Luftbild Kärnten ORF
Unser Österreich - Kärnten

Ein Jahrhundert unterm Mittagskogel - Stoletje pod Jepo

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Menschen als Spielball der Großmächtepolitik – die Geschichte Kärntens im 20. Jahrhundert ist davon auf dramatische Weise geprägt. Inmitten eines Kulturraums mit slowenischen und deutschen Einflüssen sorgte der Nationalismus für Narben, die erst heute mit dem Verständnis für ein vielsprachiges Europa langsam verheilen.

Karantanien, Kärnten, Koroška

Mehr als 1.000 Jahre lang lebten deutsch und slawisch sprechende Gruppen auf dem Gebiet des heutigen Kärnten friedlich nebeneinander. Bereits um 600 n.Chr. wurde das heute südlichste Bundesland Österreichs gegründet - von Alpenslawen, die im Zuge der Völkerwanderung hier sesshaft wurden. Karantanien nannten sie es - slowenisch Korotan.  

Von Karantanien zu Kärnten

Karantanien im Frühmittelalter ORF
Im 8. Jahrhundert gehörten auch weite Teile der Steiermark, von Osttirol, Salzburg, Ober- und Niederösterreich zu Karantanien.
Kärnten in der Donaumonarchie ORF
Revolutionen, Kriege und religiös motivierte politische Machtverschiebungen veränderten Kärnten bis Mitte des 19. Jahrhunderts. 1849 bekam es seine Landeseinheit zurück und wurde Teil der Donaumonarchie.
Das Bundesland Kärnten heute ORF
Mit dem Friedensvertrag von St. Germain musste Österreich 1919 auf Teile von Kärnten verzichten. Das Kanaltal kam zu Italien. Die Gemeinde Seeland, heute Jezersko, und das Mießtal wurden dem SHS-Staat zugesprochen.
Im Norden wurde das Fürstentum immer wieder von den Franken bedrängt, im Osten von den Awaren. Schließlich baten die Karantanen die Baiern um Hilfe, die daraufhin die Oberhoheit über Karantanien übernahmen. Unter Karl dem Großen geriet Karantanien dann aber dennoch unter fränkische Herrschaft.
In diesen Phasen wechselnder Einflüsse wanderten germanische Stämme zu - für sie hieß ihre neue Heimat Kärnten. Im Jahr 976 wurde Karantanien - Korotan - Kärnten eigenständig - das älteste Herzogtum auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Auf slowenisch hieß es nun Koroška.
Revolutionen, Kriege und religiös motivierte politische Machtverschiebungen veränderten Kärnten bis Mitte des 19. Jahrhunderts. 1849 bekam es seine Landeseinheit  zurück und blieb bis zum Zerfall der Donaumonarchie unter Herrschaft der Habsburger.

Sprache, die trennt statt verbindet - das Mysterium Windisch

Wer die Komplexität der Kärntner Geschichte (und wohl auch der Gegenwart) verstehen will, kommt um das Thema Sprache nicht herum. Offiziell gibt es in Kärnten zwei Sprachen - Slowenisch und Deutsch. Blickt man in die Vergangenheit, ist auch von Windisch die Rede.
Worum es sich bei Windisch genau handelt, darüber haben sich schon zahlreiche Experten und Sprachinteressierte den Kopf zerbrochen. Ob sich Slowenisch aus dem Windischen entwickelt hat, mit diesem immer ident war, ob Windisch der Oberbegriff für alle slawischen Sprachen oder ‚nur’ einer der zahlreichen slowenischen Dialekte ist, darüber gibt es - je nach fachlicher Ausrichtung - unterschiedliche Auffassungen. In der Sprachwissenschaft ist man sich einig, dass Windisch als eigene Sprache nie existiert hat - der Begriff wurde als wertneutrales Synonym für Slowenisch bzw. die slawische Sprache der Karantanen verwendet. 
Unumstritten ist, dass der Begriff rund um die Volksabstimmung in den 1920er Jahren zur Stigmatisierung einer ganz bestimmten slowenischsprachigen Gruppe missbraucht wurde. Die ‚Windischen’ waren plötzlich all jene, die sich ‚österreichfreundlich’ verhielten - die deutschnationale Politiker für dementsprechend assimilierungswillig hielten während diese aus Sicht der nationalbewussten slowenischsprachigen Kärntner ‚Verräter in den eigenen Reihen’ waren.
Wer meint, dass von dieser Stigmatisierung ein Jahrhundert später nichts mehr bemerkbar ist, irrt. Bis heute wird der Begriff ‚Windisch’ sowohl in der slowenisch als auch in der deutsch sprechenden Gruppe wertend verwendet - als positiv oder negativ, je nachdem, welcher politischen Richtung man nähersteht.

Herzogtum Kärnten

Für die Menschen im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn war linguistische Etikettierung irrelevant. Sprachliche und kulturelle Vielfalt war im Reich der Habsburger selbstverständlich. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde diese Vielfalt - durch das Verhandeln der verfassungsmäßigen Stellung von ethnischen und religiösen Gruppen - zu einem der größten Probleme der Donaumonarchie, die manche - vor allem nach dem Ausgleich mit Ungarn 1867 - als ‚Völkerkerker’ bezeichneten. Die slowenische Volksgruppe in Kärnten fühlte sich (ebenso wie die Tschechen im Norden Österreichs) durch die Mehrheit der deutsch sprechenden Bevölkerung und deren ‚Verwaltungshoheit’ und politischer Einflussnahme benachteiligt.

