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Krisen, Morde, Bürgerkriege

Am Samstag beleuchtet die ORF III in vier Dokumentationen Bürgerkriege, die unser Land vor allem in der Zwischenkriegszeit prägten. „Krisen, Morde, Bürgerkriege“ befasst sich mit den Folgen des Ersten Weltkriegs.

Samstag, 6.2.2021, 20.15 Uhr
Wh. So 23.15 Uhr

Für Gott, Kaiser und Vaterland waren die Soldaten der k. u. k. Armee 1914 in den Krieg gezogen. Als sie 1918 heimkamen, waren sie besiegt, die Donaumonarchie untergegangen, das Land zum Kleinstaat geschrumpft und der Kaiser abgesetzt. Die Wende vom Kaiserreich zur Republik bedeutet für viele Menschen Orientierungslosigkeit, ideologische aber auch soziale Entwurzelung, Identitätsverlust, den völligen Zusammenbruch der gewohnten Weltordnung. Republik, Demokratie, was ist das?

Krisen, Morde, Bürgerkriege

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12.11.1918: Massendemonstratition vor dem Parlament, Ausrufung der Republik Deutsch-Österreich.

Die mentalen und sozialen Reintegrationsprobleme der Kriegsheimkehrer nach 1945 sind weitgehend bekannt, bedeutend weniger jedoch die Schwierigkeiten jener Soldaten, die 1918 abrüsten. Diesem Thema widmet sich diese Dokumentation von Andreas Novak und Wolfgang Stickler.

Der Umstieg vom Großraumdenken zum demokratischen Kleinstaat-Bewusstsein fällt nicht nur schwer, sondern befördert geradezu die Renaissance der Großmachtsehnsucht. Ebenso die Aversion gegen die Siegermächte, die in St. Germain den Friedensvertrag diktieren und den Anschluss an die ebenfalls neu gegründete Deutsche Republik verbieten. Zudem lasten die finanziellen und wirtschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs als schwere Hypothek auf den ohnehin brüchigen Fundamenten der Ersten Republik.

Krisen, Morde, Bürgerkriege

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Aufmarsch der Sozialdemokraten am 1. Mai 1931.

Krisen, Morde, Bürgerkriege

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Aufmarsch der österreichischen Heimwehr unter Bundesführer Richard Steidle (2.v.li.) am Heldenplatz, 1929.

Neben ideologischen und sozialpolitischen Differenzen trennt die beiden Großparteien, Christlich-Soziale und Sozialdemokraten, auch die Gedenkkultur. Die sozialdemokratische Partei versteht sich als Pazifistenbewegung und startet eine Kampagne gegen ehemals „monarchistische Militaristen und Kriegshetzer“. Sie werden neben den Habsburgern für Not und Elend der Nachkriegszeit verantwortlich gemacht. Das fördert den Sozialistenhass bei ehemaligen Weltkriegsoffizieren, adeligen Frontkämpfern und bürgerlichen Kreisen. Sie sammeln sich jetzt in paramilitärischen Heimwehren und Frontkämpferverbänden. So finden ehemalige Kriegsteilnehmer schnell wieder Verwendung als politische Soldaten, die nun nicht mehr äußere, sondern innere Feinde bekämpfen, daneben auch Republik und Demokratie. Nach dem Einsatz an den Kriegsfronten sollte im Februar 1934 der Einsatz an der „Bürgerkriegsfront“ folgen.

Die Bereitschaft zur gerichtlichen Sanktionierung von Kriegsverbrechen war nach 1918 in Österreich ebenso mangelhaft ausgeprägt wie in Deutschland. Das sollte nach Ende des Zweiten Weltkriegs dazu führen, dass die Siegermächte die Prozesse selbst in die Hand nehmen.

Andreas Novak und Wolfgang Stickler stellen die Frage der Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs zwischen 1918 und 1938 in den Mittelpunkt ihrer Dokumentation, ebenso seine mentalen und psychologischen Folgen. Wie geht die Kriegsgeneration mit ihrer Vergangenheit um? Erstmals wird auch die politische Gedenkkultur thematisiert. Welche Auswirkungen hat die zunehmende politische Radikalisierung auf die öffentliche Erinnerung? Von der Dekonstruktion zur Rekonstruktion von Heldenbildern. Von Kriegsopfern zu Kriegshelden, dieser Wandel sollte sich im christlich autoritären Ständestaat endgültig vollziehen.

Krisen, Morde, Bürgerkriege

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Aufmarsch des Republikanischen Schutzbundes in Bruck an der Mur, 1931.

Krisen, Morde, Bürgerkriege

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Jubel über den Anschluss im März 1938.

Deutschland wird ab Jänner 1933 von einem ehemaligen Gefreiten und Meldegänger des Ersten Weltkriegs regiert. Sowohl Österreich als auch das Deutsche Reich betrachten die Beseitigung der Friedensverträge als elementares politisches Ziel. Der alles entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Unverhältnismäßigkeit der Machtmittel. Durch Aufrüstung stimuliertes Wirtschaftswachstum in Deutschland, ökonomische Lethargie in Österreich. Das erklärt unter anderem auch, warum immer mehr Österreicher die erfolgreiche Beseitigung der „Siegerdiktate“ bei Hitler und den Nationalsozialisten in besseren Händen wähnten. Die „Österreich-Politik“ Hitlers ist die konsequent betriebene, im März 1938 schließlich mit militärischer Gewalt vollzogene, Annullierung der Friedensverträge.

„Krisen, Morde, Bürgerkriege“ versucht, die Geschichte der Ersten Republik aus einem bisher wenig beachteten Blickwinkel zu erzählen. Gestalter Andreas Novak: „Jene Verdrängung und mangelnde Bereitschaft zur offenen und kritischen Vergangenheitsbewältigung, die sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs feststellen lässt, findet sich auch in den Jahren 1918 bis 1938.“

Krisen, Morde, Bürgerkriege

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Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs im historischen Waldfriedhof „Tummelplatz“ bei Innsbruck.

Krisen, Morde, Bürgerkriege

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Gedenkstätte für gefallene jüdische Soldaten des Ersten Weltkriegs am Wiener Zentralfriedhof.

Dokumentation, 2014


Weitere Sendungen dieser Reihe:

  • Irak - Zerstörung einer Nation

    ORF III zeigt in deutschsprachiger Erstausstrahlung die neue 4-teilige Dokumentationsreihe von Jean-Pierre Canet. Erstmals gibt ein Film umfassende Einblicke in die weltpolitischen Zusammenhänge der 40 Jahre dauernden Zerstörung des Irak.

  • Gulag - Stalins Lager des Terrors

    Der Gulag, ein Netz sowjetischer Straf- und Arbeitslager, wurde im Jahr 1918 ins Leben gerufen und viele Jahrzehnte lang geheim gehalten und geleugnet. Die Doku-Reihe beleuchtet in drei Teilen die Geschichte dieses grausamen Zwangsarbeitssystems.

  • Stalin in Farbe

    Die Dokumentation zeichnet den rasanten Aufstieg des georgischen Schustersohnes Josef Dschughaschwili zu einem der mächtigsten Männer der Welt nach. Seltene Archivbilder aus seinem Umfeld, von Experten aufwendig nachkoloriert, geben Einblick in das System Stalin.

  • ORF-Legenden: Gunther Philipp

    Gunther Philipp gehörte mit 147 Film- und Fernsehrollen zu den beliebtesten und meistbeschäftigten deutschsprachigen Schauspielern. Als Autor verfasste er 21 Drehbücher.