Historische Karte des Herzogtums Salzburg ORF
Universum History - Unser Österreich

Salzburg - Ein Land für sich

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Salzburg und Bayern - mehr als 500 Jahre lang einte sie eine grosse Geschichte. Die Salzach war kein Grenzfluss, sondern befand sich mitten im Fürsterzbistum Salzburg. Nach der Niederlage Napoleons wurde Salzburg 1816 Österreich zugesprochen - nur der Rupertiwinkel blieb bei Bayern.
Unser Österreich - Salzburg
Fr, 2. November 2018

23:20 ORF2
Mit der neunteiligen Reihe „Unser Österreich“ dokumentiert „Universum History“ erstmals die facettenreiche Geschichte von Österreichs Bundesländern. Anhand von neun Familien, deren Geschichte eng mit der ihrer Heimat verbunden ist, werden historische Wendepunkte, persönliche Schlüsselerlebnisse und die Auseinandersetzung mit Tradition und Veränderung thematisiert.

TVthek:
Geschichte Salzburgs
Bereits im Mittelalter hatte sich Salzburg von Bayern gelöst. Das nun eigenständige Fürstentum wurde lange Zeit von Erzbischöfen regiert, die auch über weltliche Macht verfügten. 1810 belohnte Napoleon die Bayern für ihre Bündnistreue im Kampf gegen Österreich und übergab ihnen Salzburg - bis zu seiner Niederlage. Beim Wiener Kongress wurden die Grenzen Europas neu verhandelt, die Saalach und die Salzach sollten ab nun die nasse Grenze bilden. 
Seit dem 1. Mai 1816 gehört Salzburg zu Österreich - bis auf den fruchtbaren und landwirtschaftlich ertragreichen „Rupertiwinkel“ im äußersten Südosten von Bayern. Seinen nun abgetrennten Bewohnern ging Salzburg als wichtiger Absatzmarkt verloren.
Die neue Grenze und die Errichtung des neuen Zollamtsgebäude im nahen Walserberg hatten weitreichende Folgen - sie leiteten den Niedergang der bis dahin so wichtigen Salzschifffahrt und das Ende Salzburgs als erzbischöfliche Residenzstadt ein.

Salzburg als Teil von Österreich

„Salzburgkreis“

Als „Salzburgkreis“ wurde Salzburg zum fünften Kreis Österreichs ernannt. Das auf dem Residenzplatz wachsende Gras, die dort weidenden Kühe und die teilweise unbewohnte Getreidegasse wurden zur Metapher für Stillstand und Verschlafenheit. Aus einer überaus reichen Metropole Europas war ein bedeutungsloser Provinzort geworden. Verwaltet von seiner neuen Hauptstadt Linz war die Nähe zu Deutschland durch die immer starken Deutschnationalen größer als zu Wien - was sich in den 1930er Jahren als verheerend erweisen sollte.
Weit weniger wirtschaftliche Bedeutung als die Grenze zu Bayern hatte von Beginn an Salzburgs schmale Grenze zu Italien. Seit 1919 trennt die sogenannte Birnlücke Salzburg von Südtirol.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs fehlte dem bettelarmen Bundesland vor allem der fruchtbare Rupertiwinkel, um den Hunger der Bevölkerung zu stillen. Die benachbarten Bayern standen den Salzburgern weitaus näher – auch als sie nach der November-Revolution den Freistaat Bayern ausriefen und eine Räterepublik errichteten. Wenig später sprachen sich bei einer Abstimmung 99 Prozent der Salzburger für einen Anschluss an Deutschland aus. Aufgrund des in den Friedensverträgen von 1919 enthaltenen Anschlussverbots hatte das Ergebnis allerdings keine Gültigkeit.