Slowenischsprachig in Kärnten

Slowenisch galt als ‚Bauernsprache’ und minderwertig. Bestrebungen der slowenischsprachigen Bevölkerung nach nationaler Selbstverwaltung führten bereits um die Jahrhundertwende zu Nationalitätenkonflikten.
Janez Gallob Toni Gallob
Janez Gallob
1905 wird Janez Gallob am Truppi-Hof auf knapp 1.100 m Seehöhe in der Gemeinde Finkenstein geboren. Als 9jähriger wird er zum ersten Mal mit den Vorurteilen gegenüber der slowenischsprachigen Bevölkerung konfrontiert. ‚Mit diesem wilden Volk, das noch in Erdlöchern wohnt, werden die Soldaten in drei Tagen aufräumen’, erklärt der Lehrer den Schülern zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Dass auch er einer diesen Wilden sein soll, ‚die den Opfern mit den Zähnen den Hals durchbeißen und mit den Taschenmessern alles abstechen, was sie in den Griff bekommen’, versteht er erst später. 
1. Weltkrieg - Südwestfront ORF
Frontland Kärnten

Die Folgen des Ersten Weltkriegs

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In kaum einem anderen Bundesland waren die unmittelbaren Auswirkungen des Ersten Weltkriegs so spürbar wie in Kärnten. Der Lärm der Kampfhandlungen entlang der südlichen Landesgrenze drang bis tief in die Täler und Ortschaften vor - auch zum Tratnikhof von Familie Ressmann in Ledenitzen. Jahrelang tobte im Hochgebirge ein erbitterter Stellungskrieg zwischen der k.u.k. Armee und den Italienern.

Die neuen Grenzen

Mit dem Ende des Krieges zerfiel die Habsburgermonarchie. Der Friedensvertrag von St. Germain regelte die Grenzen der neu entstehenden Staaten -  und riss über Jahrhunderte gewachsene Kultur-, Natur- und Wirtschaftsräume auseinander.
Die beiden südlichen Nachbarländer Österreichs machten unmissverständlich ihre Gebietsforderungen geltend.
6. Dezember 1918 ORF
Der neu gegründete SHS-Staat, das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, bekam das Seeland und das Mießtal und schickte Truppen, die binnen weniger Wochen den gesamten Südkärntner Raum besetzten.
Das Kanaltal wurde von Italien besetzt und diesem - trotz der mehrheitlich deutsch und slowenisch sprechenden Bevölkerung - auch zugesprochen. Viele dieser italianisierten Kärntner entschieden sich zwei Jahrzehnte später bei der von Hitler und Mussolini geschlossenen Vereinbarung für die sogenannte Option - die Rückkehr ins Deutsche Reich. Um ihnen Höfe in der ‚neuen Heimat’ zu verschaffen, wurden slowenisch sprechende Kärntner deportiert.

Die vergessenen Kärntner

Viele vor allem ältere Bewohner der 1919 abgetrennten Gebiete bezeichnen sich heute noch als Kärntner, obwohl sie seit Jahrzehnten italienische oder ehemals jugoslawische und nun slowenische Staatsbürger sind. Die neuen Grenzen hatten massive, teils dramatische Auswirkungen auf ihr Leben. Für den neu gegründeten Staat Deutsch-Österreich waren sie plötzlich nicht mehr existent. Im deutschsprachigen Raum ist nicht viel über sie bekannt. Zu den wenigen Erzählungen über diese ehemaligen Kärntner zählt ein dreiteiliges Buch über eine Ortschaft etwa 20 km Luftlinie von Bleiburg entfernt. ‚Jamnica. Das Dorf in der Kärntner Mulde’. Die heute zu Slowenien gehörende Region heißt immer noch Koroška - Kärnten.

Kärnten in Gefahr

Kärnten in Gefahr - Plakat Kärntner Landesarchiv
Kärnten in Gefahr - Plakat
Ende 1918 forderte der slowenische Nationalrat in Laibach den Anschluss von Kärnten an Jugoslawien, während die provisorische Kärntner Landesversammlung den Beitritt zu Deutsch-Österreich erklärte und beschloss, dem Vormarsch der SHS-Polizei bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen. Südslawische Truppen wurden innerhalb weniger Tage vertrieben - nur Völkermarkt blieb vorübergehend noch in ihren Händen.

Politisches Lagerdenken schürt den Konflikt

Überall im Südkärntner Raum entstanden in jenen Nachkriegswochen und -monaten auch innerhalb der slowenischen Bevölkerung Differenzen. Nationalbewusste Kärntner Slowenen traten für einen Anschluss an Jugoslawien ein und bezeichneten ihre ‚heimattreuen’ Mitbürger abfällig als 'Nemčurji' - ‚Deutschtümler’.
Der Kärntner Landespolitik unter Vorsitz des deutschnationalen Arthur Lemisch gelang schließlich die Spaltung der slowenischen Sprachgruppe - die ‚Guten’, das waren die ‚Deutschfreundlichen’, ‚Windischen’, von denen eine freiwillige Germanisierung erwartet wurde. Die ‚Schlechten’, Nationalbewussten, die lieber zu Jugoslawien gehören wollten als zu Deutsch-Österreich, sollten nach der Volksabstimmung vertrieben werden.
Viele slowenischsprachige Kärntner wollten indes nur eines - weiterhin eigenständig ihren Lebensunterhalt bestreiten. Wer sich zu diesem Zeitpunkt politisch betätigte, wurde automatisch verdächtigt, dem falschen Lager anzugehören. Viele von ihnen mussten ihre Gehöfte und Häuser fluchtartig und nicht selten durch Hintertüren verlassen, weil sie von Mitbürgern mit dem Tod bedroht wurden. Wer Glück hatte, kam nach wenigen Wochen wieder nach Hause. Für manche aber bedeutete der plötzliche Nationalismus monatelange Flucht, Lagerhaft und Misstrauen gegenüber jedem, auch ehemals guten Bekannten, Nachbarn und teilweise sogar Familienangehörigen.

