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Gefährliche Himmel - Der Bombenkrieg über Österreich

Die Dokumentation von Helene Maimann erzählt anhand von Zeitzeugenberichten der Zivilbevölkerung und ehemaliger Bomberpiloten von den Luftangriffen, die ab dem 12. September 1944 Wien ereilten.

Samstag, 15.2.2020, 20.15 Uhr
Wh. So 08.30 Uhr, Mo 03.50 Uhr,
Do 09.00 Uhr

1943 kam Österreich - damals Teil des deutschen Reiches - mit dem Vorrücken der Amerikaner in Italien in die Reichweite der 15. US-Luftflotte. Um Foggia, nahe des italienischen Stiefelsporns, etablierte die 15. Air Force ihre zweite Luftflotte, legte einen Flugplatz neben dem anderen an und stationierte Tausende Maschinen und die dazu gehörenden Besatzungen. Am 12. September 1944 startete der erste Großangriff auf Wien mit 350 Bombern - B 17 und B 24. Ab Ende des Jahres erreichte der Luftkrieg über Österreich seinen ersten Höhepunkt; bis zum Kriegende Ende April 1945 fielen rund 120.000 Tonnen Spreng- und Brandbomben.

Gefährliche Himmel - Der Bombenkrieg über Österreich

ORF/National Archives, Washington

B17-Bomber im Anflug.

Schon in der Zwischenkriegszeit hatten die USA, Großbritannien und Deutschland mächtige Fliegerstaffeln aufgebaut. Die Propaganda warb für Luftkriege, die an der Zivilbevölkerung vorbei geführt werden sollten. Aber das nationalsozialistische Deutschland konnte und wollte sich keinen strategischen Luftkrieg mit schweren Bombern leisten - sie setzten auf leichte Maschinen, die einen Angriffskrieg unterstützen konnten. Die Briten verfügten über eine kleine, aber hochmoderne und effiziente Luftwaffe, die USA dagegen über schwere Langstreckenbomber. Bei der Konferenz von Casablanca im Jänner 1943 einigten sich die Alliierten darauf, Deutschland mit heftigen Bombardements zu überziehen, um die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen. Es stellte sich heraus, dass Loyalität und Moral der Menschen trotz ihrer furchtbaren Erfahrungen mit dem Bombenkrieg nicht einbrachen. Ab 1943 starteten die Amerikaner von ihren Luftbasen in Nordafrika und Italien aus ihre Angriffe auf die „Ostmark“. Zunächst wurden die Rüstungsbetriebe von Wiener Neustadt getroffen und die Stadt zu 90 Prozent zerstört, mehr als jede andere Stadt im Deutschen Reich.

Die schwersten Bombardierungen erstreckten sich auf die letzten Kriegsmonate zwischen Anfang Jänner und Ende April 1945. Zu diesem Zeitpunkt hatte die deutsche Luftwaffe kaum mehr die Kapazitäten, den Bombern in der Luft etwas entgegenzusetzen - es blieb nur mehr die Flakabwehr. Und vor der Flak hatten die Amerikaner den größten Respekt, die Flakkreise um die großen Industriezentren wurden mit massiver Angst von den Crews angeflogen. „Wenn dein Einsatz nach Wien ging, war es zweifelhaft, ob man überlebte“, sagt Bob Reichard, 456. Bombergruppe. „Das waren gefährliche Himmel“, so James Alter, 780. Bombergruppe.

Gefährliche Himmel - Der Bombenkrieg über Österreich

ORF

Die beiden Flaktürme Wien 3, Arenbergpark

Der Film „Gefährliche Himmel“ erzählt auch über den Alltag unter den Bombenangriffen: vom Überleben in den Luftschutzkellern, das gegen Ende des Krieges in den besonders schwer getroffenen Bezirken immer schwieriger wurde. „Wir sind ja kaum schlafen gegangen, ist schon wieder der nächste Alarm gewesen“, so Frau Seitl. Vom stundenlangen Herumirren nach einem Angriff in den unterirdischen Katakomben Wiens, erzählen Betroffene, vom Leben der jugendlichen Flakhelfer, die aus den Schulen direkt an die Geschütze einberufen wurden, vom Arbeitseinsatz der Frauen, die die Männer ersetzen mussten, vom Problem, neben den ständigen Alarmen und den Rationierungen, die Familie zu versorgen, von der Angst vor Terror, KZ, Spitzeln und der Gestapo, die bei den Verfolgten des NS-Regimes weitaus größer war als die Angst vor den Bomben. Von der Furcht vor Verrat, die auch die Familien selbst spaltete. „Der Großvater ist ein Nazi geworden“, erzählt Frau Fischer. „Darum haben nur meine Mutter, meine Großmutter und ich die BBC gehört. Den Großvater haben wir schlafen geschickt. Immer ist man beobachtet worden. Da haben Sie nichts dagegen sagen dürfen, das war der Tod.“

Der Luftkrieg wurde aus 5000 bis 7000 Metern Höhe geführt. Gegen Kriegsende wollten die Amerikaner die barocken Schlösser in Salzburg, Leopoldskron, Klessheim und die Festung Hohensalzburg zerstören, weil sie dort Schlupfwinkel der NS-Führung vermuteten. Glücklicherweise kamen sie in letzter Minute davon ab. Im April 1945 hatte der Bombenkrieg der Amerikaner sein Ziel erreicht: die kriegswichtige Industrie und die Rohstoffversorgung waren zerstört, die einrückenden Alliierten konnten - wenn man vom Kampf um Wien absieht - das Land relativ rasch besetzen und befreien. Der Bombenkrieg hatte wesentlich dazu beigetragen, die Niederlage des NS-Regimes zu beschleunigen.

Gefährliche Himmel - Der Bombenkrieg über Österreich

ORF/University of Keele

Luftaufnahme von Floridsdorf: Aufklärungsfoto Wien-Floridsdorf gegen Kriegsende. Die Bombenkrater sind deutlich zu sehen.

Wie erlebten die Österreicher diesen Luftkrieg? Und wie erinnern sich heute Besatzungsmitglieder der ehemaligen US-Crews daran? Der Film von Helene Maimann erzählt die Geschichte des Bombenkriegs über Österreich aus zwei Perspektiven: er erzählt von den US-Soldaten, die die Besatzungen bildeten, von den Spezialisten, die die Angriffe bis ins Detail planten und jenen, die in den Bunkern ausharrten. Der Film geht auf Spurensuche in Keller, Flaktürme und Luftschutzkeller.

Gefährliche Himmel - Der Bombenkrieg über Österreich

ORF/Filmwerk Media

Helene Maimann im Gespräch mit James Alter, Bombardier und Navigator, 15th Air Force

Gefährliche Himmel - Der Bombenkrieg über Österreich

ORF/Filmwerk Media

Robert W. Reichard, Bombardier, 15. Air Force und Helene Maimann.

Gefährliche Himmel - Der Bombenkrieg über Österreich

ORF/Filmwerk Media

Dean F. Ottaway, Bordschütze und Flugingenieur, 15. Air Force im Gespräch mit Helene Maimann.

Film von Helene Maimann
Dokumentation, 2004


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