Freistadt, Oberösterreich ORF
Unser Österreich - Oberösterreich

Im Bann von Krieg und Besatzung

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Wenn es in Österreich eine Region gibt, die gleich mehrfach mit elementaren Grenzziehungen konfrontiert war, dann ist es das oberösterreichische Mühlviertel. Hier ist die Heimat von Familie Kohlberger, die als Betreiber eines Gasthauses in Freistadt die Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts hautnah miterlebte - die Grenzziehung nach dem 1. Weltkrieg, die Zonengrenzen in der Besatzungszeit und den Eisernen Vorhang im Kalten Krieg.
Familie Kohlberger-Holly ORF
3 Generationen der Familie Kohlberger-Holly
Der heute 84jährige Ferdinand Kohlberger und seine Frau Brigitte haben fast ein Jahrhundert Geschichte miterlebt: die Kindheit mitten im Existenzkampf der Ersten Republik – mit Armut, Hunger und politischen Repressalien. Die Jugend vereinnahmt von NS-Zeit und letztem Aufgebot des 2. Weltkriegs, aber auch traumatisiert von den Übergriffen der Sowjetbesatzung. Als Eltern bangten sie um ihre Kinder und deren Zukunft in der Zeit des Kalten Krieges, als das Mühlviertel eine gefährliche Grenzregion war und gleich neben Freistadt der Eiserne Vorhang den Westen vom Ostblock trennte – eine gefährliche Systemgrenze.

Ein Wirtschaftsraum

Zerfall der Donaumonarchie

Oberösterreich in der Donaumonarchie ORF
Ein Land ohne Grenzen während der Donaumonarchie
Oberösterreich, Tschechoslowakei ORF
1918 werden Südböhmen und das Sudetenland Teil der ČSR
Deutsches Reich, Protektorat Böhmen und Mähren ORF
2. Weltkrieg: 1938/39 fallen die Grenzen wieder
Besatzungszonen in Oberösterreich ORF
Besatzungszeit: Die Demarkationslinie verläuft direkt neben Freistadt
Jahrhundertelang sind Oberösterreich und Böhmen wirtschaftlich eng verbunden. Auf alten Handelswegen werden bereits im ersten Jahrtausend nach Christus Luxusgüter aus dem Mittelmeerraum und Salz aus den Alpen über die ‚grüne Grenze’ transportiert. Besonders berühmt ist der Goldene Steig, der über Freistadt und Krumau nach Budweis und Prag führt. Während der Donaumonarchie sind Oberösterreich und Böhmen ein Land, die Grenze ist politisch und gesellschaftlich inexistent.

Migration in der Monarchie

Als 1871 die Leibeigenschaft aufgehoben wird, suchen viele Tschechen in den österreichischen Bundesländern Arbeit, vor allem in Linz und Wien, das damals sogar als die ‚grösste tschechische Stadt’ bezeichnet wird. Unterstützt werden die völkerverbindenden Kontakte mit Verkehrsverbindungen wie dem Schwarzenbergkanal und der ersten Pferdeeisenbahn Europas, die das oberösterreichische Linz mit dem tschechischen Budweis verbindet.
Später entsteht auf derselben Strecke die Summerauerbahn, die von Linz durch die Region Krumau bis nach Prag führt. Erst mit dem Ende des Ersten Weltkriegs findet der wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Austausch zwischen den Regionen ein abruptes Ende.
Not nach dem Ende des ersten Weltkriegs ORF
Was St. Germain zerstörte

Der hohe Preis des Friedensvertrags

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Die nationalistischen Tendenzen, die sich im 19. Jahrhundert verstärken, führen zu ersten Spannungen zwischen der österreichischen und der tschechischen Bevölkerung. Zu einem tiefen Umbruch kommt es aber erst mit dem Zerfall der Donaumonarchie. Der Versuch, die einst boomende Region als Einheit zu erhalten und als ‚Deutschböhmen’ dem 1918 neu gegründeten Deutschösterreich anzugliedern, scheitert am Friedensvertrag von St. Germain. Mit der Proklamation der Republik Tschechoslowakei werden mehr als zwei Millionen deutschsprachige Böhmen und Sudetendeutsche tschechische Staatsbürger. Trotz der ‚Tschechisierungspolitik’ der neuen Regierung versuchen sie sich mit der neuen Situation zu arrangieren - bis zur Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre, die besonders die deutschsprachige Bevölkerung hart trifft.
Bettelnde Kinder ORF
Bettelnde Kinder nach dem 1. Weltkrieg