Zerrieben zwischen den Fronten - Grabenkämpfe am Beispiel von Zell/Sele

Welche Auswirkungen die politischen und ideologischen Machtkämpfe in Kärnten auf die Menschen hatten, lässt sich am Beispiel einer kleinen zweisprachigen Südkärntner Gemeinde erkennen - Zell/Sele, eine Streusiedlung mit damals etwa 1.000 Einwohnern, die sich über fast 400 Höhenmeter auf mehrere Ortsteile in Tälern, Hochebenen und entlang von Bachläufen verteilt.
Zell - Sele Hans M. Tuschar
Zell - Sele
Am Fuss des mächtigen Grenzgebirges gelegen zählte es zu den ersten Orten, die von SHS-Soldaten besetzt wurden. Nicht viele waren es, denn nach dem Ende des Weltkriegs wollten die meisten Männer nur noch nach Hause. Personalmangel herrschte aber auch bei den deutsch-österreichischen Volkswehrsoldaten, die zur Befreiung von Zell anrückten. Trotzdem geriet Zell binnen kurzem zwischen die Fronten. Einige Ortsteile wurden von deutschen Wachen kontrolliert, in anderen patrouillierten slowenische. Immer wieder kam es zu Feuergefechten.
Janez Kelich Hans M. Tuschar
Janez Kelich
Für die Bevölkerung von Zell waren die Kämpfe lebens- und existenzbedrohend. Deutsch-österreichische Volkswehrsoldaten hätten sich wie wilde, ausgehungerte Raubtiere benommen, klagte der ehemalige Zellaner Bürgermeister, Bauer Janez Kelich. ‚Sie haben den ganzen Schnaps und Wein ausgesoffen und stopften sich die Rucksäcke mit Fleisch voll’, ist in seiner Chronik nachzulesen. ‚Dann erschossen sie noch zwei Schweine und trieben zwei Ochsen davon.’ Kelich sollte die ihm gerade gestohlenen Güter - ‚auch ein Jagdgewehr, das ganze Brot, Weizenmehl, ein Fernglas, die goldene Uhr meiner Schwester Justi’ und weitere persönliche Dinge - mit seinen Pferden selbst wegführen. Er floh und der Nachbarsohn musste an seiner Stelle den Transport übernehmen.
Angesichts solcher Vorkommnisse verwundert es nicht, dass der österreichischen Heimwehr vielfach kein Vertrauen entgegengebracht wurde. Gerade deshalb wurden aber auch viele - unabhängig davon, ob sie politisch aktiv waren oder nicht - verhaftet. Auf dem Weg nach Klagenfurt wurden Zellaner Gefangene geprügelt und beschimpft, schilderte Revierförster Nikolaus Maurer jun. in seinem Lebenslauf. ‚Da begannn eine Frau auf die Bewacher einzuschreien, warum sie so dumm wären und sich die unnötige Mühe machten, diese ’Tschuschen' nach Klagenfurt zu bringen, wo es doch einfacher wäre, sie gleich hier und jetzt zu erschießen.'
Die Miles-Mission
Sherman Miles Kärntner Landesarchiv
Sherman Miles
Während die Kärntner Abwehrkämpfer einen Großteil der von den SHS-Truppen besetzten Gebiete zurückeroberten, fanden in Graz Waffenstillstandsverhandlungen statt. Anwesend war dabei auch der amerikanische Offizier Sherman Miles. Er bot sich als Vermittler an, reiste nach Kärnten, sprach mit Kärntnern beider Sprachgruppen und überzeugte sich persönlich von den Gegebenheiten. In seinem Bericht kam er zu einem eindeutigen Ergebnis - Kärnten sollte nicht geteilt werden. Das Klagenfurter Becken sei eine wirtschaftlich-geografische Einheit, schrieb er, die Karawanken eine natürliche Landesgrenze und viele Kärntner Slowenen würden lieber zu Österreich gehören als zu Jugoslawien. Sein Bericht wurde an den amerikanischen Präsidenten weitergeleitet, der in St. Germain die Friedensgespräche führte. Kärnten wurde die Abhaltung einer Volksabstimmung zuerkannt und der Staatsname ‚Deutsch-Österreich’ wurde verboten.
Die Zonen zur Volksabstimmung 1920 ORF
Kampf um Kärnten

Die Volksabstimmung und ihre Folgen

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Ohne Volksabstimmung musste Kärnten laut Friedensvertrag auf knapp ein Zehntel seiner Landesfläche verzichten. Das Kanaltal wurde Italien zugesprochen, das Mießtal und das Seeland kamen zu Jugoslawien. In Südkärnten sollten die Bewohner selbst entscheiden, ob sie zu Österreich oder zu Jugoslawien gehören wollten.
Die Volksabstimmung wurde vorerst nur für Zone A festgelegt - ein Gebiet, das zu zwei Dritteln von slowenisch sprechenden Kärntnern bewohnt war. In Zone B sollte die Bevölkerung nur befragt werden, falls sich die Mehrheit von Zone A für einen Anschluss an Jugoslawien entschied.
Mit zweisprachigen Wahlplakaten und viel negativer Propaganda für die jeweilige Gegenseite warben sowohl Österreich als auch Jugoslawien um die Abstimmungsberechtigen. Die provisorische Kärntner Landesregierung versprach den Kärntner Slowenen die Anerkennung ihrer nationalen Existenz und das ‚Angedeihen derselben Fürsorge ihres geistigen und wirtschaftlichen Aufblühens’ wie der deutschsprachigen Bevölkerung.
Plakat zur Volksabstimmung in Kärnten
Plakat zur Volksabstimmung in Kärnten
59% der Wähler entschieden sich für den Verbleib bei Österreich - etwa jede zweite Stimme für Österreich kam von einem Kärntner mit slowenischer Umgangssprache.

'Los und ledig wollen wir sein …'

