Der Serschenhof am Remschnigg ORF
Štajerska – Povezani preko vseh meja

Steiermark – Verbunden über alle Grenzen

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Vom Serschenhof am Remschnigg, direkt an der Grenze zwischen der Steiermark und Slowenien, sieht man weit übers Land. Einer von vielen Gründen, der den Bauern Franz Tertinjek bewogen hat, im Jahr 1911 seinen kleinen Hof im nicht fernen Kappel zu verkaufen und dafür dieses Gehöft samt landwirtschaftlicher Fläche zu erwerben.

Karten des Herzogtums Steiermark

Karte des Herzogtums Steiermark ORF
Karte des Herzogtums Steiermark
Karte der Donaumonarchie mit Herzogtum Steiermark ORF
Karte der Donaumonarchie mit Herzogtum Steiermark
Schon in drei Jahren wird Krieg sein in ganz Europa und die Erosion der Monarchien in Gang setzen. Noch aber ist die Doppel-Monarchie Österreich-Ungarn nach Russland flächenmäßig das zweitgrößte Land Europas.  Über 50 Millionen Menschen leben innerhalb der Grenzen des Vielvölkerstaates.
Einer von ihnen ist Franz Tertinjek. Auch er ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Europa bald in seinen Grundfesten erschüttert werden wird, dass eine Staatsgrenze einmal sein Grundstück zerreißen und damit ein beschaulicher Ort zum Spannungsfeld wird.
1911 liegt der Hof noch inmitten der Steiermark in ihren historischen Landesgrenzen, denn die Untersteiermark – die slowenische Spodnja Štajerska – ist seit dem Mittelalter ein Teil des Herzogtums Steiermark und damit der Habsburger Monarchie.
Rudolf Majster: Steirischer General Sloweniens Universitätsbibliothek Maribor
Rudolf Majster: Steirischer General Sloweniens
* 29. März 1874 in Stein in Oberkrain; † 26. Juli 1934 in Unec heute Gemeinde Cerknica, Offizier der k.u.k. Armee bzw. des SHS-Staates.
Der Erste Weltkrieg aber ändert alles. Zu Beginn kämpfen alle Steirer noch Seite an Seite in der k. und k. Armee.  Der Krieg an zu vielen Fronten aber ist nicht zu gewinnen. Die Völker der früheren Monarchie formieren sich zu Nationalstaaten, einer politischen Idee, die schon Mitte des 19.Jahrhunderts aufgeflammt war und nun endgültig Realität wird.
In der Untersteiermark beginnt somit unmittelbar nach Kriegsende das Ringen um eine neue, slowenische Identität.
Damit ist die Zeit von General Rudolf Majster angebrochen. Bis heute ist er eine zentrale Figur der slowenischen Geschichte. Der deutschsprachige Untersteirer kämpft im Krieg als Offizier in der Armee Österreich-Ungarns, bekennt aber offen, slowenischer Patriot zu sein. Im Spätherbst 1918 bringt er gegen den Widerstand der mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung Marburg unter seine Befehlsgewalt. Noch im selben Jahr kommt es zum Zusammenschluss von Serben, Kroaten und Slowenen zum Königreich SHS.
General Majster marschiert mit einem Heer von slowenischen Freiwilligen nach Norden und besetzt den Grenzraum zu Österreich. Im Jänner 1919 eskaliert die Gewalt in Marburg. Bei einer Demonstration der deutschsprachigen Bevölkerung für den Verbleib bei Österreich fallen Schüsse, es sterben 13 Menschen. Das tragische Ereignis geht als „Marburger Blutsonntag“ in die Geschichte ein.
Grenzkommission für die Grenzziehung in der Steiermark Museum Bad Radkersburg
Grenzkommission

