damalige Landeshauptmann von Tirol stoppte die Aktivisten, als durch die Anschläge die Autonomieverhandlungen gefährdet waren, mit dem Spruch: „Jetzt mechats es nachher sein lassen.“

Der Brenner - eine Grenze mit Symbolkraft

12. März 1938: Die Wehrmacht überschreitet die Grenze bei Kufstein. Die deutschen Truppen werden von der Bevölkerung jubelnd empfangen. Viele Südtiroler setzen nun auf Nazi-Deutschland als ihre Schutzmacht gegen Italien, denn Hitler hat sich mit Mussolini verbündet.

Die Brennergrenze bleibt aufrecht

Nur wenige stehen den neuen Machthabern skeptisch gegenüber wie Familie Molling. Der 2. Weltkrieg macht jedoch ganz Tirol zum Schlachtfeld - Luftangriffe legen viele Orte in Schutt und Asche.
Tirol geeint
Tirol geeint
Mit dem Ende des Krieges der Nachkriegsordnung Europas besteht die Möglichkeit, die Grenzziehungen von St. Germain 1919 aufzuheben und neu zu regeln.
In Österreich macht man sich Hoffnungen, dass verlorene Gebiete wie Südtirol der neugegründeten 2. Republik zugeordnet werden. Doch alles bleibt wie es ist - immerhin ist Italien eine Siegermacht.
Mollings heute
Heute können Herlinde und Klaudius Molling die Grenze ohne Tarnung passieren.
Ende der 1950er-Jahre engagieren sich Herlinde und Klaudius Molling zunächst für den Bergisel-Bund, später für den Befreiungsausschuss-Südtirol. Es beginnt die Zeit der geheimen Transporte, deren Kopf Kurt Welser ist.
Mit dem EU-Beitritt Österreichs wird am Brenner ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die Grenzkontrollen werden durch das Schengener Abkommen aufgehoben.

Die Brennergrenze heute

Für die junge Generation, die in einem Europa ohne Grenzbalken aufgewachsen ist, stellt sich die Frage, ob hinter dem Brenner ein anderer Staat beginnt, gar nicht. Sich frei zu bewegen und seine Meinung frei zu sagen, ist in ihrer Welt selbstverständlich.
Universum History: Tirol

Über die Sendung

Universum History: Unser Österreich - Tirol
Sa, 3. November 2018, 22:00 Uhr, ORF 2
Erstausstrahlung: 29. Dezember 2015, 21:05 Uhr
Die Grenzziehung am Brenner, der Verlust Südtirols und die Abtrennung Osttirols vom verbliebenen Landesteil - nichts hat die Entwicklung Tirols im 20. Jahrhundert mehr geprägt. Die „Schandgrenze“ sorgte für innenpolitischen und außenpolitischen „Zündstoff“ - in den 1960er Jahren sogar wortwörtlich.
Die Auseinandersetzung mit der Einheit Tirols führte aber auch zu neuen Impulsen. Wirtschaftlich wurde die Grenze - pionierhaft durch die Landeshauptleute Wallnöfer und Magnago - überwunden. Resultat ist die heutige Europaregion Tirol. Mitten in dieser Geschichte ist Familie Molling in Innsbruck.
Der Urgroßvater bei der Grenzziehungskommission 1919, die Großmutter Unterstützerin der „Bumser“, die Mutter im Wandel eines Heimatbildes unabhängig von nationalen Grenzen, und letztendlich die junge Generation, für die ein offenes Europa selbstverständlich ist. 
Ein Film von Georg Laich
Gestaltung: Georg Laich und Ernst Gossner