Bereits kurz nach der Wahl machte die Kärntner Landesregierung deutlich, dass sie nicht nur kein Interesse daran hatte, ihre Wahlversprechen einzuhalten - vielmehr tat sie genau das Gegenteil. ‚Los und ledig wollen wir all derjenigen sein, die den heiligen Frieden unserer Heimat schändeten’, verkündete Arthur Lemisch, um das rigorose und rücksichtslose Vorgehen zu erklären.
Für unzählige slowenisch sprechende Kärntner begann der nächste Alptraum. Dutzende Priester, Lehrer, Arbeiter und Angestellte im öffentlchen Dienst wurden entlassen oder in deutschsprachige Gebiete versetzt, slowenische Schulen wurden geschlossen, der Slowenisch-Unterricht zu einem Freigegenstand degradiert. Perfid widersetzte sich die Politik den Bedingungen des Staatsvertrags. Viele Mitglieder der Volksgruppe mussten das Land verlassen, weil sie keine Arbeit mehr fanden.
Beschwerden der Kärntner Slowenen beim Völkerbund blieben ergebnislos. Den Bürgern in den slowenischen Gemeinden blieb nichts anderes übrig, als sich mit den neuen politischen Machtverhältnissen zu arrangieren. Im Alltagsleben und bei Kulturveranstaltungen blieben Muttersprache und slowenische Traditionen bis 1938 lebendig.
1928, ein Jahrzehnt nach der politischen Neuordnung, wird Franc, der erste Sohn von Familie Ressmann aus Ledenitzen, geboren. Mit seinen acht Geschwistern wächst er inmitten des slowenischen Kulturraums auf. ‚In meiner Klasse 1934/35 waren eigentlich nur zwei Kinder, die deutsch geredet haben’, erinnert er sich.
Familie Ressmann 1942 Familie Ressmann/ORF
Familie Ressmann
Im selben Jahr übernimmt der mittlerweile 23jährige Janez Gallob den Truppi-Hof hoch oben in den Karawanken in der Gemeinde Finkenstein. Mit Müh und Not kann er sich und seine Familie in den kommenden Jahren über Wasser halten. Als slowenisch sprechender Kärntner gerät er immer öfter ins Fadenkreuz nationalsozialistischer Amtsträger. Tagtäglich bekommt er Besuch von Zollbeamten und Grenzgendarmen, ab 1938 steht er unter ständiger Beobachtung. Immer wieder hat er das Gefühl, dass ihn jemand im Tal denunziert.
Hakenkreuzfahne am Landhaushof Kärntner Landesarchiv
Hakenkreuzfahne am Landhaushof
Reichsgau Kärnten

Ausgrenzung und Deportation

Kärntner Landesarchiv
Bereits in den 1930er Jahren war es den Nationalsozialisten gelungen, Kärnten zu einer ihrer Hochburgen zu formen. In Klagenfurt wurde die NSDAP 1931 zur zweitstärksten Gemeinderatsfraktion gewählt. Nach dem ‚Anschluss’ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 war Kärnten das erste Bundesland, dessen Verwaltung sich vollständig in nationalsozialistischer Hand befand - binnen eines Tages meldete die Landesregierung die Machtübernahme nach Wien.
Franc Ressmann macht als 10jähriger mit Schulkollegen im Hotel Mittagskogel zum ersten Mal Erfahrungen mit dem neuen Regime.

Franc Ressmann erzählt

‚In den Ostwind hebt die Fahnen’

Franc Ressmann reißt Plakate ab ORF
Franc Ressmann reißt Plakate ab
Zwei Jahre später, etwa im Mai 1940, reißt er zwei Plakate von einem Ständer. ‚’Räder müssen rollen für den Sieg' und ‚In den Ostwind hebt die Fahnen’. Das mit dem Ostwind hat mir nicht getaugt', erzählt er.
Auch wenn sie vom NS-Regime als Volksfeinde diffamiert wurden - der Einberufung zur Wehrmacht entgingen auch viele slowenischsprachige Kärntner nicht.
Anton Haderlap Antonia Haderlap
Anton Haderlap 1941
Während sie an verschiedensten Fronten ihr Leben für Hitler riskierten, wurden ihre Angehörigen in ihrer Heimat von NS-Schergen terrorisiert. Zurück blieben verzweifelte Ehefrauen, Kinder und Hofmitarbeiter, für die das Bewirtschaften der Höfe zusehens unmöglich wurde. Demütigungen und Tyrannei standen auf der Tagesordnung.
‚Wir waren bereits Ausgestoßene, für den Tod bestimmt’, erinnerte sich Anton Haderlap vom Vinkl-Hof in Leppen/Lepena zeitlebens an seine Kindheit. Die Wunden, die der Raub ihrer Identität, Muttersprache und Existenzgrundlage hinterließ, verheilten bei vielen ihr ganzes Leben lang nicht.

Die Vermessung von St. Jakob

Bis vor kurzem vollkommen unbekannt waren ‚rassenkundliche Untersuchungen’ der Nationalsozialisten, die ab 1938 die Südkärntner Bevölkerung mittels genauer Vermessungen auf deren ‚arische’ und ‚nicht arische’ Merkmale überprüfen wollten. Von 3.200 Gemeindebürgern in St. Jakob im Rosental wurden Fotografien und Messdatenblätter angelegt, insgesamt ermittelten die NS-Ideologen Werte wie Kopfgrösse, Augenfarbe, Nasen- und Ohrenlänge von mehr als einer halben Million Menschen im gemischtsprachigen Grenzgebiet Österreich-Jugoslawien. Mit dem angeblich hohen Anteil ‚nordischer Typen’ legitimierte das Hitler-Regime im nachhinein  den Überfall auf Jugoslawien.
Die Vermessung von St. Jakob Andrea Lehner
Die Vermessung von St. Jakob

Arisierungen und Deportation der Kärntner Juden

Beinahe unbemerkt und laut dem Historiker Werner Koroschitz ‚in bestem Einvernehmen mit der Bevölkerung’ wurde die kleine jüdische Gemeinde Kärntens ausgelöscht. Für den Großteil der Bevölkerung war die Vertreibung der Juden die logische Konsequenz antisemitischer Strömungen, die seit der Jahrhundertwende salonfähig geworden waren. Bereits vor 1938 wurden jüdische Geschäftsleute als Paradebeispiele für Geldgier und Kapitalismus diffamiert. Den meisten gelang rechtzeitig die Flucht, völlig mittellos mussten sie sich im Ausland ein neues Leben aufbauen.
Ausgrenzung und Terror
Überall in den slowenischen Gemeinden Kärntens nahmen Repressalien und Verhaftungen ein unvorstellbares Ausmaß an. Bauern, die ihre eigenen Tiere zur Versorgung der Familie schlachteten und nicht dem Regime überließen, wurden aufgrund dieser ‚Schwarzschlachtungen’ zum Tode verurteilt oder in KZs gebracht. Slowenisch zu sprechen wurde verboten, jene, die nur schlecht deutsch sprachen, trauten sich nicht mehr aus ihren Häusern. Slowenische Kinder wurden in der Schule beschimpft, verhört und tyrannisiert, weil man ihnen vorwarf, mit den ‚Banditen in den Gräben’ zu sympathisieren. Unter den Nachbarn wuchs das Misstrauen, Gestapo und SS-Patrouillen kontrollierten Höfe und das Alltagsleben der Bewohner.