Orientierungsuche im neuen Grenzland

Museum Bad Radkersburg
Eine Kommission der alliierten Siegermächte rückt aus, um die Gebietsstreitigkeiten im Süden der Steiermark beizulegen.
Eine Volksabstimmung wie sie für Kärnten vorgesehen war, ist für die Großmächte im Hinblick auf die Aufteilung der Steiermark kein Thema. Aus ihrem Blickwinkel waren dafür die vorangegangenen, regionalen Abwehrkämpfe nicht flächendeckend genug.
Grenzvermessung in der Steiermark 1920 ORF
Grenzvermessung in der Steiermark 1920
Am 10.September 1919 werden im Friedensvertrag von St.Germain die Grenzen der Republik Österreich festgelegt. Die bei den Friedensverhandlungen von St. Germain bestimmte Wasserscheidengrenze wurde letztlich auch deswegen gewählt, weil eine Grenzziehung nach sprachlichen Gegebenheiten in diesem gemischtsprachigen Raum unmöglich schien.
Grenzziehung am Serschenhof im August 1920 ORF
Grenzziehung am Serschenhof im August 1920
Die Untersteiermark gehört fortan zu Slowenien, das seinerseits Teil des jungen SHS-Staates ist. Nach Osten hin bildet nun die Mur die Staatsgrenze, Richtung Westen verläuft sie in den Hügeln entlang der Wasserscheide. Dort liegt auch der Hof von Franz Tertinjek.

Doppelbesitzer wider Willen

Das Leben für die Doppelbesitzer bleibt eine ständige Herausforderung. Nach dem Ersten Weltkrieg gibt es in beiden Staaten hohe Einfuhrzölle auf die meisten landwirtschaftlichen Produkte.  Später, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, ist es schwer, das Doppelbesitzertum überhaupt aufrechtzuerhalten. Einerseits auf Grund der kommunistischen Landreform in Jugoslawien, anderseits durch die strenge Bewachung der Grenze. Erst mit dem sogenannten Gleichenberger Abkommen im Jahr 1953 erhalten 400 Österreicher und 50 Jugoslawen ihre zwischenzeitlich nicht erreichbaren Flächen jenseits der Grenze zur Bewirtschaftung zurück.
Doch bis es soweit ist herrscht wieder Krieg in der Region.
Der sogenannte Anschluss Österreichs im März 1938 bringt die Nationalsozialisten an die südsteirische Grenze heran. Prinzregent Paul von Jugoslawien unterzeichnet 1941 unter dem Druck Hitlers den Dreimächtepakt. Doch das Militär in Belgrad putscht, stürzt den Monarchen, und erklärt die Allianz mit Deutschland für nichtig.
Jugoslawien, das für Hitler strategisch wichtig ist, wird danach umgehend angegriffen. Die Deutsche Wehrmacht ist militärisch klar überlegen - bis zur Kapitulation Jugoslawiens dauert es nur 12 Tage.

Die slowenische Štajerska wird wieder zur „Untersteiermark“.

Die Wiedervereinigung der steirischen Gebiete ist für die Nationalsozialisten von hohem symbolischen Wert, verbunden mit dem klaren Ziel, die deutsche Sprache als allein gültige Amtssprache durchzusetzen. Das wird zur Hauptaufgabe des Steirischen Heimatbundes. Die Vorfeldorganisation der Nationalsozialisten betreibt die Eindeutschungsarbeit.  
Die slowenische Sprache verschwindet in Folge komplett aus dem öffentlichen Leben, die slowenischen Schulen und Kindergärten werden geschlossen und zugleich deutsche Schulen eröffnet. Sämtliche slowenische Institutionen, Vereine und Organisationen verlieren ihr Bestimmungsrecht. Auch Slowenische Namen werden eingedeutscht. Über 50.000 Menschen werden bis Kriegsende zur Zwangsarbeit deportiert. Viele slowenische Untersteirer sterben in Konzentrationslagern.  

Partisanen im steirischen Grenzland

Die slowenischen Partisanen haben sich nach Kriegsende zwar nach Jugoslawien zurückgezogen, aber das Vertrauen in die regulären britischen Besatzungstruppen in der Steiermark wächst danach nur langsam.
Die Untersteiermark – südlich der Grenze – wird indessen wieder zur Slovenska Štajerska. Tito lässt Gleiches mit Gleichem vergelten. Nun wird die deutschsprachige Bevölkerung vertrieben und enteignet.