Nationalsozialismus

Der Einfluss der Nationalsozialisten, der sich in den 1930er Jahren verstärkte, hatte aufrund der Grenznähe grossen Einfluss auf Salzburg. Im wirtschaftlichen Umfeld - die Weltwirtschaftskrise war auf ihrem Höhepunkt - fiel laut der Historikerin Ingrid Holzschuh großdeutsches Gedankengut auf fruchtbaren Boden. Schon 1931 waren Gastredner wie Reichsführer Heinrich Himmler bei Kundgebungen in ganz Österreich vor Tausenden von Zuhörern aufgetreten. Und in Grenznähe zu Deutschland konnte in Salzburg der Reichssender München empfangen werden. Viele Salzburger sympathisierten mit den Nazis, obwohl sie als Grenz- und Tourismusregion von der von Hitler 1933 verhängten 1.000-Mark-Sperre für alle deutschen Österreich-Urlauber besonders betroffen waren.
Jeder Deutsche, der nach Österreich wollte, musste 1.000 Reichsmark bezahlen. Deutschen Künstlern wurde nahegelegt, Engagements in Salzburg abzulehnen. Für den Tourismus, der in Salzburg schon immer eine wichtige Rolle spielte, war das eine Katastrophe. Auch die Besucherzahlen der Salzburger Festspiele brachen dramatisch ein.
Diese Attacke auf die Festspiele ging jedoch nach hinten los, weil sich wesentliche Künstler ganz ausdrücklich für die Salzburger Festspiele engagierten. Ihnen gelang es, das zum Gutteil jüdische Bürgertum aus ganz Europa und den USA nach Salzburg zu holen. Damit wurde der Grundstein für die bis heute so unverwechselbare Internationalität der Salzburger Festspiele gelegt.

Nach dem 2. Weltkrieg

Die schmale Grenze Salzburgs zu Italien war im Sommer 1947 Ziel tausender jüdischer Flüchtlinge. Während die französische und britische Besatzungsmacht Juden an ihrer Flucht nach Palästina hindern wollten, wählten etwa 5.000 Menschen als Fluchtweg den Krimmler Tauernpass.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte Landeshauptmann Josef Rehrl den Rupertiwinkel von Bayern zurückholen.

Salzburger Identität im Rupertiwinkel

Die ungeliebte Grenze

Dennoch blühte der Schmuggel von Deutschland nach Österreich und von Österreich nach Deutschland.
Fast jede Salzburger Familie erinnert sich heute noch an Geschichten vom Schmuggeln von Waren von Freilassing nach Salzburg. Nur mit Mänteln bekleidet waren Mädchen nach Freilassing gefahren, hatten sich dort eingekleidet und mit neuem Gewand die Heimreise angetreten.
Immer war den Salzburgern die Grenze zu Bayern lästig. 1995 gab es in Salzburg eine breite Zustimmung für den Beitritt zur EU. Die Beseitigung der Grenzschranken am Walserberg nur drei Jahre später war für die Salzburger mit Freude und Erleichterung verbunden. Mit der Öffnung der Grenze konnte neu zusammenwachsen, was über die Jahrhunderte längst miteinander verbunden war.

Salzburg und die Grenze zu Deutschland

Die aufgrund der neuen politischen Situation seit einiger Zeit wieder eingeführten Grenzkontrollen nehmen Salzburger als tiefen Einschnitt in ihr wirtschaftliches Treiben zu Kenntnis.
Salzburg - Mirabellgarten ORF
Salzburg

Prestige und Tourismus

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Die mehr als 1.000jährige Geschichte Salzburgs lässt sich an seinen unverkennbaren und heute zum Teil sehr symbolträchtigen Bauwerken erkennen. Zu verdanken ist das auch einer Baumeisterfamilie, die in den vergangenen 100 Jahren fast die Hälfte der Gebäude der Salzburger Altstadt saniert hat - Stadtbaumeister Franz Wagner und seinem Sohn, dem Architekten Franz Wagner Junior. Dank der guten Kontakte zur Kirche, dem traditionell wichtigsten Auftraggeber des Landes, renovierten sie die alte Universität, Schloss Mirabell, die alte Fürst-Erzbischöfliche Residenz, das Kapuzinerkloster und andere historische Bauten. Wichtig war ihnen dabei, das Aussehen und den Stil der ursprünglichen Bauten zu erhalten, die vor hunderten Jahren Reichsfürsten, Geistlichen, Stadtrichtern, Münzmeistern, hochfürstlichen Kammerdienern, Salzburger Bürgern und Handwerkern als Unterkunft gedient hatten.
Auch ausserhalb der Stadt Salzburg hatten Bauprojekte wichtige identitätsstiftende Funktionen. Unter Landeshauptmann Franz Rehrl wurde in den frühen 1930er Jahren die Großglockner Hochalpenstrasse errichtet.