Die Grünen Kader

Für unzählige kärntnerslowenische Wehrmachtsangehörige, die an den Kriegsschauplätzen, während ihrer Heimaturlaube oder direkt in ihren Dörfern mit den Geschehnissen konfrontiert waren, wurde die Situation unerträglich. Bereits 1939 desertierten und flohen die ersten. In Ställen, Wirtschaftsgebäuden oder in handgezimmerten Erdbunkern im Wald nahe ihrer Angehörigen wollten sie das Kriegsende abwarten. Familienmitglieder und Nachbarn versorgten sie mit dem Lebensnotwendigsten, riskierten damit aber selbst Gefängnisstrafen oder Tod. Manche dieser ‚Grünen Kader’ flohen nach Slowenien, doch als die deutsche Wehrmacht 1941 auch Jugoslawien okkupierte, wurde es für sie wieder eng.

Die Partisanen formieren sich

Partisanen in Kärnten und Slowenien Muzej novejse zgodovine Slovenija Ljubljana
Partisanen in Kärnten und Slowenien
Für den Kampf gegen den Faschismus wurde 1941 in Ljubljana die OF, die slowenische Befreiungsfront, gegründet. Zahlreiche Kärntner Slowenen, die mitunter schon mehr als ein Jahr im Untergrund verbracht hatten, schlossen sich - oft nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus Überlebensdrang - anfangs kleinen lokalen Verbänden an, die den deutschen Soldaten erbittert Widerstand leisteten. Im Laufe des Krieges formierte sich daraus die Partisanenbewegung, die für viele Kärntner mit slowenischer Umgangssprache die einzige Alternative wurde.
Marija und Mihael Haderlap Antonia Haderlap
Marija und Mihael Haderlap
Auf den Höfen versuchten die zurück gebliebenen Familienmitglieder, den Betrieb so gut es ging aufrecht zu erhalten. Bei Verdacht, sie könnten den Partisanen oder Deserteuren nahestehen, wurden Frauen - auch Mütter und Großmütter - verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Ohne die Hilfe von Verwandten und Nachbarn wäre den Kindern ein Überleben nicht möglich gewesen. Aber auch all jene, die solche im SS-Jargon diffamierten ‚Banditenkinder’ unterstützten, gerieten ins Visier von Gestapo und SS. Viele Kinder hatten keine andere Wahl, als bei den Partisanen Schutz zu suchen.
Auch Familie Haderlap steht unter permanenter Kontrolle. Um einer drohenden Einberufung zum Militärkommando zu entgehen, lässt sich Mihael Haderlap von den Partisanen ‚zwangsrekrutieren’. Kurz darauf wird seine Frau ins KZ Ravensbrück deportiert, die beiden Söhne, der 10jährige Zdravko und der 13jährige Anton, bleiben nach schweren Misshandlungen durch NS-Schergen allein am Hof zurück. Kurzzeitig übernimmt eine Tante die Betreuung, doch als auch ihr die Verhaftung droht, fliehen sie alle zu den Partisanen.
‚Wie ein im Käfig eingesperrter Vogel’ - Das Tagebuch des Tomaž Olip
Gedenkstein in Zell Andrea Lehner
Gedenkstein in Zell
Wieder ist es die kleine Gemeinde Zell/Sele, die in dieser Zeit in einen traurigen Mittelpunkt rückt. Mit Kriegsbeginn machte sich gegenüber dem neuen Regime Ernüchterung bis offene Feindseligkeit breit. Zahlreiche Bürger desertierten bzw. versteckten sich statt der Einberufung zu folgen. Monatelang verharrten sie bei jeder Witterung, auch bei Minusgraden und hohem Schnee, in Erdbunkern im Wald und wurden unter lebensgefährlichem Einsatz ihrer Familien und Freunde versorgt.
Einer von ihnen, der knapp 30jährige Tomaž Olip, führte ab Juni 1942 regelmäßig Tagebuch. Ende desselben Jahres wurde er verraten und verhaftet, im Bunker fand die Gestapo auch seine Aufzeichnungen. Etwa 200 - teils willkürliche - Verhaftungen waren die Folge. 13 Männer und Frauen, darunter auch Tomaž Olip und sieben weitere Personen aus Zell, wurden von Blutrichter Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 29.4.1943 in Wien hingerichtet. Mehr als zwei Dutzend der Verhafteten starben in Konzentrationslagern, durch Folter oder Haftbedingungen. Unzählige weitere Zellaner fielen dem Nazi-Terror zum Opfer. Bis Kriegsende lieferten sich in Zell Partisanen und NS-Polizisten blutige Gefechte.
Lager und Zwangsarbeit
Im April 1942 begann die Deportation hunderter slowenischsprachiger Kärntner - einerseits um Platz zu schaffen für die Kanaltaler, die ins Großdeutsche Reich übersiedeln wollten. Andererseits, um das ‚Slowenenproblem’ endgültig zu lösen.
‚Das doppelsprachige Gebiet des Reichsgaues Kärnten (ehemaliges Abstimmungsgebiet) ist zur Bereinigung der volkspolitischen Lage für die Ansetzung der Kanaltaler besonders herauszuziehen’, schrieb Heinrich Himmler am 25. August 1941 in seiner Anordnung über die Aussiedlung der Kärntner Slowenen.

