22:31

VPS 22:30

AUT

Stereo

16:9

ORF 2 Europe

Länge: 54min

UT

tv.orf.at/menschenundmaechte

'80 Jahre Beginn 2. Weltkrieg'

Menschen & Mächte

LEBENSBORN – DIE VERGESSENEN OPFER

„Lebensborn“ - die Quelle des Lebens. So nannten die braunen Menschenschlächter jenen Verein mitsamt angeschlossenen Heimen in denen für „arischen Nachwuchs“ gesorgt werden sollte. Von einer karitativen Einrichtung, wie propagiert, jedoch weit entfernt. Tarnen und Täuschen. Eine SS-Konstruktion. Ideologisch in Arier-Kult und Herrenrassenwahn gehüllt. Erfunden von SS-Chef Heinrich Himmler, der seine schwarz uniformierte Mordbrigade als heiligen Orden der Rassenreinheit verstand.

Im Bild: Gisela Heidenreich als Kind mit ihrer Mutter, Foto: ORF/Degn Film.

Lebensbornheime als Geburtsinstitute für „geile Puritaner“

Im Hitlerstaat galt Abtreibungsverbot. Daher dienten die Lebensbornheime im vermeintlich sittenstrengen Land als Geburtsinstitute für „geile Puritaner“. Für die Folgen von Seitensprüngen verheirateter SS-Angehöriger und NS-Funktionäre. Ledige Mütter mit „Ariernachweis“ durften dort diskret und kostenlos entbinden um die Geburtenrate „arischer Frauen“ zu erhöhen. War das Kind unerwünscht, „Ballast für die Zukunft“ von Mutter oder Vater konnte es umgehend zur Adoption frei gegeben oder an „rassenreine“ Pflegeeltern
vermittelt werden.

Im Bild: Dietlinde Dillenz als Baby in einem Lebensborn-Heim, Foto: ORF/Degn Film

„Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“

Welche psychologischen Spätfolgen das für diese Kinder bis weit in das Erwachsenenleben hatte, darüber berichtet die TV-Koproduktion von ORF und bayrischem Fernsehen. Etwa für die Wienerin Hilde Strecha, Jahrgang 1943. Sie kam im „Lebensborn“-Heim Wienerwald als uneheliches Kind zur Welt. Ihre Mutter war Aufseherin im Frauen-KZ Ravensbrück. Das wusste Frau Strecha, die bei ihrer Tante aufwuchs Jahrzehnte lang nicht. Fragen nach ihren Eltern blieben unbeantwortet. Letztlich begann sie zu recherchieren und erfuhr die Wahrheit über ihre Herkunft und die Tätigkeit ihrer Mutter: „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen“.

Dietlinde Dillenz, Foto: ORF/Degn Film.

Auf der Suche nach den Wurzeln

Auch die heute in München lebende Gisela Heidenreich (Jahrgang 1943) war fast ihr ganzes Leben lang auf der Suche nach ihren Wurzeln. Das aus einem Verhältnis mit einem verheirateten SS-Offizier stammende Mädchen wird vor der Verwandtschaft als „norwegisches Waisenkind“ ausgegeben. Gisela wächst bei der Familie ihrer Tante auf.

Gisela Heidenreich im ersten Lebensborn-Heim in Steinhöring bei Ebersberg in Oberbayern, Foto: ORF/Degn Film

Die Doku berichtet auch über die noch fataleren Identitätskrisen, die geraubten Kindern widerfahren sind

Denn mit Beginn des 2.Weltkrieges befahl SS-Chef Himmler das Lebensbornkonzept, konzentrischen Kreisen gleich, auf die unterworfenen europäischen Länder auszuweiten. Etwa auf Polen. Da wurden blond und blauäugige Mädchen und Buben, die den abstrusen ideologischen Schönheitsidealen entsprachen, in Heimen und Waisenhäusern gesucht, oft auch einfach geraubt oder den Eltern weggenommen. Danach in „Lebensborn“-Heime verfrachtet und dort „eingedeutscht“. Mit etwa 20 000 polnischen Kindern wurde derart verfahren. Etwa mit Barbara Paciorkiewicz, 1938 geboren. Sie sollte als Vierjährige, im Jahr 1942 eines der Opfer dieser „Eindeutschung“ werden: „Wir Kinder durften nur noch Deutsch sprechen. Haben wir polnisch geredet wurden wir geschlagen“ erzählt sie in der von Robert Altenburger und Andreas Novak gestalteten Dokumentation.

Im Bild: Barbara Paciorkiewicz, Foto: ORF/Degn Film

Der „Eindeutschung“ ging eine Rassenuntersuchung voran

... eine Selektion, bestehend aus 21 zu erforschenden Kategorien: wie etwa Nasenbreite, Zähne, Haarfarbe, Augenfarbe, Größe, oder die Form der Lippen. Die Doku zeigt einen solchen Test. Kinder, die den Rassenkriterien nicht entsprachen landeten nicht selten in Todesanstalten wie dem Wiener Spiegelgrund.

Die Dokumente der Kinder wurden von den Nationalsozialisten oft gefälscht oder vernichtet

Geburtsurkunden, Staatsbürgerschaftsnachweise oder andere Dokumente der Kinder aus den „Lebensborn“-Heimen wurden von den Nationalsozialisten oft gefälscht oder vor dem Ende der NS-Herrschaft vernichtet. Das erschwerte oder verunmöglichte meist die spätere Suche nach der wahren Herkunft. Jene geraubten Kinder die nach Kriegsende, aus den Heimen oder der Obhut von Pflegeeltern in ihre mittlerweile fremd gewordene Heimat zurückgebracht wurden hatten ihre Muttersprache inzwischen verlernt. Hatten sie das Glück, - ebenfalls über das Rote Kreuz-, einen oder beide Elternteile zu finden oder suchten Vater oder Mutter gar erfolgreich nach ihnen, glich das einer Art „emotionalen Stunde Null“, war doch die Erinnerung an die leiblichen Eltern inzwischen verloren gegangen.

„Wer bin ich eigentlich und woher komme ich?“

In dieser Dokumentation von Robert Altenburger und Andreas Novak kommen ehemalige Lebensborn-Kinder aus verschiedenen Ländern zu Wort. Die Schicksale dieser Menschen verdeutlichen die Konsequenzen der rassistischen Selektions-Maschinerie „Lebensborn“ die weit über die NS-Diktatur hinausreicht und in der immer gleichen Frage mündete : „Wer bin ich eigentlich und woher komme ich?“

Barbara Paciorkiewicz

Eine Dokumentation von Robert Altenburger & Andreas Novak