22:33

VPS 22:35

DEU

Stereo

16:9

ORF 2 Europe

Länge: 1h 31min

UT

tv.ORF.at/universum

Universum History

Vertreibung - Odsun: Die Geschichte der Sudetendeutschen

Jahrhundertelang lebten sie als Nachbarn am heutigen Gebiet Tschechiens friedlich nebeneinander: Tschechen und Tschechinnen sowie Sudetendeutsche. Doch die deutsche Gewaltherrschaft, der Zweite Weltkrieg und die Vertreibung – auf Tschechisch Odsun/Abschub – nach Kriegsende zerstörten diese Welt. Rund drei Millionen Sudetendeutsche mussten nach 1945 ihre Heimat verlassen, rund 120.000 fanden in Österreich eine neue Heimat.

Zeit der Aufarbeitung

Lange Zeit hatte jedes Land sein eignes Narrativ der Geschichte. Es herrschte eine „getrennte“ Erinnerung auf die Ereignisse vor. Die neue Universum-History Dokumentation „Vertreibung - Odsun: Die Geschichte der Sudetendeutschen“ bemüht sich nun erstmals – im Rahmen eines 90 Minuten Specials – um eine gemeinsame Aufarbeitung. 1945, nach Kriegsende: Es kommt zur Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung, zu Erschießungen und Übergriffen. Lange Zeit ein Tabu, Jahrzehnte gibt es keine Aufarbeitung.

Unbestritten ist: Schuld und Unrecht gibt es auf beiden Seiten: „Wenn wir mit Tschechen über das Unrecht der Vertreibung der Deutschen sprechen wollen,“, sagt der deutsche Historiker Michael Schwartz, „dann geht das eigentlich nur, wenn wir uns vorher klarmachen, was die deutsche Besatzungspolitik Tschechien bis 1945 gemacht hat.“
Bis heute ist die historische Bedeutung des ehemaligen tschechoslowakischen Präsidenten Edvard Beneš sowie der „Beneš-Dekrete“, auf deren Grundlage Deutsche 1945 enteignetet und entrechtetet wurden, umstritten. Eine kritische Reflexion der eigenen Nachkriegsgeschichte wagt die tschechische Gruppe Antikomplex. Ihre Arbeit thematisiert, dass auch die tschechische Seite durch die Vertreibung etwas verloren hat: Davon zeugen etwa 1.000 verschwundene Siedlungen in den ehemaligen Sudetengebieten, vor allem im Erzgebirge. Königsmühle, im Erzgebirge, ist so etwas wie ein Symbol für die Vertreibung der Sudetendeutschen geworden.

ORF/LOOKSfilm/Gunnar Dedio

Im Bild: Das verlassende Sudetendorf Königsmühle im Erzgebirge.

Der „Todesmarsch von Brünn“

Unmittelbar nach Kriegsende wurden alle 53 Einwohner und Einwohnerinnen von Königsmühle vertrieben. Rosemarie Ernst, vermutlich die letzte in Königsmühle geborene Deutsche, berichtet vom Trauma, das die monatelange Odyssee nach Deutschland bei ihr und vielen der Vertriebenen verursacht hat.

Die Schriftstellerin Kateřina Tučková hat sich in ihrem Roman „Gerta“ mit dem „Todesmarsch von Brünn“ beschäftigt. Dabei wurden am 1. Juni 1945 rund 27.000 deutschsprachige Einwohner und Einwohnerinnen aus der Stadt vertrieben. Bis heute ist nicht geklärt, wie viele Menschen diesen mehr als 50 km langen Fußmarsch nicht überlebt haben. Leo Zahel ist einer dieser Überlebenden. Der in Wien lebende Zahel erinnert sich an den Marsch, aber auch daran, dass die Stadt Brünn/Brno sich 2015 bei allen Opfern entschuldigt hat.

ORF/LOOKSfilm/Johannes Straub

Im Bild: Die Schriftstellerin Kateřina Tučková hat 2009 ein Buch über die Vertreibung der Deutschen aus Brünn, Brno veröffentlicht – bis dahin ein Tabu-Thema.

Die internationale Koproduktion „Vertreibung. Odsun – Die Geschichte der Sudetendeutschen“ lässt deutsche, tschechische und österreichische Zeitzeugen zu Wort kommen. Dafür wurden, zum Teil erstmals seit 1945, Orte des Geschehens aufgesucht. Neben den Zeitzeugen und Zeitzeuginnen kommen die tschechische Schriftstellerin Kateřina Tučková oder Petr Mikšíček – einer der Mitbegründer der Gruppe Antikomplex – zu Wort. Historiker und Historikerinnen aus den drei Ländern geben einen Einblick in den Stand der Aufarbeitung. Der Film ist eine internationale Koproduktion von LOOKSfilm, dem Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), Česká televize und dem ORF, in Zusammenarbeit mit Arte.

Ein Film von Vít Poláček und Matthias Schmidt

ORF/LOOKSfilm

Im Bild: In den Ruinen des ehemaligen Sudetendorfes Königsmühle erinnern Kunstwerke an die Bewohner und den „Odsun“.