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Die Künstler, die Antisemiten und die Festspiele | Festspiele im Mustergau

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Salzburger Festspiele zeigt ORF III am Samstag, dem 25. Juli, zwei Dokumentationen, die sich mit der Geschichte des weltberühmten Kulturfestivals beschäftigen.

Die Künstler, die Antisemiten und die Festspiele - Die Salzburger Festspiele 1920-1938

Dokumentation, 2020

Samstag, 25.7.2020, 20.15 Uhr
Wh. So 09.10 Uhr, Mo 01.00 Uhr,
Mi 02.05 Uhr, Do 03.55 Uhr

Die Künstler, die Antisemiten und die Festspiele - Die Salzburger Festspiele 1920-1938

Dokumentation, 2020

Am 22. August 1920, Schlag sechs Uhr abends, begann mit der Aufführung des „Jedermann“ die Geschichte eines der bedeutendsten Kulturfestivals der Welt, inszeniert vom damaligen Starregisseur Max Reinhardt (1873-1943), der gemeinsam mit Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) für die Gründung der Salzburger Festspiele verantwortlich war.

Der Aufführungsort erweist sich als geniale Wahl in letzter Sekunde, denn am 16. Juli erst bittet Max Reinhardt den Erzbischof um seine Zustimmung, das Werk hier aufführen zu dürfen - unter Einbeziehung der Domfassade, der Kirchenglocken, der Domorgel und der umliegenden Kirchtürme von denen auch der berühmte „Jedermann“-Ruf erschallt. Auch das Wetter spielt kongenial mit: die Vorstellung beginnt bei Sonnenschein. Spitzenvertreter von Kirche und Regierung sind anwesend. Gerade in dem Augenblick als der reiche, hartherzige und gottlose Jedermann während des opulenten Gartenfestes für seine Gespielin die Buhlschaft im Auftrag des Herrn vom Tod vor sein göttliches Gericht geholt wird, ziehen dunkle Wolken über dem Domplatz auf, um sich am Ende in der Abenddämmerung aufzulösen, gerade als Jedermann, dargestellt von dem damaligen Bühnenstar Alexander Moissi (1879-1935), geläutert zum „Vater unser“ anhebt und in sein katholisches Grab fährt. Betroffene Stille, kein Applaus, Erzbischof Ignaz Rieder (1858-1934) ist zu Tränen gerührt.

Insgesamt wird dieser Salzburger „Jedermann“ sechs Mal aufgeführt, die letzte Vorstellung am 29. August ausschließlich für die Salzburger Bevölkerung. In Salzburg herrscht nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg große Armut. Und so fließt der Reinerlös der „Jedermann"–Aufführungen karitativen Zwecken zu, um die Not der Menschen zu lindern. Die Schauspielerinnen und Schauspieler verzichten auf ihre Gagen bis auf den Darsteller von Tod und Teufel, Werner Kraus (1884-1959): er wünscht sich als Entlohnung eine Lederhose. Max Reinhardt verzichtet auf sein Regiehonorar, Hugo von Hofmannsthal auf die Tantiemen für das Stück und die angereisten Zuschauer müssen die Stadt gleich nach Aufführung wieder verlassen, damit die wenigen vorhandenen Lebensmittel der bedürftigen Salzburger Bevölkerung bleiben.

Von Beginn an waren die Salzburger Festspiele begleitet von antisemitischen Angriffen auf die federführenden Künstler, zu extravagant war etwa der Lebensstil des Gründers Max Reinhardt. Dass jüdische Künstler katholische Stoffe für ihre Theaterarbeit verwendeten, war einer ihrer Hauptkritikpunkte.

