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Universum History - Unser Österreich

Burgenland - Ein Grenzfall

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Was ist eigentlich das Burgenland? Historiker Herbert Brettl hat auf diese Frage eine – für manche vielleicht – überraschende Antwort. Eine Antwort, die aus historischer Sicht aber absolut unbestritten ist: „Zunächst einmal gibt es keinen Burgenländer und keine Burgenländerin,“ sagt Brettl. „Das ist Westungarn und hier leben deutschsprachige, kroatischsprachige, romanessprachige und ungarischsprachige mit verschiedensten Religionen zusammen. Es gibt also keine Einheit.“
Als das jüngste Bundesland Österreichs 1921 schließlich zu Österreich kommt, nennen sich 285.000 Menschen Burgenländer und Burgenländerin. Doch anfangs gibt es wenig Identitätsstiftendes, das für alle gleichermaßen gilt. Kaum etwas haben die Menschen der pannonischen Weite im Norden mit jenen des waldigen Hügellandes im Süden gemein – auch nicht in Pinkafeld. „Wir sind mentalitätsmäßig eher der Steiermark angegliedert“, sagt Seniorchef Reinhard Träger. „Und rund um den Neusiedler See sind sie mehr nach Niederösterreich orientiert.“

Keine Einheit, mehrere Identitäten

„Im Burgenland war seit  1.000 Jahren Westungarn, hier leben Menschen verschiedenster Sprachen und Religionen,“ sagt Historiker Herbert Brettl. Tatsächlich wird es nach der „Geburt“ des Burgenlandes noch Jahrzehnte dauern, bis aus der bunten Mischung aus Deutschen, Kroaten, Ungarn, Juden und Roma ein gemeinsames Ganzes erwächst. Kurioserweise ist es gerade die Grenzlage am Eisernen Vorhang, die die Burgenländer und Burgenländerinnen langsam zusammenrücken lässt, ohne dabei die Vielfalt der Volksgruppen im Burgenland zu gefährden. „Es gibt eine Pluralität“, sagt die Historikerin Ursula Mindler-Steiner, „und mit der wächst man hier ganz einfach auf.“
Ernö Träger ist nach dem Zusammenbruch der Monarchie wieder bei der Familie in Pinkafeld ORF/Metafilm
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Viele Identitäten

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Dass im Burgenland mehrere Identitäten nebeneinander bestehen, haben die Mitglieder der Familie Träger im 20. Jahrhundert hautnah miterlebt. Schon seit 1780 betreiben die Trägers eine Bäckerei und Konditorei in Pinkafeld, ungarisch Pinkafö. Ein Familienmitglied, Ernest „Ernö“ Träger, war bei vielen wichtigen Weichenstellungen des 20. Jahrhunderts Teil im Entscheidungsprozess für dieses Bundesland.
Ohne es selbst zu wollen, wurde Ernö Träger aus Pinkafeld sogar zu einem der Väter des Burgenlandes. Denn nach dem Ersten Weltkrieg – als der deutschsprachige Teil Westungarns zu Österreich kommt – akzepiert Ernö Träger den „Anschluss“ an Österreich nicht – und muss schlussendlich doch, als ungarischer Kommissär, jene Grenze ziehen, die das Burgenland bis heute von Ungarn trennt.
Ernest „Ernö“ Träger macht nach dem Ende der Monarchie in Ungarn Karriere ORF/Metafilm
Ernest „Ernö“ Träger macht nach dem Ende der Monarchie in Ungarn Karriere und steigt bis zum Staatssekretär auf.
Danach bleibt er auf der ungarischen Seite der Grenze, macht Karriere, steigt bis zum Staatssekretär in Budapest auf. Als die Kommunisten in Ungarn aber nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht kommen, ist auch Ernst „Ernö“ Träger seinen Posten los. 1956, beim Volksaufstand gegen die kommunistische Führung, will er schließlich das erste Mal aus Ungarn fliehen – und scheitert. Erst der Fall des Eisernen Vorhangs sollte die Trägers aus Österreich und Ungarn wieder zusammenführen.
„Ernö Träger zeigt uns das Burgenland von der anderen Seite. Er hat es immer nur als Teil Ungarns gesehen. Als er es schließlich doch als Teil Österreich akzeptiert, ist es für ihn zu spät, “ sagt Regisseur Fritz Kalteis zu Ernö Träger, Hauptfigur der Dokumentation. „Der größte Glücksfall für den Film ist aber zweifelsohne die Familie Träger“, betont Regisseur Fritz Kalteis. „Sie hat uns erlaubt, tief in ihre eigene Geschichte einzutauchen, in der sich alle großen Ideologien des 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Somit gewinnen wir einen Einblick, der absolut einzigartig ist.“

Pulsierender Lebensraum

Heute ist aus dem einstigen Armenhaus Österreichs längst ein pulsierender Lebensraum, aus dem „Grenzfall“ Burgenland ein Erfolgsprojekt geworden. Reinhard Träger ist heute stolz auf sein Heimatland: „Ich habe immer gesagt, dass ich aus dem Burgenland bin. Die längste Zeit hat der Westen von Österreich ja geglaubt, im Burgenland, da gehen sie noch barfuß. Aber die merken jetzt auch: Da ist es super zum Leben.“
Universum History: Burgenland

Über die Sendung

Universum History: Unser Österreich - Burgenland
23.10.2018, 21:05 Uhr, ORF 2
Die Geschichte der Familie Träger aus Pinkafeld zeigt deutlich die Schwierigkeiten, die die Grenzziehung 1920 für die Region des ehemaligen Westungarn mit sich brachte. Trotz deutscher Sprache optierten einige Familienmitglieder, darunter Ernst Träger, der sich später Ernö nennt, für Ungarn. In der Zwischenkriegszeit wird er zum glühenden Magyaren, während der Rest seiner Familie in Österreich lebt, und im Burgenland eine Bäckerei betreibt.
Mit dem Kommunismus beginnen die Zweifel Trägers. Er will wieder zurück. Eine erste Möglichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem wiederaufgenommenen Grenzstreit, schlägt er aus. Als er schließlich in den 1960er Jahren mit österreichischen Papieren ausgestattet, zurück will, ist es zu spät. Die ungarischen Behörden lassen ihn nicht ausreisen. Er kann nie wieder zu seiner Familie nach Pinkafeld zurück. Für seine Nachfahren kein Problem. Sie pendeln zwischen Schauplätzen ihrer Familiengeschichte zwischen Pinkafeld und Budapest.
Gestaltung: Fritz Kalteis