20:15

Dokumentation

VPS 20:15

AUT 2020

Stereo

16:9

ORF 2 Europe

Länge: 54min

UT

'100 Jahre Salzburger Festspiele'

Das Große Welttheater – Salzburg und seine Festspiele

(c) ORF

Zum 100. Geburtstag der Salzburger Festspiele haben der ORF, ARTE und der BR einen außergewöhnlichen szenischen Dokumentarfilm in Auftrag gegeben: Von der Gründung 1920, über den künstlerischen Widerstand nach Hitlers Machtergreifung, den Neustart 1945, bis zur Ära Karajan und einem Exkurs in die Gegenwart gewährt der Film einen Schlüssellochblick auf die Dramen und unbekannten Ereignisse hinter den viel beschworenen Festspielen.

Trailer zum Film

Regisseurin Beate Thalberg wählte dafür ein unterhaltsames Setting: Franz Swatosch, der langjährige und historisch verbriefte Diener von Festspielgründer Max Reinhardt, bereitet auf dessen Salzburger Schloss Leopoldskron ein besonderes Diner vor.

(c) ORF/pre TV

Florian Teichtmeister und Max Reinhardt

Am Tisch sitzen die Schlüsselfiguren der Festspiel-Geschichte - die Gründer Max Reinhardt, Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss. Die Künstlerinnen und Strateginnen Helene Thimig, Margarete Wallmann und Anna von Mildenburg. Hinzu stößt der Erneuerer und Komponist Gottfried von Einem. Der eine am Tisch ist Jahrgang 1864, die andere erzählt von ihren Erlebnissen in den 1960er-Jahren. Wie das sein kann?

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Florian Teichtmeister als Diener Franz Swatosch bei der Arbeit

Auf Schloss Leopoldskron gehen die Uhren eben etwas anders. Und während bei Tisch gestritten und gelacht wird, schleichen schwarz-weiß-Figuren aus dem Archiv durchs Haus. War das nicht gerade die legendäre Schauspielerin Elisabeth Bergner? Eine Entdeckung von Max Reinhardt und tatsächlich oft zu Gast auf Leopoldskron, der "Hinterbühne der Festspiele". Hier wurde alles geplant, hier empfing Max Reinhardt seine Festspielfamilie aus Künstler/innen, Geldgebern und Hollywood-Magnaten zu rauschenden Festen und stillen Spaziergängen.

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Schauspielerin Elisabeth Bergner auf Schloss Leopoldskron

Diener Franz, die vermeintliche Nebenfigur der Festspiele, ist bestens informiert. Er rollt die Ereignisse in Rückblenden auf, die Tafelrunde kommentiert und reflektiert. Grundlage der Dialoge sind authentische Äußerungen der historischen Figuren. Da gibt es viel Neues zu entdecken: Salzburg, das einzige Festival weltweit mit einem gesellschaftsphilosophischen Programm, das sich schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg ein vereinigtes Europa und die Kunst als Mittel zum Frieden auf die Fahnen schreibt.

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Florian Teichtmeister als Diener Franz Swatosch bei der Arbeit

In den 20er- und 30er-Jahren bestimmen Regisseurinnen wie Margarete Wallmann mit neuer Sachlichkeit und modernem Ausdruckstanz die Bühne. Salzburg, eigentlich ein Zufall - auch in der Schweiz oder in Deutschland hatte sich Max Reinhardt schon nach einem geeigneten Festival-Ort umgesehen. Star-Dirigent Arturo Toscanini, der 1933 von der deutschen Regierung verlangt, sofort die Verfolgung von Juden zu stoppen. Und als dies nicht geschieht, erbost sein Stamm-Festival Bayreuth in Richtung Salzburg verlässt, um hier eine künstlerische Widerstandburg gegen den Nationalsozialismus zu gründen. Der französische Schriftsteller Mauriac schreibt begeistert: "Deutschland hat keinen schlimmeren Feind als Mozart!".

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Ein Diener (Florian Teichtmeister) verschafft sich Gehör

Der Film enthüllt auch, wie sehr Salzburg immer von der Lokalpolitik abhängig war. Der 28jährige Erneuerer der Festspiele, Komponist Gottfried von Einem, wird über eine politische Intrige stolpern. Und "Weltmusiker" Herbert von Karajan beherrscht genauso wie die Festivalgründer die Kunst der Vernetzung, bis die globale Klassik-Industrie ihre weltweiten Millionen-Geschäfte allsommerlich in der "bedeutendsten Provinzstadt der Welt" abwickelt.

Unbekanntes Film-Material aus weltweit 30 Archiven zeigt neue Facetten des Festivals. So konnten nicht nur Sequenzen von Reinhardts Festspiel-Familie aus 1927 in sommerlicher Ausgelassenheit gefunden werden, sondern auch nie gesehenes Material mit Dichter Hugo von Hofmannsthal oder Opernstar Anna von Mildenburg. Sowie zahlreiche Privatfilme, von der österreichischen Schauspieldynastie Thimig, Dirigent Bruno Walter bis Hollywood-Star Douglas Fairbanks jun.

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Florian Teichtmeister als Diener Franz Swatosch bei der Arbeit

Für die Rolle des Erzählers konnte der österreichische Burg- und Filmschauspieler Florian Teichtmeister gewonnen werden, der den Diener elegant und mit einem wissenden Augenzwinkern gestaltet. Ganz in der Tradition von Molière, Goldoni oder Da Ponte, weiß auch dieser Diener stets mehr als seine Herrschaft. Er berichtet genauso nah und authentisch aus den 20er- wie aus den 90er-Jahren. Ist er am Ende vielleicht ganz allein im großen Schloss? Die Kamera ist zwar stets nah am Tisch der Kronzeugen, lauscht ihren Geheimnissen, doch irgendwie ist sie immer gerade so gerichtet, dass man die Tischgesellschaft nicht sehen kann.

Die szenisch gestalteten Stimmen übernahm ein hochkarätiger Cast aus österreichischen und deutschen Film- und Theaterschauspielert/innen: Johannes Silberschneider, Marie-Luise Stockinger, Petra Morzé, Robert Meyer, Miguel Herz-Kestranek, Jan Bülow, Paula Schramm.

Buch und Regie: Beate Thalberg