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VPS 21:05

AUT

Stereo

16:9

ORF 2 Europe

Länge: 46min

UT

Wiederholung am
22.07.2020, 12:10

tv.ORF.at/universum

'Im Sommer die Welt entdecken'

Universum

Wildnis der Schweiz – Die Engadiner Bergwelt

Schweiz, 1914: Der erste Nationalpark der Alpen wird im Engadin ins Leben gerufen. Man will einen Ort schaffen, an dem die Natur ohne den Eingriff des Menschen studiert werden kann. Heute wird sichtbar, wie sich eine hochalpine Landschaft mit ihren Tieren ohne menschliches Zutun entwickelt. Universum taucht ein in ein wildes Land am Rande von Gletschern und dunklen Wäldern.

ORF/Kurt Mayer Film

Im Bild: Das Engadin birgt die Wildnis der Schweiz. In Höhen ab 1600 Metern locken unberührte Lebenswelten.

Faszination Engadin

Vor knapp 100 Jahren wurde im Schweizer Engadin der erste Nationalpark der Alpen gegründet: Man wollte ein Refugium für Wildtiere schaffen und einen Ort, den sich die Natur selbst – ohne Eingriff des Menschen – gestalten sollte. Das Engadin, der „Garten des Inn“, beherbergt mit dem Nationalpark auch heute noch das größte unangetastete Wildnisgebiet der Schweiz. Diese Region sollte beispielgebend sein für viele ähnliche Projekte und Vorbild für Dutzende weitere Nationalparks im alpinen Raum. Für die „Universum“-Dokumentation „Wildnis der Schweiz – Die Engadiner Bergwelt “ haben sich Kurt Mayer und Judith Doppler ein Jahr lang dieser faszinierenden Region gewidmet.

ORF/Kurt Mayer Film

Im Bild: Der Luchs gehört zu unserer heimischen Tierwelt und langsam erobert er seinen ursprünglichen Lebensraum zurück.

Wasserscheide im Zentrum Europas

Wenn sich im Frühling die Morgensonne in den blaugrünen „Augen“ der Oberengadiner Seenplatte spiegelt, dann füllen sich langsam die Wildbäche der Region und mächtige Wasserfälle stürzen die riesigen Felswände hinab. Der Wasserreichtum haucht dieser hochalpinen Region Leben ein. Durchs Wasser wird es hier im Sommer grün, wagen sich auch Wildtiere bis in extreme Höhen vor. Ein Wassertropfen, der während eines sommerlichen Gewitters hier fällt, darf sich entscheiden, ob er über Inn und Donau ins Schwarze Meer fließt, über den Rhein in die Nordsee will oder den Weg nach Süden nimmt, um schließlich in der Adria zu landen. Heute jagen im Engadin Steinböcke munter über steile Wände, und prächtige Bartgeier betreiben eifrig ihre Knochenschmieden – und selten, aber doch regelmäßig, steckt auch wieder ein Luchs seine Nase in diese hochgelegene alpine Wildnis. Aber das war nicht immer so.

ORF/Kurt Mayer Film

Im Bild: Die kristallblauen Augen der Engadiner Berge sind nährstoffreiche Quellen für Inn, Donau und Rhein.

Ungewöhliche Taktik zur Arterhaltung

Durch die intensive Bejagung ging der Steinbock-Bestand in der Schweiz massiv zurück – um 1906 waren Steinböcke endgültig ausgerottet. Nur noch im italienischen Gran Paradiso, im königlichen Jagdrevier im Aostatal, gab es noch einen kleinen Steinbock-Bestand, strengstens bewacht von den königlichen Jägern. Erst das beherzte Einschreiten eines betuchten Schweizer Hoteliers, der im aufkommenden Alpinismus-Boom zu Geld gekommen war, sorgte für die Rückkehr der Steinböcke in die Schweiz. Wenn auch auf höchst illegalem und höchst gefährlichen Weg: Der Mann musste beträchtliche Geldsummen in die Hand nehmen, um Wilderer zu bezahlen, die Kopf und Kragen riskierten, um gestohlene Steinbock-Kitze in Kisten verpackt aus dem Jagdrevier des italienischen Königs illegal in die Schweiz zu schleusen. Damit die Jungtiere auf dem langen Weg über die Alpen nicht verdursteten, wurden sie unterwegs regelmäßig von heimlich bereitgestellten Ziegen gesäugt.

ORF/Kurt Mayer Film

Im Bild: Mit fast 3 Metern Flügelspannweite ist der Bartgeier der größte Greifvogel der Alpen. Seine erfolgreiche Wiederansiedlung ist ein einzigartiges Beispiel für grenzüberschreitenden Naturschutz.

Die Rückkehr der Bartgeier

Durch den Erfolg eines internationalen Wiederansiedelungsprojekts findet man im Engadin auch den im Lauf des 19. Jahrhunderts ausgerotteten Bartgeier wieder. Mit etwas Glück kann man diese beeindruckenden Vögel beim Zerkleinern von Knochen und Knochenstücken beobachten; das erfolgt in sogenannten „Knochenschmieden“. Das sind Felsplatten, die die Bartgeier benutzen, um die Aasknochen zu zerkleinern. Die Tiere lassen dabei die Knochenstücke aus großer Höhe auf den Fels fallen – so lange, bis das Knochenstück mundgerecht ist. Den Rest besorgt die extrem aggressive Magensäure der imposanten Greifvögel, deren Flügelspannweite bis zu drei Metern beträgt. Weit oben am Berg, auf hochgelegenen Brunftplätzen kämpfen im September und Oktober – oft schon im Schnee – auch wieder dominante Rothirsche um die weiblichen Tiere. Auch ihr Bestand hat sich erholt: Um 1850 gab es durch die rücksichtslose Bejagung fast keine Hirsche mehr in der Schweiz.

ORF/Kurt Mayer Film

Im Bild: Unter Bartgeiern ist Bartschmuck kein männliches Privileg. Und je intensiver die Ringe um die Augen leuchten, desto erregter ist der wendige Knochenbrecher.

Extreme Bedingungen

Regisseur Kurt Mayer: „In einem Nationalpark zu drehen ist immer eine besondere Herausforderung. Aber wir hatten nicht erwartet, dass uns die luxuriöse Urlaubsdestination Engadin Bedingungen wie in den Extremlandschaften Asiens bieten würde. So wurde fast jeder Dreh in den ‚Gebirgs-Savannen‘ oberhalb der Baumgrenze zur aufwendig geplanten Expedition. Der Lohn dafür sind einzigartige Aufnahmen und intime Beobachtungen hochalpinen Lebens abseits aller menschlichen Pfade.“ Mit diesem Film taucht „Universum“ in ein kleines Tierrefugium mit großer Vergangenheit ein, in ein wildes Land am Rande von Gletschern und dunklen Wäldern. Es ist eine Reise zu den Quellen des Inn.

Die Dokumentation ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage auf der Video-Plattform ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream angeboten.