Der alte Bahnhof in Gmünd PD - Historische Postkarte
Universum History - Unser Österreich

Leben am eisernen Vorhang

PD - Historische Postkarte
Unser Österreich - Niederösterreich
Dienstag, 20. Dezember 2016
21.05 ORF2
Mit der neunteiligen Reihe „Unser Österreich“ dokumentiert „Universum History“ erstmals die Geschichte der Bundesländer. Anhand von neun Familien werden historische Wendepunkte, persönliche Schlüsselerlebnisse und die Auseinandersetzung mit Tradition und Veränderung thematisiert.

ORF TVthek: Geschichte Niederösterreichs
Das barocke Ambiente lädt zum Feiern ein. Das Palais Niederösterreich dient nicht nur Konferenzen und Seminaren als prunkvoller Rahmen, gerne werden hier auch Hochzeiten, Galadiners oder Schulbälle abgehalten. Und oft ahnen die Gäste nicht, an welchen geschichtsträchtigen Ort sie sich gerade befinden. Das Palais in der Herrengasse im 1. Wiener Gemeindebezirk war vormalig das Niederösterreichische Landhaus. Hier wurde auch die Republik Österreich aus den Trümmern der Donaumonarchie gegründet. Die Umstände waren in den Oktobertagen 1918 alles andere als feierlich. Der faktisch verlorene Weltkrieg näherte sich dem Ende, der Habsburger Kaiser Karl I. war nur noch theoretisch im Amt und musste zusehen, wie die vielen Völker sein Vielvölkerreich nacheinander verließen.
Zuerst die Slowenen, Kroaten und Serben, Ungarn löste den Ausgleich von 1867 auf und beendete damit die Doppelmonarchie, Regionen gingen an Italien, Polen und Rumänien und schließlich erklärte sich die Republik Tschechoslowakei für unabhängig. Inmitten der Auflösung der Donaumonarchie trafen sich am 21. Oktober 1918 208 deutschsprachige Abgeordnete des Reichsrates, des Parlaments der ehemaligen cisleithanischen Reichshälfte, des altösterreichischen Teiles der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, im Niederösterreichischen Landhaus. Sie gründeten die Provisorische Reichsversammlung, mit dem Ziel alle deutschsprachigen Einwohner des Habsburgerreiches in einem demokratischen Staat zu vereinen.
Gebietsansprüche Deutsch-Österreichs Niesen - Public Domain
Beanspruchtes Gebiet der Republik Deutschösterreich (1918-1919)
Die geplante Republik Deutschösterreich sollte dabei auch Gebiete einschließen, die bereits unter militärischer Kontrolle alter und neuer Nachbarstaaten standen: Südtirol, das Kanaltal, Marburg und die deutschsprachigen Gebiete in Böhmen und Mähren, die vom gerade ausgerufenen tschechoslowakischen Staat beansprucht wurden. Der Friedensvertrag von Saint-Germain, der von den Vertretern des jungen österreichischen Staates am 10. September 1919 unterzeichnet werden musste, setzte dann die Grenzen fest, die die Republik nie wollte. „Der Rest ist Österreich.“, so soll der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau den neuen Kleinstaat kommentiert haben. Ein berühmtes Zitat, das aber nie verifiziert werden konnte. Die Grenzen dagegen gelten heute noch.

„Der Rest ist Österreich“

Neue Grenzen für den Kleinstaat

Die Wiege Österreichs

Ob die 208 Abgeordneten der Provisorischen Nationalversammlung sich tatsächlich realistische Hoffnung gemacht haben, die deutschsprachigen Gebiete der Donaumonarchie erhalten zu können, entzieht sich, fast ein Jahrhundert später, der genauen Beurteilung. Sie wählten auf alle Fälle einen Ort, der symbolisch zur wechselvollen Geschichte des Landes gut passte. Im Niederösterreichischen Landhaus huldigten einst die Landesstände den Erzherzögen. Niederösterreich kann durchaus als Wiege Österreichs bezeichnet werden, mit der Namensgebung ist es auf alle Fälle verbunden.
„Ostarrichi“, wie die erste Nennung Österreichs in einer Urkunde von 996 lautete, wies auf Gebiete in der Umgebung des heutigen Neuhofen an der Ybbs hin. Davor diente die Region den fränkischen Herrschern als „Awarenmark“ gegen das gleichnamige Reitervolk aus dem Osten. Unter den Babenbergern wurde Ostarrichi zum selbstständigen Herzogtum. Die nachfolgenden Habsburger, erklärten Österreich zum Erzherzogtum, es entstand auch die administrative Trennung in ein Österreich ob-der-Enns und unter-der-Enns, das heutige Niederösterreich.
Wappen Niederösterreichs im Palais Niederösterreich ORF
Wappen Niederösterreichs im Palais Niederösterreich

