Festivalsommer Neusiedler See

„Welche Labung für die Sinne“

Arie der Hanne aus „Die Jahreszeiten“, Joseph Haydn, gesungen und gespielt von Ana Maria Labin und Christian Koch

„Welche Labung für die Sinne“: In dieser Arie aus dem „Sommer“ von Joseph Haydns Oratorium „Die Jahreszeiten“ genießt das Mädchen Hanne, die Sopranpartie unter den drei Solisten des Werks, einen Sommertag zwischen Wiese und Wald – und erlebt das, was sich viele Menschen von einem Weilchen Ruhe in der Natur erhoffen: Erquickt kann sie kann neue Kraft schöpfen, vom idyllischen Adagio geht die Arie in ein heiteres Allegro über.

Haydn galt als der größte und international berühmteste Komponist seiner Zeit, als er, schon auf die 70 zugehend, nach dem immensen Erfolg der „Schöpfung“ ein weiteres großes Oratorium komponierte: Die „Jahreszeiten“, wieder auf einen Text des österreichischen Staatsbeamten Gottfried van Swieten, der eine Vorliebe für ältere Musik besaß, etwa die Oratorien Händels. Es sollte Haydns letztes so umfangreiches Werk bleiben: „Die Jahreszeiten haben mir den Rest gegeben, ich hätte sie nicht schreiben sollen. Ganze Tage habe ich mich mit einzelnen Stellen plagen müssen“, klagte er später – aber von dieser Plage ist nichts in diesem Werk zu spüren. Die Uraufführung am 24. April 1801 in Wien rief Begeisterung hervor. In einer Kritik hieß es: „Stumme Andacht, Staunen und lauter Enthusiasmus wechselten bei den Zuhörern ab; denn das mächtige Eindringen kolossalischer Erscheinungen, die unermessliche Fülle glücklicher Ideen überraschte und überwältigte die kühnste Einbildung“. Dass sich in diesem Werk nicht nur der Jahreskreis rundet, sondern symbolisch auch ein ganzes Menschenleben, das hat der Komponist deutlich verspürt: Wenige Tage nach der Uraufführung machte Haydn sein Testament.

© Walter Weidringer