Arbeitslosigkeit - Geißel der Zwischenkriegszeit

Den meisten Oberösterreichern geht es schlecht. In der auf Industrie ausgerichteten Grenzregion ist die Arbeitslosigkeit extrem hoch. Es mangelt an allem - an Lebensmitteln, Kohle und Futter für die Tiere. Die mangelnde Zukunftsperspektive verstärkt die politische Radikalisierung. Viele Menschen setzen ihre Hoffnungen auf die Nationalsozialisten und Adolf Hitler, den sie in den ersten Oktobertagen 1938 begeistert begrüssen. Freistadt ist voll dekoriert.

Not und „falsche“ Hoffnungen

Mit der Besetzung des Sudentenlandes verschwinden die Grenzen zwischen Oberösterreich und Böhmen wieder. Der historische Wirtschaftsraum wird neu belebt, die Freistädter fahren mit der Summerauerbahn wieder nach Krumau und Budweis.

Widerstand in Freistadt

Oberösterreich ORF
Alois Miesenböck - Erklärter Gegner des Nationalsozialismus

Die Freistädter Widerstandsgruppe „Neues Freies Österreich“ in der Wikipedia
Doch nicht alle Freistädter können sich mit dem neuen Regime anfreunden. Felix Kohlbergers Urgroßvater Alois Miesenböck bleibt Sozialdemokrat und deklarierter Gegner des faschistischen Systems.
Bereits 1934 wird er als Widerstandskämpfer 16 Tage lang in Haft genommen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs stehen er und seine Familie unter permanenter Beobachtung. Seine Tochter Helga Holly erinnert sich heute noch an die Hausdurchsuchungen - nicht einmal ihre Schulhefte bleiben vom Zugriff der Beamten verschont.
Im Oktober 1944 ist Alois Miesenböck einer von 50 Freistädtern, die wegen Hochverrats ins Linzer Gestapo-Gefängnis gebracht werden. Acht Männer werden zum Tod verurteilt und hingerichtet, Alois Miesenböck wird wegen Mangels an Beweisen wieder frei gelassen. Er bleibt aber im Visier des Regimes.
In den letzten Kriegstagen, am 24. April 1945, wird er von Gestapo-Beamten abgeholt und gemeinsam mit vier weiteren Regimegegnern südlich von Freistadt ermordet.
Die Summerauerbahn ORF
Die Summerauerbahn in Oberösterreich
Geteiltes Land

Eine Bahnstrecke als Grenze zwischen Ost und West

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Besonders prägend für Familie Kohlberger ist die Zeit nach 1945. Als das Nachkriegsösterreich unter den Besatzungsmächten aufgeteilt wird, fürchten viele, nun Teil eines anderen Staates zu werden - wie damals nach dem Ersten Weltkrieg, als die nördlichen Landesteile des einstigen Kronlands der Donaumonarchie an die Tschechoslowakei gefallen waren. Die Grenze zwischen der amerikanischen und der russischen Zone - zwischen der westlichen Welt und dem Kommunismus - führt mitten durch Oberösterreich. Das Mühlviertel wird Teil der Sowjetzone und damit zum Brennpunkt der Weltpolitik - mitten im Kalten Krieg ist es von der dauerhaften Okkupation durch die Rote Armee bedroht.

Vertreibung und Flucht am Ende des 2. Weltkriegs

Vertreibung und Flucht der Sudetendeutschen ORF
Vertreibung und Flucht der Sudetendeutschen
Das Ende des NS-Regimes bedeutet auch das Ende des Sudetenlandes. Die Tschechen vertreiben die ansässigen Deutschen. Viele von ihnen flüchten nach Freistadt. Der damals 13jährige Ferdinand Kohlberger meldet sich freiwillig, um bei der Ankunft der Flüchtlingsgruppen zu helfen. Er geht ihnen entgegen und begleitet sie zu den Flüchtlingslagern.