Gmünd wird geteilt

Eigentlich war der Bahnhof als wichtiges Verkehrszentrum des Habsburgerreiches geplant worden, er wurde der Grund für eine zurückgeschobene Grenze. Gmünd war als Teil der Franz-Josefs-Bahn der Verkehrsknotenpunkt zwischen Wien, Prag, Budweis, Pilsen und Eger. Aus militärstrategischen Gründen wurde 1870 der Bahnhof 2 Kilometer außerhalb der Stadt angelegt. Rasch bildete sich rund um Station und Werkstätten ein neuer Stadtteil. Als Verbindung zwischen dem alten Gmünd und dem Bahnhof entstand 1907 die erste „gleislose Bahn“ Österreichs, der damalige Name für einen Oberleitungsautobus. Lange waren die Elektrobusse nicht Einsatz, im Ersten Weltkrieg musste der Betrieb aus Mangel an Ersatzteilen eingestellt werden.

Hochzeit im Grenzland

Zwischen den Kriegen: Befreundete Nachbarn
Für die Stadt Gmünd brachte der Große Krieg auch andere Veränderungen mit sich. Rund 30.000 Flüchtlinge aus der ganzen Donaumonarchie lagerten in der Nähe der niederösterreichischen Stadt am Fluss Lainsitz. Aus der Barackensiedlung der Kriegsflüchtlinge wurde später ein eigener Stadtteil, die Neustadt. Dafür ging Ende 1918 das Gebiet um den Bahnhof an die neue Republik Tschechoslowakei. Dem neuen Staat ging es vor allem um den verkehrswichtigen Knotenpunkt. Aus der Siedlung rund um den Gmündner Bahnhof wurde České Velenice.  Für die Einwohner auf beiden Seiten der neuen Grenze änderte sich nicht viel. Man besuchte weiter die Verwandten auf der anderen Seite der Lainsitz und auch für transnationale Eheschließungen war die neu geschaffene Grenze kein Hindernis.
Vertreibung und Flucht ORF
Niederösterreich

Die Vertreibung der Sudetendeutschen

ORF
Und wieder kamen Flüchtlinge nach Gmünd. Von 1945 bis 1946 war die niederösterreichische Grenzstadt für viele Sudetendeutsche die erste sichere Station auf dem Weg ins erzwungene Exil. Die Vertreibung von rund 3 Millionen deutschsprachigen Einwohnern von Böhmen, Mähren und den schlesischen Gebieten Tschechiens gilt als einer der großen Tragödien der frühen Nachkriegszeit. Vor allem die Zehntausenden von Todesopfer, die in der sogenannten „Wilden Phase“ der ethnischen Säuberung umgekommen sind, haben bis heute offene Wunden übrig gelassen.  
Und bis heute sind die Beneš-Dekrete, die am Anfang der gewaltsamen Vertreibung standen,  ein Streitpunkt zwischen Politikern in Österreich, Deutschland und Ungarn auf der einen und Tschechien und der Slowakei auf der anderen Seite. Diese waren Erlässe der tschechoslowakischen Exilregierung unter Edvard Beneš und der ersten Nachkriegsregierung. Von den 143 Dekreten legten 8 die Grundlage für die Ausbürgerung, Enteignung und Vertreibung der deutschsprachigen und ungarischen Bevölkerung. Es war der Endpunkt einer langen Geschichte des Misstrauens und gegenseitiger Unterdrückung zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die ihren Ausgangspunkt im Habsburgerreich hatte.