Die Deportation der Familie Ressmann

Familie Gallob wird am 14. April 1942 aufgefordert, den Truppi-Hof binnen einer halben Stunde zu verlassen. 14 Jahre lang hatte sie die Landwirtschaft mit eigenen Händen wieder aufgebaut.
Familie Gallob im Lager Hagenbüchach Marica Koren
Familie Gallob im Lager Hagenbüchach
‚Ich glaube, ich wäre zum Allerschlimmsten fähig gewesen’, beschrieb Janez Gallob nachträglich die unfassbare Situation, ‚aber da entsann ich mich meiner großen Familie. Meine Frau stand beim Herd wie gelähmt und kreidebleich.’ Gemeinsam mit ihren sechs Kindern werden sie frühmorgens von drei Polizisten abgeführt.
Trauma Deportation
Familie Haderlap 1943 Antonia Haderlap
Familie Haderlap im Frühjahr 1943 - wenige Monate bevor sie auseinandergerissen wird
Familie Haderlap in Leppen/Lepena bei Eisenkappel wartet in ihren besten Kleidern und bei einer Art Henkersmahlzeit auf die Abholung. Der Abschiedsbesuch der Nachbarn ist dem damals 12jährigen Anton Haderlap bis ins hohe Alter im Gedächtnis geblieben. ‚Den Nachbarn wurde ein wahres Festmahl bereitet’, schrieb er. ‚Das war etwas Besonderes, ein Abschiedsmahl ohne Toten. Wir saßen die ganze Nacht beisammen.’
Mehr als 900 Kärntner Slowenen wurden von ihren Höfen vertrieben, in verschiedene deutsche Lager gebracht und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Viele kamen in Konzentrationslager, aus denen sie nicht zurückkehrten. Für Familie Haderlap gab es am 16.4.1942 eine überraschende Wende - sie wurde nicht deportiert. Verschont blieb sie trotzdem nicht (von links nach rechts auf dem Foto):
  • Die knapp 20jährige Mici wird im Oktober 1943 verhaftet und 1944 im KZ Lublin ermordet;
  • Marija Haderlap wird im Oktober 1943 ins KZ Ravensbrück deportiert und kehrt nach Kriegsende zurück;
  • Der 10jährige Zdravko wird im Oktober 1943 stundenlang von deutschen Polizisten gefoltert;
  • Mihael Haderlap flieht im September 1943 zu den Partisanen;
  • Der 12jährige Anton wird am Tag der Verhaftung seiner Mutter von deutschen Polizisten geschlagen bis er Blut hustet und mit dem Erschießen bedroht. Gemeinsam mit seinem Bruder Zdravko sucht er im April 1944 Schutz bei den Partisanen;
Sieben Jahrzehnte später wird Maja Haderlap mit ‚Engel des Vergessens’ das Schicksal ihrer schwer traumatisierten Familie literarisch verarbeiten.

Die Rückkehr der Gallobs

Truppi Hof Pepi Gallob
Nachdem die Versorgungslage der Nazis beinahe zusammenbrach, wurden einige Deportierte wieder nach Hause gebracht. Familie Gallob kehrt im Juli 1942 auf den Truppi-Hof zurück. Ständig überwacht muss sie nun nicht nur den geplünderten Hof wieder herrichten, sondern auch die von NS-Behörden geforderten Lebensmittel bereitstellen. Schwarzschlachtungen und der Verdacht auf Partisanenunterstützung werden weiterhin mit KZ oder Todesstrafe geahndet.
‚Ich erfuhr von dem Gerede im Tal, das der Kopanig und der Truppi mit den Partisanen in Verbindung sein mussten, da ihnen noch nie etwas abgenommen wurde.’ Mit diesen Worten schildert Janez Gallob, wie schnell bestimmte Familien in den Verdacht regimekritischer Agitation gerieten. Er weiss sich zu helfen. ‚Deshalb organisierte ich in der ersten Woche im September 1944 bei uns beiden eine Verpflegungsaktion größeren Ausmaßes.’ Zwei Monate später schließt er sich selbst den Partisanen an.

Die Alliierten unterstützen die Partisanen

Ab 1944 wurde der Kärntner Partisanengruppe eine englische Militärmission zugeteilt. Deutsche Einheiten erklärten Kärnten daraufhin zum ‚Bandenkampfgebiet’ und versuchten in Großoffensiven, die Karawanken zu ‚säubern’. Dennoch gelang den Partisanen die Befreiung einiger Orte in Südkärnten. Fast zeitgleich mit den Alliierten erreichten sie Klagenfurt.

Rückkehr nach dem Krieg

Familie Haderlap kehrt erst nach Kriegsende auf den völlig zerstörten Vinkl-Hof zurück. Nicht nur das gesamte Inventar und die Nahrungsmittelvorräte, sogar die Fenster und Türen waren gestohlen worden. 'Im  Getreidespeicher leere Kästen, ohne Korn oder Nahrung', erinnert sich Anton Haderlap. ‚Keine Hühner waren zu sehen, nicht einmal Mäuse, selbst die Fliegen hatten den Stall verlassen.’
Nach mehr als drei Jahren Gefangenschaft kann auch Familie Ressmann in ihre Heimat zurückkehren.

Die Rückkehr der Familie Ressmann

Neue Regierung, alte Seilschaften

Nach Kriegsende wurde Kärnten Teil der britischen Besatzungszone. Tito schickte jugoslawische Truppen bis Klagenfurt und stellte Gebietsansprüche, die erst 1949 endgültig abgewiesen wurden. Doch der beginnende Kalte Krieg warf bereits seine Schatten voraus. Die Briten, die im Krieg noch die Partisanen unterstützt hatten, erkannten nun eine Kärntner Landesregierung an, in der Politiker mit NS-Vergangenheit saßen. Kärntnern mit slowenischer Umgangssprache wurde allesamt unterstellt, Kommunisten zu sein.
Grenze der britischen Zone am Loiblpass Kärntner Landesarchiv
Britische Zone im Nachriegsösterreich
Jene, die auf Seite der Partisanen gekämpft hatten, wurden - teilweise sogar auf öffentlichen Flugschriften - als ‚Massenmörder’, ‚Banditen’ und ‚Tito-Agenten’ beschimpft und ausgegrenzt, slowenischer Widerstand gegen die Faschisten als ‚kommunistischer Terror’ verurteilt. ‚Rechtlos waren wir’, schreibt Anton Haderlap. ‚Nach dem Krieg wurden wir von der Heimat empfangen als wären wir Fremde. Wir wurden verhöhnt, geprellt und beschämt, weil wir uns gegen die Okkupanten zur Wehr gesetzt haben.’
Jahrelang mussten slowenisch sprechende Kärntner um die Rückerstattung ihrer vom Nazi-Regime beschlagnahmten Besitztümer kämpfen. Als ‚Feinde Kärntens’ wurde ihnen materielle Wiedergutmachung mit teils absurden Begründungen vorenthalten. Britische Besatzungssoldaten errichteten eine Sperrzone, die mitten durch den Siedlungsraum der slowenischsprachigen Kärntner verlief.