‚Die Russen in Freistadt’

Die Grenze zwischen dem Osten und dem Westen verläuft auch durch das oberösterreichische Freistadt. Nach der kampflosen Befreiung durch amerikanische Truppen im Mai 1945 hat die Stadt einen halben Tag lang einen amerikanischen Bürgermeister, bevor es von den Sowjets besetzt wird.
In fast allen Privathäusern und öffentlichen Gebäuden werden russische Soldaten einquartiert. Der Alltag mit den Russen hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Freistädter gegraben.

Die Russen bei Fam. Kohlberger-Holly

Doch noch ist die Demarkationslinie zwischen den Amerikanern und den Russen durchlässig. Wie viele andere Oberösterreicher pendeln Ferdinand Kohlberger und seine Schwester tagtäglich von der russischen Zone in die amerikanische.
Desinfizierung ORF
Beim Grenzübertritt werden alle Passanten aus der russischen Zone von US-Soldaten desinfiziert.

Der Kalte Krieg beginnt

Mit dem Marshall-Plan der Amerikaner verstärken sich die Spannungen erneut. Stalin verweigert der Tschechoslowakei die Annahme amerikanischer Wirtschaftshilfe, tausende Böhmen und Mähren ergreifen die Flucht Richtung Westen.
Wachtturm am eisernen Vorhang ORF
Wachtturm am eisernen Vorhang
Ab 1950 werden von den Sowjets Grenzzonen errichtet, die die Bevölkerung nur noch mit speziellen Genehmigungen betreten darf, 1951 entsteht hier der Eiserne Vorhang - ein lebensgefährlicher Stacheldrahtzaun, der mit 5.000 bis 15.000 Volt betrieben wird. Das Mühlviertel wird zu einer lebensgefährlichen Grenzregion, die Missachtung der Grenzsteine kann für die Bevölkerung den Tod bedeuten.

Gefährliche Grenze

Prager Frühling ORF
Prager Frühling - eine kurze demokratische Belebung
Nur kurz entspannt sich die Lage während des Prager Frühlings. Doch nach dem Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei werden die Grenzen wieder dicht gemacht - bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989.
Heute geniesst Familie Kohlberger das Ende des Kommunismus und die Öffnung der Region. Mit dem EU-Beitritt Österreichs und der Tschechoslowakei ist die Grenze verschwunden.
Familie Kohlberger-Holly ORF
Familie Kohlberger freut sich über die Reisefreiheit nach Tschechien
Universum History: Oberösterreich

Über die Sendung

Universum History: Unser Österreich - Oberösterreich
Fr, 2. November 2018, 22:35, ORF 2
Erstausstrahlung 31. Oktober 2017, 21:05
Eine besondere Geschichte aus dem Bundesland Oberösterreich, erzählt von einer besonderen Regisseurin Oberösterreichs - das bietet der 6. Teil der Universum History-Zeitgeschichte-Reihe „Unser Österreich“. Regisseurin Sabine Derflinger (Vorstadtweiber) liefert nach einem Buch von Thomas Baum (Rosenheim Cops) ein berührendes Familienporträt aus der Grenzlandregion des Mühlviertels. Das Doku-Drama mit dem Titel „Im Bann von Krieg und Besatzungszeit“ hat am Dienstag, den 31.10.2017 um 21.05 in ORF 2 im Rahmen eines Universum-Oberösterreich-Schwerpunkts seine Premiere.
Mit Spielszenen, ins Bild gesetzt von Kamerafrau Eva Testor, einzigartigen Amateurfilmen aus Freistadt, bewegenden Interviews und den Kommentaren des Lokalhistorikers Fritz Fellner macht der Film von Sabine Derflinger begreifbar, wie sich die Menschen im Mühlviertel trotz der einschneidenden Ereignisse des 20. Jahrhunderts in ihrer Heimat, die ihnen so viel bedeutet, behaupten konnten.