Nachkriegszeit

Der Eiserne Vorhang entzweit fortan Europa und seine Menschen.  Die Grenze zwischen Österreich und dem kommunistischen, aber blockfreien Jugoslawien jedoch bleibt durchlässig, da es hier keine hohen Wachtürme und unüberwindbare Stacheldrahtzäune gibt.
Verhaften und abführen Filmarchiv Slowenien
Nahezu lückenlos ist dafür die Überwachung des Grenzgebietes durch Soldaten und die Geheimpolizei Jugoslawiens. Mit strengen Repressionsmaßnahmen verletzt das damalige Regime Menschenrechte und Grundfreiheiten im Land. Tausende Bürgerinnen und Bürger Jugoslawiens fliehen über die Grenze nach Österreich, darunter auch kroatische Faschisten (Ustaši) sowie slowenische Heimwehr (Domobranci), die vorher gegen Partisanen gekämpft hatten.
Quarantänelager Strass 1945 ORF
Die Baracken- und Quarantänelager in den südsteirischen Grenzorten Wagna und Strass sind bald zu klein. Viele der Menschen haben auch aus wirtschaftlichen Gründen Jugoslawien verlassen und wollen mit ihren Familien weiter nach Übersee.

Parallele Welten im Kalten Krieg

Titos zweites Gesicht

Titos gute politische Beziehungen zum Westen verstellen den Blick auf seinen Umgang mit Systemkritikern in Jugoslawien. Das Internierungslager auf der unwirtlichen, kleinen kroatischen Insel Goli otok sollte später zum Symbol für die jahrzehntelange Verfolgung politische Andersdenkender werden.  Auf der Insel herrschen Rechtlosigkeit, Terror und Gewalt. Die meisten Insassen hier sind ohne Gerichtsurteil eingesperrt. Unter den sogenannten Staatsfeinden befinden sich Arbeiter, Bauern, Intellektuelle, Studenten und Beamte.

Leben in Titos Jugoslawien

Die Allgemeinheit in Jugoslawien weiß nichts von Titos skrupellosen Methoden. Auch Biserka Tertinjek (geb. Golob),  ihre sechs Geschwister und ihre Eltern führen im kleinen Ožbalt an der Drau, im Norden der Štajerska ein einfaches, aber zufriedenes Leben. Biserkas Vater ist Sattler und die Mutter sorgt für den Haushalt. Das Einkommen ist klein, aber es reicht aus, um die große Familie zu ernähren. Auch die Kinder haben gute Aussichten auf weiterführende Ausbildung, staatliche Stipendien und damit Arbeitsplätze im florierenden Slowenien, das die wirtschaftlich stärkste Teilrepublik des Vielvölkerstaates ist.
Doch in Titos Jugoslawien gilt es nationale Interessen hintan zu stellen. Die Gewinne, die hier erzielt  werden, müssen auf das gesamte Land verteilt werden, um das Gleichgewicht zu erhalten. Nach und nach bilden sich Gräben zwischen dem industriell stark aufgestellten Norden und dem wirtschaftlich doch rückständigeren, ärmeren Süden. So müssen die Slowenen zum Beispiel einen Samstag im Monat zusätzlich arbeiten – „solidarisch für die Brüder und Schwestern im Süden“, wie es offiziell heißt. Auch dem Vater von Biserka bleibt das nicht erspart.
Murbrücke Bad Radkersburg - Gornja Radgona Land Steiermark
Murbrücke Bad Radkersburg - Gornja Radgona
Verbunden über die Grenze

Brückenschlag zwischen den Systemen

Land Steiermark
Nur langsam kommt Bewegung in den steirischen Grenzraum. Der  Ausbau der Grenzstraße durch die Weinberge bringt den Tourismus in Schwung.
Die Südsteiermark in ihrer politischen wie geografischen Randlage gilt als Entwicklungsregion. Landeshauptmann Josef Krainer sucht die Nähe der Bewohner entlang der Grenze und hilft Brücken zu bauen -  innerhalb der Steiermark und darüber hinaus. 