Bau der Großglockner Hochalpenstraße

Sie war zur Ankurbelung der Tourismuswirtschaft gedacht und erfüllte zu 100% ihren Zweck, da Plätze, die bis dahin Bergsteigern vorbehalten waren, für jedermann zugänglich wurden. Wichtige strategische Bedeutung hatte die Alpenüberquerung aber auch als einzige Verkehrsverbindung zwischen Salzburg und den südlich der Alpen gelegenen Bundesländern Kärnten und Osttirol. Bundeskanzler Engelbert Dollfuss förderte den Bau grosszügig, mit dem Ziel, die Arbeitslosigkeit zu senken, aber auch als Vorzeigeprojekt des austrofaschistischen Ständestaats.

Prestige und Selbstverständnis

Bauen war immer Prestige und für das Selbstverständnis eines Landes wichtig.
Auch Hitler hatte mit Salzburg sehr viel vor - mit gigantischen Bauprojekten wollte er die ehemalige Bischofsstadt nationalsozialistisch prägen. Am Kapuzinerberg sollte ein Gauforum entstehen, das sich aus Gauhaus, Festspielhaus und einem Stadion zusammensetzte. Am gegenüberliegenden Mönchsberg war ein gigantisches militärisches Zentrum vorgesehen, mit dem sich die Nazis nicht nur selbst ein architektonisches Denkmal setzen wollten. Ihr Ziel war es auch, die Präsenz der katholischen Kirche im Stadtbild zu zerstören.
Die Baufirma Wagner wurde zwangsverpflichtet und musste sich mit anderen sogenannten Kriegsdienstverpflichteten an Hitlers Bauvorhaben beteiligen, unter anderem an der Adaptierung des Kavalierhauses neben Schloss Klessheim, das zu Hitlers Gästehaus umgebaut wurde.

Zwangsverpflichtet

Zu Propagandazwecken begannen unter Hitler auch die Bauarbeiten am Kraftwerk Kaprun, wurden aber aufgrund der extremen Bedigungen im hochalpinen Gelände schon bald wieder stillgelegt. Neben der Machtdemonstration diente Bauen nun vor allem dem Krieg.
Hitlers Berghof am Obersalzberg ist nicht mehr als 30 Minuten von Salzburg entfernt. Von hier aus konnte Hitler gleichsam auf Salzburg hinunterschauen.

Wiederaufbau nach dem Krieg

Nach dem Ende des Krieges engagierte sich Franz Wagner für die Renovierung und den Wiederaufbau zerstörter Gebäude. Er unterstützte die Franziskaner dabei, ihr Kloster wieder zurück zu bekommen.

Strom aus den Tauern

Ab 1947 wurde mithilfe des Marschallplans die Bauarbeiten am Kraftwerk Kaprun vorangetrieben. Ursprünglich gehen die Kraftwerkspläne auf Landeshauptmann Franz Rehrl zurück, der schon in den 1930er Jahren ein riesiges Tauernkraftwerk bauen wollte, um die Unabhängigkeit Salzburgs zu sichern. Das gigantische Bauvorhaben wurde 1955 fertiggestellt und zu einem wichtigen identitätsstiftenden Projekt der Zweiten Republik.

Kraftwerksbau in Kaprun

Das neue Festspielhaus

1956, zu Mozarts 200. Geburtsjahr, begann man, Teile des Mönchsbergs abzutragen, um Platz für ein weiteres Festspielhaus zu schaffen. Bereits vier Jahre später war die neue Spielstätte fertig. Sie bietet Platz für mehr als 2.000 Festspielgäste und dient als Treffpunkt internationaler Künstler und High-Society.
Heute meint Thomas Wagner, der in 3. Generation die Firma führt: „Der Tourismus hat diese Stadt geprägt, es ist wirklich verständlich, dass sich bei dieser pittoresken Kulisse Touristen wie von selbst einfinden. Nur - man muss mit Argusaugen darauf schauen und auch dafür kämpfen, dass diese Schönheit erhalten bleibt. Es ist nämlich immer wieder schwer, vor allem internationalen Ketten, die sich hier in der Altstadt niederlassen, zu erklären, dass man die Fassaden nicht nach Belieben gestalten kann. Das ist ein großer Teil unserer Arbeit, an dieser Überzeugung zu arbeiten.“
Amerikanische Besatzungssoldaten im Kontakt mit der Bevölkerung
Salzburg