Der Antisemitismus richtete sich gegen die Künstler wie auch gegen andere Juden, die die Gegend für ihre Sommerfrische nutzten. Mit dem stärker werdenden Nationalsozialismus wurde die Stimmung zunehmend bedrohlich, mit Hitlers Einmarsch in Österreich 1938 wird die Lage für jüdische Künstlerinnen und Künstler lebensgefährlich. Max Reinhardt verlässt gleich nach den Festspielen 1937 Salzburg, um in den USA ein Filmprojekt vorzubereiten. Noch weiß er nicht, dass er Salzburg nie mehr wiedersehen wird. Schloss Leopoldskron wird "arisiert“, Gauleiter Friedrich Rainer (1903-1947) herrscht hier nun. Die Nutznießer sind der deutsche Reichsminister Rust und der neue künstlerische Leiter der Salzburger Festspiele der Dirigent Clemens Krauss (1893-1954), die nun Teile von Leopoldskron bewohnen. Max Reinhard erfährt von der Enteignung in seinem amerikanischen Exil von Freunden. Er verwindet diesen Verlust nie und stirbt 1943 in einem New Yorker Hotel nach mehreren Schlaganfällen.

Die Salzburger Festspiele werden ebenfalls „arisiert“, der Reichspropagandaminister persönlich kümmert sich jetzt um die Inhalte. Das Festival gestaltet sich nun volkstümlich, Salzburg wird zunehmend verkitscht, der „Jedermann“ am Domplatz nicht mehr aufgeführt.

Die Künstler, die Antisemiten und die Festspiele - Die Salzburger Festspiele 1920-1938

ORF/ipFilm

Hugo von Hoffmannsthal, Max Reinhardt und Einar Nilson in Leopoldskron

Die Künstler, die Antisemiten und die Festspiele - Die Salzburger Festspiele 1920-1938

ORF/ipFilm

Die erste „Jedermann“-Aufführung, 1920

Die Künstler, die Antisemiten und die Festspiele - Die Salzburger Festspiele 1920-1938

ORF/ipFilm

Suppenküche für die arme Salzburger Bevölkerung

Die Künstler, die Antisemiten und die Festspiele - Die Salzburger Festspiele 1920-1938

ORF/ipFilm

Mozartplatz; Versammlung um 1929

Die Künstler, die Antisemiten und die Festspiele - Die Salzburger Festspiele 1920-1938

ORF/ipFilm

1915; Hugo von Hofmannsthal, Richard Strauss

21.00 Uhr
Wh. So 08.30 Uhr, Mo 01.40 Uhr,
Mi 02.50 Uhr, Do 04.40 Uhr

Festspiele im Mustergau

Dokumentation, 2002

„Die Salzburger Festspiele waren bisher ein jüdischer Hexensabbat.“ So begründete die NS-Propaganda im Sommer 1938 die Vertreibung von Künstlern wie Max Reinhardt oder Bruno Walter. Doch die geplante Wiederauferstehung der „urdeutschen Stadt Salzburg“ reduzierte sich vor allem beim Musiktheater auf die Kopie und die Übernahme des Verachteten.

Schauspielstars wie Werner Krauss, Hans Moser oder Paul Hörbiger, aber auch die Auftritte von deutschen Spitzendirigenten wie Wilhelm Furtwängler oder Hans Knappertsbusch sollten dem Ausland die Fortsetzung des künstlerischen Niveaus signalisieren. Doch der früher hohe Anteil ausländischer Besucher ging ab 1938 spürbar zurück. Mit Kriegsbeginn versiegte er mit Ausnahme geladener Gäste verbündeter Staaten gänzlich. Ab dem Kriegsjahr 1941 bestand das Publikum zum überwiegenden Teil aus Rüstungsarbeitern und Soldaten die aus allen Frontabschnitten nach Salzburg gebracht wurden. Die Übernahme der Festspielleitung durch Clemens Krauss im Jahr 1942 sicherte zwar Qualität, gleichzeitig aber führte die zunehmende Umwidmung von Budgetmitteln in die Rüstungsproduktion zu immer stärkeren Repertoire-Einschränkungen.