Vertreibung und Flucht

Gewaltsame Vergeltung für die Schreckensherrschaft

Der Ursprung des Konflikts

Im 19. Jahrhundert entdeckten die verschiedenen Ethnien in Europa ihre nationale Identität. Im Vielvölkerreich der Habsburger stand dies im Gegensatz zur kaiserlichen Herrschaftsidee. Zumindest für die Ungarn gab es 1867 den Ausgleich, fortan waren die Magyaren ein gleichberechtigtes Herrschaftsvolk mit eigener Regierung und Kaiser Franz Joseph war österreichischer Kaiser und ungarischer König in einer Person. Die Tschechen strebten eine ähnliche Gleichberechtigung im Reich an, die vom Herrscherhaus in Wien abgelehnt wurde.
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Ferdinand I. ließ sich Franz Josef nicht zum Böhmischen König krönen, um auch nicht über den Weg des alten Krönungsrituals die Ansprüche der Autonomisten anzuerkennen. Für die tschechischen Nationalisten eine Demütigung und ein weiteres Symbol für ihre Diskriminierung durch die Deutschsprachigen im Reich. Dabei lebten in Böhmen, Mähren und Schlesien seit dem Mittelalter Slawen und Deutsche neben- und miteinander. Prag war lange eine zweisprachige Stadt. Als 1918 die deutschsprachigen Gebiete von der jungen Republik Tschechoslowakei einverleibt wurden, waren auch Abgeordnete der Deutschsprachigen, verkürzt Sudetendeutsche genannt, Teil des Parlaments.
Sudetendeutsche Partei
Die SdP gewann 1935 landesweit 1.249.530 Stimmen und wurde nach der tschechischen Landwirtepartei RSZML zur zweitstärksten Partei im Parlament der Tschechoslowakei. Sie stellte 44 der 300 Sitze im Abgeordnetenhaus und 23 im Senat.
Nun flossen der SdP noch mehr Gelder aus dem "Dritten Reich zu und vertieften ihre Abhängigkeit von diesem. Am 28. März 1938 kam es zu einem Treffen des Parteivorsitzenden Konrad Henlein mit Adolf Hitler. Dabei erhielt Henlein die Weisung, der tschechoslowakischen Regierung stets Forderungen zu stellen, die diese unmöglich annehmen könne.
Darunter auch Mitglieder von Parteien, die jegliche Kooperation mit den slawischen Nachbarn ablehnten. 1933 wurde die Sudetendeutsche Partei  gegründet. Fühlten sich viele Mitglieder am Anfang eher altösterreichischen Traditionen verbunden, so wurde der Einfluss der NSDAP über die Jahre immer größer.  Bei den Parlamentswahlen 1935 konnte die Sudetendeutsche Partei die Mehrheit der deutschsprachigen Wähler für sich gewinnen. Die Spannungen unter den Volksgruppen stiegen. Im Münchner Abkommen zwischen Adolf Hitler und den Regierungschefs von Großbritannien und Frankreich wurden ohne Einbindung der Tschechoslowakischen Regierung die Abtrennung der Slowakei und die Eingliederung des Sudetenlandes, also aller deutschsprachigen Gebiete, in das Deutsche Reich beschlossen.
Für die Gmündner bedeutete der Einmarsch ins Sudetenland am 1. Oktober 1938 die Wiedervereinigung mit dem Stadtteil um den verloren gegangenen Bahnhof, aus České Velenice wurde Gmünd II. Mit Gmünd I wurde die Altstadt, mit Gmünd II die Neustadt, die aus der ehemaligen Flüchtlingssiedlung entstanden war, bezeichnet. Der Rest der ehemaligen Tschechoslowakei kam im Jahr darauf als „Protektorat Böhmen und Mähren“ unter die Herrschaft des Deutschen Reiches. Für die Tschechen begannen lange Jahre des Naziterrors. Eine gewaltsame Unterdrückung, die am Ende des Krieges von der Vergeltungswelle gegen die gesamte deutschsprachige Volksgruppe im Sudetenland abgelöst wurde.  
Grenzzaun nahe Cizov (Zaisa) PD - MM
Niederösterreich