Die Besatzungszeit

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte Salzburg zur amerikanischen Besatzungszone. Nachdem sich die Amerikaner und Briten vorerst weigerten, die von den Russen eingesetze provisorische Bundesregierung unter Karl Renner in Wien anzuerkennen, stand kurz die Überlegung im Raum, in Salzburg eine provisorische zweite Hauptstadt Österreichs einzurichten. Auch die Salzburger hatten grosse Vorbehalte gegenüber dem russisch besetzten Osten Österreichs. Mehrere Male drohte die von Renner einberufene Länderkonferenz zu scheitern, im September 1945 konnte schliesslich ein historischer Kompromiss erzielt werden. Die USA und Grossbritannien akzeptierten eine gesamtösterreichische Lösung, Österreich blieb ein Schicksal wie Deutschland erspart.

Das Radio im Kloster

Das Franziskanerkloster in Salzburg diente ab 1945 nicht nur den amerikanischen Besatzern als Unterkunft, sondern beherbergte auch einen von den Amerikanern kontrollierten Radiosender - das Radio ‚Rot-Weiss-Rot’. Bereits am 6. Juni 1945, kaum einen Monat nach Ankunft der GIs, eröffnete ein US-General den Rundfunk in Salzburg. „Hier ist der österreichische Sender Rot-Weiß-Rot! Möge dieses Medium dazu beitragen, die Österreicher zu einem gut unterrichteten Volk zu machen.“ Nach dem Abzug der Amerikaner wurde der Radiosender vom ORF übernommen.
Für die Salzburger war die Anwesenheit der amerikanischen Besatzer ein wirtschaftlicher Segen. Der Durchbruch zur Konsumgesellschaft erfolgte hier viel früher als in den anderen Bundesländern.

Amerikanische Besatzungszone

„Goldener Westen“

Unter den Amerikanern wurde Salzburg zum „goldenen Westen“. Mit ihrem Lebensstil, Musik, Tanz, Kaugummi und Eiscreme, verschafften sich die amerikanischen Soldaten und ihre Familien in dem von Not gebeutelten Land begeisterte Fans. Als Kunden der Salzburger Freizeit- und Tourismusbetriebe waren sie beliebt. Sie entdeckten den Schisport, nahmen an lokalen Veranstaltungen teil und liessen eine Menge Geld im Land.

Salzburger und Amerikaner

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Für die amerikanische Besatzungsmacht war Salzburg aber auch der Boden für eine langjährige Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. In den letzten Kriegsmonaten wurde rund um das Salzkammergut die sogenannte Alpenfestung vermutet. Auch wenn die GIs hier einer ‚Schimäre des Dritten Reichs’ aufsassen - Fakt ist: Zahlreiche hochrangige NS-Täter wurden hier verfolgt, gefasst und im Lager Glasenbach jahrelang interniert. Dass es auch unter den Salzburgern genügend ‚Ehemalige’ gab, zeigte sich bei der Minderbelasteten-Amnestie 1947. Hier entstand reales Wählerpotential, das der VdU, der Verband der Unabhängigen, der Vorläufer der FPÖ, später nützen konnte.

1955 - Abzug der Siegermächte

Mit dem Staatsvertrag verliessen 1955 die Besatzungsmächte das Land. Den Salzburgern ging mit dem Abzug der 38.000 Soldaten und ihren Familien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor verloren.
Universum History: Salzburg

Über die Sendung

Universum History: Unser Österreich - Salzburg
Fr, 2. November 2018, 23:20, ORF 2
Erstausstrahlung Di, 25. Oktober 2016
Mit der neunteiligen Reihe „Unser Österreich“ dokumentiert „Universum History“ erstmals die facettenreiche Geschichte von Österreichs Bundesländern. Anhand von neun Familien, deren Geschichte eng mit der ihrer Heimat verbunden ist, werden historische Wendepunkte, persönliche Schlüsselerlebnisse und die Auseinandersetzung mit Tradition und Veränderung thematisiert. 
Nach dem Treatment von Thomas Baum („Die Rosenheim-Cops“) stellen die Regisseure Chris Weisz (Dokumentation) und Ernst Gossner (Spielszenen) die bewegte Geschichte Salzburgs anhand der Erlebnisse und Eindrücke der Baumeisterfamilie Wagner dar. Prägende Episoden in der Familiengeschichte der Wagners wurden von Ernst Gossner mit Spielszenen umgesetzt