‚Österreich ist frei’

Leopold Figl ORF
Außenminister Leopold Figl
Und doch beriefen sich Vertreter der provisorischen österreichischen Bundesregierung bei den Staatsvertragsverhandlungen auf diese sogenannten ‚Feinde Kärntens’. 1943 hatten die Alliierten in der Moskauer Deklaration einen eigenen Beitrag Österreichs zur Befreiung der NS-Herrschaft gefordert, um Österreich als demokratisches und unabhängiges Land anzuerkennen. Der Partisanenkampf als der einzige organisierte und militärisch wichtigste Widerstand auf österreichischem Boden ebnete den Weg zum Staatsvertrag. Dank und Anerkennung für ihren mutigen und lebensgefährlichen Einsatz blieben den kärntnerslowenischen Freiheitskämpfern und allen, die sie dabei unterstützt hatten, aber weiterhin verwehrt.
Stefan Ressmann ORF
Nach dem 2. Weltkrieg

Der Neubeginn

ORF
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Kärnten in einer wirtschaftlich katastrophalen Lage. Zerstörte Infrastruktur, Mangelwirtschaft und Lebensmittelknappheit prägten das Land, tausende Kärntner waren an den Fronten gefallen, befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft oder waren auf der Flucht. Erst mit dem Auftreten des Massentourismus in den 1950er Jahren verbesserte sich die wirtschaftliche Lage. Straßen und Bahnlinien wurden ausgebaut, desolate Gebäude renoviert, Hotels und Privatquartiere neu errichtet und die Industrie modernisiert.
Protest gegen Diskriminierung ORF
Protest gegen Diskriminierung
Viele Versuche um eine Gleichstellung der beiden Volksgruppen scheiterten an nach wie vor aktiven deutschnationalen Gruppierungen. Obwohl den in Österreich lebenden Minderheiten per Staatsvertrag dieselben Rechte garantiert werden wie allen anderen österreichischen Staatsbürgern, verweigerte die Politik unter Federführung des Kärntner Heimatdienstes kategorisch deren Umsetzung. Die Aufstellung zweisprachiger Ortstafeln geriet zur Farce.
Der Ortstafelstreit - ein jahrzehntelanger Konflikt
Zweisprachige Ortstafeln werden abgerissen ORF
Zweisprachige Ortstafeln werden abgerissen
Die Horden der vermeintlich ‚heimattreuen’ Kärntner, die mit Unterstützung von Polizei und Kärntner Regionalpolitikern durch das Land zogen und zweisprachige Ortstafeln demolierten, führten bei vielen slowenischsprachigen Kärntnern zu einer Retraumatisierung. Manche wurden sogar persönlich terrorisiert, ihre Privathäuser von Autokolonnen umstellt und die Bewohner mit Hupkonzerten eingeschüchtert.

Der Ortstafelsturm in Kärnten

Bombendrohungen und Ausschreitungen ließen die Lage beinahe eskalieren. Die Aggressionen richteten sich nicht nur gegen die slowenischsprachige Minderheit in Kärnten, sondern auch gegen die Bundesregierung unter Kanzler Bruno Kreisky. Besonders der Kärntner Heimatdienst heizte die Stimmung an.
Proteste ORF
Die slowenischsprachige Volksgruppe beharrte auf ihrer Forderung nach zweisprachigen Ortstafeln und die Einhaltung des Artikels 7 des Staatsvertrags. Mit einem neuen Volksgruppengesetz versuchte Bundeskanzler Kreisky den Konflikt beizulegen, doch eine damit verbundene umstrittene Volkszählung wurde von slowenisch sprechenden Kärntnern boykottiert. In Zell/Sele verschwand sogar die Wahlurne.
Krieg in Slowenien ORF
Krieg in Slowenien
1991, nach dem Zerfall Jugoslawiens, rückte der Ortstafelstreit für kurze Zeit in den Hintergrund. An der Grenze Kärntens wurde wieder geschossen, der Posten Lavamünd sogar von Kampfjets angegriffen. Zehn Tage lang kämpfte Slowenien um seine Unabhängigkeit, 2004 trat der neue demokratische Staat der EU bei. Jahrhunderte lang hatte die Grenze Kärntens zu seinem südlichen Nachbarn für Konflikte gesorgt, nun begann sie sich wieder zu öffnen.
( Link: Krieg vor der Haustüre )

Fortsetzung des Ortstafelkonflikts

Jörg Haider ORF
Jörg Haider
Im Konflikt um zweisprachige Ortstafeln lieferten sich FPÖ und Jörg Haider mit Slowenen-Vertretern, Bundesregierung, Historikern und Verfassungsgerichtshof mehr als zehn Jahre lang Auseinandersetzungen - teils aktionistisch und lautstark. 2011, drei Jahre nach Haiders Tod, fand eine Konsensgruppe schließlich zu einer gemeinsamen Lösung. Unter der Initiative von Regierungskoordinator Josef Ostermayer einigten sich alle Beteiligtenvertreter auf 164 zweisprachige Ortstafeln.