Leben am Eisernen Vorhang

PD - MM
Mit der Vertreibung der Sudetendeutschen war auch eine Vorrausetzung für die spätere Errichtung des Eisernen Vorhang gegeben. Wo früher die Grenze vor allem durch die zahlreichen Beziehungen der Bevölkerung auf beiden Seiten durchlässig war, wurden bis in die später 50er Wachtürme, Hochspannungszäune und Minenzonen errichtet.  1948 übernahmen die Kommunisten die Macht in der Tschechoslowakei.
Die 453 Kilometer lange Grenze zwischen Österreich und der  ČSSR, wie sich das realsozialistische Land selber bezeichnete, galt als der gefährlichste Teil des Eisernen Vorhangs, gefährlicher als die Mauer zwischen DDR und BRD. In den 60ern lockerte das Regime seine Zügel, Tschechoslowakische Bürger durften dauerhaft auswandern, die Hochspannungszäune wurden durch Stacheldraht ersetzt.  Als der Prager Frühling 1968 gewaltsam von den Sowjetpanzern niedergeschlagen wurde, wurde auch die Grenze wieder dicht gemacht.

Der eiserne Vorhang schließt sich

Gmünd am Rand zur Systemgrenze
Insgesamt sind über hundert zivile Tote, die in dem gefährlichen Grenzstreifen zu Österreich gestorben sind, nachgewiesen. Geschätzt werden die tatsächlichen Opfer auf ein Vielfaches davon. Auch von den rund 20.000 Grenzsoldaten, die hier stationiert waren, sollen rund 650  in der Zone tödlich verunglückt sein. Die Grenzbefestigungen hielten bis 1989. Im November des Jahres überschlugen sich die Ereignisse. 5000 DDR-Bürger lagerten in Prager Botschaft der DDR. Die Tschechoslowakische Regierung erlaubte ihnen die Ausreise.
Es war der Beginn vom Ende des Eisernen Vorhangs. In Bratislava und in Prag leiteten große Demonstrationen die „Samtene Revolution“ ein, die Tschechoslowakei wurde wieder eine freie demokratische Republik. Im Dezember 1989 wurden die ersten Grenzbefestigungen zu Österreich bereits abmontiert. Mittlerweile fahren die Gmündner wieder ungehindert über die Lainsitz. Die Grenze von 1918 wurde vom Vereinten Europa abgeschafft.

Die gefährlichste Grenze Österreichs

Der Kalte Krieg fordert Todesopfer
Universum History: Niederösterreich

Über die Sendung

Universum History: Unser Österreich - Niederösterreich
Do, 1. November 2018, 22:50, ORF 2
Erstausstrahlung: 20. Dezember 2016, 21:05
Mit dem Frieden von St. Germain wurde 1919 eine prosperierende Wirtschaftsregion zerschnitten und zerstört, Südböhmen und nördliches Waldviertel. Die Grenze teilte sogar die Stadt Gmünd in einen tschechischen und einen österreichischen Teil. Während in der ersten Republik die Grenze nicht richtig ernst genommen wurde und die alte Nachbarschaft weiter bestand, erschuf die NS-Rassenpolitik eine Kluft zwischen Herrenmenschen und Untermenschen, Deutschen und Slawen.
Die Revanche mit der Vertreibung der Sudetendeutschen sollte folgen. Die Grenze wurde manifest - bis zum Eisernen Vorhang. Eine tödliche Grenze! Wie Familie Fürnsinn, deren Haus an der Demarkationslinie stand, über Jahrzehnte erlebte. Erst 1989, dann das Schengener Abkommen und der Beitritt der Tschechoslowakei zur EU sorgten für die Wiederbelebung von Beziehungen und Wirtschaft.
Bisher unbekannte Originalfotos aus regionalen Archiven in Österreich und Tschechien sowie Interviews mit Zeitzeugen und den Historikern Elisabeth Vavra und Harald Winkler dokumentieren das historische Geschehen in einer Dokumentation, die nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar ist und auch als Live-Stream auf der ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) angeboten wird.
Gestaltung: Anita Lackenberger