Renner-Preisträger Andreas Novak beleuchtet in seiner Dokumentation auch die Salzburger Ereignisse im Umfeld des Anschlusses vom März 1938. Sie brachten dem Land den Ehrentitel Mustergau. Novak hat keine Kulturdokumentation im klassischen Sinn produziert. Der Film erweitert die Betrachtung um die Wechselwirkung zwischen Kunst und Politik im NS-Staat, ebenso die ideologische Vereinnahmung von Kunst und Künstlern aber auch die Rolle der Profiteure der Vertreibungen.

Wie mittlerweile fast alle Zeitgeschichtsdokumentationen war auch diese Produktion ein Kampf gegen die „biologische Uhr“. Den wenigen noch lebenden Zeitzeugen konnten die Anstrengungen eines TV-Interviews nicht mehr zugemutet werden. Alter und Krankheit trübten die Erinnerung und machten auch ohne Kamera durchgeführte Befragungen relativ unergiebig. So wurde der 93-jährige, deutsche Bariton Hans Hotter (1909-2003) zum Glücksfall für diesen Film. Der weltberühmte Wagner-, Mozart- und Schubertsänger debütierte im Kriegsjahr 1942 als Graf Almaviva bei den Salzburger Festspielen. Novak hat Hans Hotter in München vor die TV Kamera gebeten. Er berichtet über seine Arbeit in Salzburg und die fast tägliche Gratwanderung zwischen persönlicher Moral, Instrumentalisierung und geforderter Anpassung. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen blieb er immer auf Distanz zum NS-System, gab keine propagandistischen Huldigungsadressen für Hitler ab und trat auch bei Parteiveranstaltungen nicht auf.

Im Bild: Interview mit Bassbariton Hans Hotter.

ORF

Gestalter Andreas Novak im Gespräch mit Bassbariton Hans Hotter.

Der Gestalter verbrachte auf der Suche nach bisher unbekanntem Photo- und Aktenmaterial Monate im Archiv der Salzburger Festspiele. Die engagierte Unterstützung von Archivchefin Gisela Prossnitz, dem technischen Leiter Klaus Kretschmar und der Kostümchefin Dorothea Nicolai hat wesentlich zum Zustandekommen dieser Produktion beigetragen. Tondokumente wie jene von Hans Hotter als Graf Almaviva wurden ebenso verwendet wie die spärlichen, lediglich auf 1938 reduzierten Filmausschnitte. Um die ab 1939 auf Photos reduzierte Bilddokumentation zu beleben, wurde auch auf der Bühne des Kleinen Festspielhauses gedreht. Sie war neben der Felsenreitschule und bis zur Eröffnung des großen Hauses im Jahr 1960 die wichtigste Spielstätte des Festivals.

Im Bild: ORF-Dreharbeiten im Kleinen Festspielhaus Salzburg.

ORF

ORF-Dreharbeiten im Kleinen Festspielhaus Salzburg.

Regisseur: Andreas Novak
Dokumentation, 2002


Weitere Sendungen dieser Reihe:

  • Österreich privat: Unterwegs in aller Welt (1 + 2/2)

    In zwei neuen Folgen von „Österreich Privat“ widmet sich Regisseur Ernst A. Grandits den privaten Aufnahmen der Reisen, die Herr und Frau Österreicher/in in den 1950er bis 1990er Jahren unternommen haben.

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    Die Ära Kreisky beginnt mit dem Wahlsieg der SPÖ 1970. Erstmals in der Geschichte der Zweiten Republik erringt sie die relative Mehrheit im Nationalrat.

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    Diese Folge von Hugo Portischs großer Geschichtsserie führt zurück in die Zeit unmittelbar nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes. Sowjetpanzer stehen jetzt nicht nur im Osten, sondern auch im Norden an Österreichs Grenze.

  • Österreich II: Krisenjahre (27/32)

    Im Hauptabend thematisiert die 27. Folge der ORF-III-Neuauflage von Hugo Portischs epochaler Zeitgeschichtereihe „Österreich II“ die „Krisenjahre“ des Landes Mitte der 1960er Jahre.