Ein Land, zwei Volksgruppen und ein Graben

Heute, 100 Jahre nach der Gründung Österreichs, herrscht Friede zwischen den beiden Volksgruppen - zumindest oberflächlich. Das Trauma jahrzehntelanger Diskriminierung und Gewalt hat in der Gesellschaft über Generationen hinweg tiefe Wunden hinterlassen - und eine nach wie vor spürbare Disharmonie.
Die von Hans Sima Ende der 1960er Jahre geprägte Idee vom Alpen Adria Raum, der auch Teile von Slowenien und Italien umfasst und friedliche zwischenstaatliche Zusammenarbeit zum Ziel hat, ist Realität geworden. Politische Grenzen haben sich aufgelöst - um die Grenzen aber auch in den Köpfen abzubauen, wird es noch viel politisches Bemühen und guten Willen auf beiden Seiten brauchen.
Von den ehemals slawischen Gründern Kärntens ist heute nur noch eine Minderheit vorhanden - viele junge Kärntner wissen gar nicht, dass ihre Eltern und Großeltern slowenische Wurzeln haben. Nicht einmal 3% der Kärntner sprechen Slowenisch als Muttersprache. Dass es wieder mehr werden, dafür engagieren sich - auch - die Enkelkinder der ehemals Vertriebenen.

Unterricht in slowenischer Sprache

Der Tratnikhof wird seit mehr als 250 Jahren auch heute noch von Familie Ressmann bewirtschaftet.
Der Truppi-Hof von Familie Gallob wurde bis 1952 bewohnt, danach zog die Familie ins Tal.
Am Vinkl-Hof von Familie Haderlap bemüht sich Zdravko Haderlap, die Geschichte lebendig zu halten.
Universum History: Kärnten

Über die Sendung

Universum History: Unser Österreich - Kärnten
Do, 1.November 2018, 22:05 Uhr, ORF 2
Erstausstrahlung: 7. Juni 2016, 21:05 Uhr
Inmitten eines Kulturraums, der italienische, slowenische und deutsche Einflüsse hat, die hier über Jahrhunderte zusammenkamen, sorgte der Nationalismus für Narben, die erst mit dem Verständnis für ein vielsprachiges Europa langsam verheilen. Im 7. Jahrhundert als Karantanien von den Slawen gegründet, war es bis zum Ende der Donaumonarchie ein Kronland, das auch Gebiete des heutigen Italien und des heutigen Slowenien umfasst. Mit der Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg sorgte der Nationalismus des 20. Jahrhunderts für eine gespaltene Gesellschaft. 
Mittendrin im Geschehen eines Jahrhunderts: der Hof der Familie Ressmann im Rosental am Fuß des Mittagskogels, eines Karawanken-Gipfels an der Grenze zu Slowenien und nahe Italien – eine Region, die im Lauf der Zeit gleich mehrfach militärisch umstritten war. Im Ersten Weltkrieg entstand unweit von hier die Front gegen Italien. Mit dem Ende der Monarchie lag ihr Hof in einem Gebiet, das vom neu gegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen beansprucht wurde und erst nach der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 bei Österreich blieb. 
Der Film begleitet ein außergewöhnliches Familienschicksal vom Ersten Weltkrieg bis heute. Der Lauf des 20. Jahrhunderts wird über vier Generationen die Geschichte der kärntnerisch-slowenischen Familie aus Ledenitzen/Ledince erzählt.
Gestaltung: Robert Schabus, szenische Regie: Andrina Mračnikar
Webgestaltung: Andrea Lehner

Quellen:

  • Janez Gallob: Meine Lebensgeschichte in der Zeit von 1905 - 1945, private Aufzeichnungen 1983
  • Janez Gallob: Spomini/Erinnerungen, Verlag Mohorjeva Hermagoras 2018
  • Anton Haderlap: Graparji. So haben wir gelebt - Erinnerungen eines Kärntner Slowenen an Frieden und Krieg, Verlag Drava, 2011
  • Maja Haderlap: Engel des Vergessens, Verlag Wallstein 2011
  • Hans M. Tuschar: Zell/Sele - Herz der Karawanken/Srce Karavank, Verlag Heyn 1993
  • Brigitte Entner: Wer war Klara aus Šentlipš/St.Philippen?, Verlag Drava 2014
  • Brigitte Entner: Was der Mensch alles erlebt - Widerstand und Verfolgung in der Gemeinde Zell 1938-1945, Verlag Mohorjeva Hermagoras 2018
  • Wilhelm Baum (Hrsg.): Das Tagebuch des Thomas Olip - Wie ein im Käfig eingesperrter Vogel, Verlag Kitab 2010
  • Nadja Danglmaier/Werner Koroschitz: Nationalsozialismus in Kärnten: Opfer. Täter. Gegner, Studien Verlag 2015
  • Werner Koroschitz, Verein Industriekultur und Alltagsgeschichte: Zimmer frei - Die Entwicklung der ‚Fremdenpflege’ in Kärnten, Verlag Heyn 2018
  • Werner Koroschitz, Alexandra Schmidt, Verein Erinnern Villach: Im besten Einvernehmen - Antisemitismus und NS-Judenpolitik im Bezirk Villach, Verlag Heyn 2014
  • Werner Koroschitz, Kulturverein Rož: Das Vermessungsamt - Die ‚rassenkundliche’ Untersuchung in St. Jakob im Rosental im Sommer 1938, Verlag Mohorjeva Hermagoras 2018
  • Reginald Vospernik: Zweimal aus der Heimat vertrieben. Die Kärntner Slowenen zwischen 1919 und 1945. Eine Familiensaga, Verlag Kitab 2011
  • Tone Jelen: Auf den Spuren der Hoffnung, Verlag Drava 2007
  • Peter Handke: Immer noch Sturm, Verlag Suhrkamp 2010
  • Prežihov Voranc: Das Dorf in der Kärntner Mulde, Verlag Kitab 2013
  • Wilhelm Baum u.v.a. (Hrsg.): Das Buch der Namen - Die Opfer des Nationalsozialismus in Kärnten, Verlag Kitab 2010
  • DÖW, Klub Prežihov Voranc, Institut za proučevanje prostora Alpe-Jadran : Spurensuche Band 4: Erzählte Geschichte der Kärntner Slowenen, Verlag ÖBV 1990
  • DÖW: Jahrbuch 2009: Bewaffneter Widerstand - Widerstand im Militär, LIT Verlag 2009