22:34

VPS 22:35

AUT

Stereo

16:9

ORF 2 Europe

Länge: 52min

UT

Wiederholung am
08.11.2019, 11:38

tv.orf.at/menschenundmaechte

'80 Jahre Beginn 2. Weltkrieg'

Menschen & Mächte

Auf Wiedersehen, Mama! Auf Wiedersehen, Papa! Die Geschichte der Kindertransporte

Am 10. Dezember 1938 setzt sich am Westbahnhof der erste Wiener Kindertransport in Bewegung. Jeder zurückgelegte Kilometer Richtung Großbritannien bedeutet für die jüdischen Kinder in den Waggons ein Stück mehr Sicherheit, ja Lebensrettung. Gleichzeitig ist es ein Kilometer weiter weg von den Eltern.

„Das letzte Mal sah ich meine Eltern am Westbahnhof am 16. Dezember 1938!“

Fred Grubers Eltern wurden im Holocaust ermordet, wie die der meisten Kindertransport-Kinder. Robert Gokls Menschen & Mächte Dokumentation "Auf Wiedersehen, Mama! Auf Wiedersehen, Papa!" erzählt die Geschichte ihrer traumatischen Flucht, schildert die Probleme der Integration in der Fremde und die posttraumatischen Folgen bis heute.

Großbritannien: Kinder polnischer Juden bei Ihrer Ankunft in London, Foto: ORF/Bildarchiv

Robert Shaw 1938 in Wien - (c) Robert Shaw

Das Novemberpogrom 1938 macht deutlich, was der jüdischen Bevölkerung Nazi-Deutschlands bevorsteht

Robert Shaw: „Ich kann mich an die Kristall-Nacht erinnern. Eine brennende Synagoge mit SA und SS-Männern!“ Dennoch wollen die meisten Staaten keine Flüchtlinge mehr aufnehmen. Großbritannien ist zumindest bereit, Kindern die Einwanderung zu erlauben – solange sie der britischen Regierung keine Kosten verursachen. Aber wie sollen Kinder ohne Eltern nach Großbritannien fliehen?

Im Bild: Robert A. Shaw wurde 1924 als Robert Alfred Schlesinger in Wien geboren. Heute lebt er mit seiner Familie nach einer internationalen Karriere als Chemiker in London, Foto: ORF

Geertruida Wijsmuller-Meijer 1965 (C) Ron Kroon.jpg

Retterin Tausender jüdischer Kinder

Eine Niederländerin findet eine Lösung und wird zur Retterin Tausender jüdischer Kinder: „Eichmann saß in einem großen Raum, in einer schwarzen Uniform, mit einer großen Lampe und einem riesigen Hund. Ich ging zu ihm hin und sagte: ‚Herr Doktor, ich bin Frau Wijsmuller und möchte gern mit Ihnen sprechen.‘ Geertruida Wijsmuller-Meijer, eine holländische Bankiers-Gattin, erreicht in hartnäckigen Verhandlungen, dass Adolf Eichmann jüdischen Kindertransporten zustimmt. Britische Hilfsorganisationen wie die Quäker bringen das notwendige Geld auf.

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Die Kindertransporte retten 10.000 Kinder und Jugendliche vor dem Tod

Zwischen dem 10. Dezember 1938 und dem Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 rollen insgesamt 22 Züge gegen Westen, Richtung England. Knapp 3000 Mädchen und Burschen können bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges Österreich verlassen und vor Verfolgung und Deportation gerettet werden, ebenso Kinder aus Deutschland, der Tschechoslowakei und Polen. In Summe entkamen so rund 10.000 Kinder und Jugendliche dem sicheren Tod.

Im Bild: Denkmal von Franz Meisler vor dem Bahnhof Liverpool Street Station in London. Hier kamen 1938 und 1939 die Züge mit den jüdischen Kindern an. Im Vordergrund des Denkmals Erich Reich als Vierjähriger nach einer Fotografie, Foto: ORF/Loco Steve.

Der Verlust familiärer Geborgenheit

Die psychologischen und mentalen Folgen der Kindertransporte waren immens. Denn was die Eltern als Lebensrettung verstanden, deuteten die Kinder oft als abrupten und absoluten Verlust familiärer Geborgenheit. Francis Wahle, 9 Jahre alt bei seiner Flucht: „Ich kenne Kinder, die ihre Eltern beschuldigt haben, dass sie sie verstoßen haben statt gerettet.“ Etwa sechs von zehn Kindern sahen ihre leiblichen Eltern nie wieder. Für überlebende Eltern wurde das Wiedersehen oft zum Fiasko. Die Kinder hatten sich nach vielen Jahren in einer liebevollen Pflegefamilie an diese gewöhnt und leibliche Eltern genauso wie Muttersprache vergessen. Kehrten sie dennoch nach Österreich zurück, kam das meist einem Neuanfang in einer völlig fremd gewordenen Welt gleich. Eine lediglich körperliche, nicht jedoch auch emotionale und mentale „Heimkehr“.

Im Bild: Großbritannien 1938: Jüdische Flüchtlingskinder im Alter von 12 bis 17 Jahren sind, aus Hook in Holland kommend, in Harwich (Essex) eingetroffen, Foto: ORF

Erich Reich aus Wien blieb in London und ist heute Vorsitzender der Vereinigung der Kindertransport-Kinder: „Meine Eltern haben mir zwei Mal das Leben geschenkt: das erste Mal bei der Geburt, das zweite Mal, als sie mich mit 4 Jahren in einen Kindertransport setzten!“ Auch Erich Reichs Eltern wurden ermordet.

Erich Reich, links vorne, mit seiner Familie vor dem Kindertransport_. Die Eltern wurden ermordet - (c) Erich Reich

Ein Film von Robert Gokl