Murbrücke

Brücke über die Mur zwischen Gorna Radgona und Bad Radkersburg ORF
Brücke über die Mur zwischen Gorna Radgona und Bad Radkersburg
Jonas und Tito bei Brückeneröffnung ORF
Jonas und Tito bei Brückeneröffnung
Die Brücke über die Mur zwischen Gorna Radgona und Bad Radkersburg im Südosten der Steiermark wird 1969 im Beisein von Bundespräsident Franz Jonas und Marschall Tito feierlich eröffnet.  
Es ist ein Staatsakt mit starker Symbolkraft. Die Brücke erleichtert den Kontakt von Menschen aus unterschiedlichen Wertegesellschaften und verbindet nun – zumindest physisch – wieder zwei steirische Städte miteinander, die bis zum ersten Weltkrieg zusammengehörten.
Die Zahl der Gastarbeiter aus Jugoslawien und der grenznahen Štajerska steigt zu Beginn der 1970er Jahre schnell an. Zwischenstaatliche Abkommen, wie zum Beispiel jenes über die Nutzung eines lokalen Passierscheins, erleichtern den Grenzverkehr für Saisonarbeiter und öffnen auch Wege für zwischenmenschliche Bündnisse, wie jenes von Hans und Biserka Tertinjek.

Liebe und Leid an der Grenze

Der Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawiens beginnt im Grunde mit dem Tod Titos 1980.

1991 stimmt Slowenien mit großer Mehrheit für die Errichtung eines eigenen Staates und ruft am 25.Juni die Unabhängigkeit aus. Jugoslawiens ‚Völker‘ (narodi) drängen immer stärker nach Selbstbestimmung. In Belgrad will man dem Druck nicht nachgeben, doch Slowenien ist gerüstet. Der steirische Grenzraum bei Spielfeld und Bad Radkersburg ist direkt von Kampfhandlungen betroffen.  
Die slowenische Territorialverteidigung kann sich nach monatelanger Vorbereitung gegen die Jugoslawische Volksarmee, behaupten. Dem Österreichischen Bundesheer bleiben Kampfhandlungen erspart. Nach zehn Tagen ist der Krieg an der steirischen Grenze vorbei.

Der EU-Beitritt Sloweniens im Jahr 2004 ermöglicht die historische Annäherung – auch zwischen der Steiermark und der Štajerska, für die Menschen am Serschenhof nur eine logische und längst fällige Entwicklung. Sie haben das Verbindende immer schon über das Trennende gestellt.
Verbunden über Generationen und Grenzen ORF
Seit mittlerweile fünf Generationen ist der Hof nun schon im Besitz der Familie Tertinjek. Die wechselvolle Geschichte der Region, ein ganzes Jahrhundert voll von dramatischen Ereignissen, scheint sie mit ihrem Zuhause am Remschnigg und der Steiermark aber nur noch enger verbunden zu haben. Über alle Grenzen hinweg.
Universum History: Steiermark

Über die Sendung

Universum History: Unser Österreich - Steiermark
Do, 1. November 2018, 21:15, ORF 2
Erstausstrahlung: 17. Oktober 2017, 21:05
Die fünfte Folge der „Universum History“ Zeitgeschichteserie „Unser Österreich“, richtet den Fokus auf das Grenzland zwischen der Südsteiermark und der ehemaligen Untersteiermark, der sogenannten „Štajerska“. Es ist ein Lebensraum, der seine „steirische“ Identität grenzüberschreitend bewahrt hat. Nirgendwo lässt sich das besser sehen und spüren als auf dem Serschenhof der Familie Tertinjek. Ihre außergewöhnliche Geschichte erzählt Gernot Lercher in seiner Dokumentation.