zeit.geschichte

Attentat auf Hitler: Robert Bernardis, ein vergessener Held

Der Tiroler Robert Bernardis war als Oberstleutnant des Generalstabs in Berlin der einzige österreichische Offizier, der beim Hitlerattentat am 20. Juli 1944 eine Schlüsselrolle spielte.

zeit.geschichte: Attentat auf Hitler: Robert Bernardis, ein vergessener Held

Dokumentation, 2018

Samstag, 13.7.2019, 21.10 Uhr
Wh. So 08.55 Uhr und 23.10 Uhr

Der gebürtige Tiroler Robert Bernardis (1908-1944) spielte eine entscheidende Rolle bei der Planung des Hitler-Attentats in der Wolfsschanze und der Ausführung von „Operation Walküre“ in Berlin. Gemeinsam mit dem Wiener Major und militärischen Widerstandskämpfer Carl Szokoll (1915-2004) bereitete er die Aktion „Walküre“ auch in Wien vor, wo der versuchte Staatsstreich zumindest für einige Stunden erfolgreich war.

Für die Dokumentation „Robert Bernardis, ein vergessener Held“ von Martin Betz und Helmut Wimmer wurden bisher weitgehend unbekannte Akten-, Foto- und Filmmaterialen gesichtet. „Unsere Recherchen führten uns unter anderem in die Ukraine und nach Berlin“, erzählt Autor und Regisseur Martin Betz. „Anhand von Akten, Briefen, den Erinnerungen von Bernardis‘ Chauffeur und nicht zuletzt Familiendokumenten ergibt sich ein neuer Blick auf die Biografie eines ungewöhnlichen Widerstandskämpfers.“

Robert Bernardis, ein vergessener Held

ORF/Epo Film/Ingeborg Heidlberger

Robert Bernardis

Die Lebensgeschichte von Robert Bernardis ist keine lineare oder stringente Widerstandsbiografie. Schon vor dem „Anschluss“ im März 1938 war er Anhänger und Befürworter des Nationalsozialismus. Erst der Russlandfeldzug wird für den jungen Generalstabsoffizier zu einem persönlichen Wendepunkt angesichts erlebter Gräueltaten. Hitlers menschenverachtende Kriegsführung und Massenexekutionen hinter der Front lassen in ihm den Widerstand gegen das NS-Regime reifen.

Als Bernardis schließlich im Allgemeinen Heeresamt in Berlin auf seinen neuen Vorgesetzten Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944) trifft, nehmen die Umsturzpläne konkrete Formen an. Diese entscheidenden Begegnungen hält der Film in eindrücklichen Spielszenen fest. Stauffenberg überzeugt Bernardis, dass die einzige Möglichkeit, den Krieg zu beenden, die Beseitigung Hitlers sei. Das jedoch bedeutet Eidbruch und im Falle der Entdeckung den sicheren Tod. „Wer wagt, etwas zu unternehmen, muss damit rechnen, dass er in der deutschen Geschichte als Verräter dasteht. Wer es aber unterlässt, ist ein Verräter am eigenen Gewissen“, rechtfertigt Stauffenberg die Tat. Diesem Credo folgt von nun an auch Bernardis.

In eindringlichen Bildern hat Kameramann Helmut Wimmer den versuchten und gescheiterten Umsturz in Szene gesetzt. Durch seine Beteiligung an „Operation Walküre“ hat sich Bernardis so weit exponiert, dass er kurz danach im Schauprozess vor dem Volksgerichtshof von Roland Freisler (1893-1945) zum Tode verurteilt und am 8. August 1944, einen Tag nach seinem 36. Geburtstag, hingerichtet wird. Durch den Strang, das sollte ihn wie die anderen 88 zum Tode Verurteilten als „ehrlosen Verbrecher“ brandmarken.

Robert Bernardis, ein vergessener Held

ORF/Epo Film/Ingeborg Heidlberger

Bernardis (Julian Sharp) wird zur Hinrichtung geführt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgt gleichsam eine „zweite Verurteilung“: die Verurteilung zum „tot geschwiegen werden“, zum verordneten Vergessen. Kontinuitäten in der Deutung militärischer Traditionspflege bezüglich Pflichterfüllung und Soldateneid ordneten Widerstandskämpfer im Waffenrock nach 1945 als „Vaterlandsverräter“ und „Eidbrecher“ ein. Diese Haltung reichte viele Jahrzehnte in die Zweite Republik hinein und kam im Fall Bernardis einer Auslöschung gleich. „Auf den Namen Bernardis hat man so reagiert, dass wir als Kinder eines Verräters angesehen wurden“, sagt die Enkelin von Robert Bernardis. In den Interviews berichten Familienangehörige erstmals über die existenziellen Folgen der fortgesetzten Stigmatisierung. Auch die mittlerweile verstorbene Witwe von Robert Bernardis kommt zu Wort.

Die Historiker Wolfgang Neugebauer und Peter Steinbach rücken Bernardis‘ Wirken in den zeitgeschichtlichen Kontext. Auf Initiative von General a. D. Hubertus Trauttenberg wurde 1994 – also 50 Jahre nach der Hinrichtung – eine Straße in Linz nach Bernardis benannt.

Die Dokumentation widmet sich bezüglich des Attentats auch einer wichtigen Frage in Form eines aufwendigen Experiments: in Zusammenarbeit mit dem Bundesheer wurde die Lagebaracke in der „Wolfsschanze“ nachgebaut und ein Sprengversuch durchgeführt, der erstmals zeigt, was passiert wäre, wenn Stauffenberg am 20. Juli 1944 wie geplant die doppelte Menge Sprengstoff zur Explosion gebracht hätte. Wäre Hitler getötet worden? Und welche Folgen hätte ein gelungenes Attentat gehabt?

Erst nach und nach wird die wahre Bedeutung des militärischen Widerstands rund um Stauffenberg und dem einzigen beteiligten Österreicher, Robert Bernardis, deutlich. Dazu der Historiker Peter Steinbach: „Wenn es den Attentätern gelungen wäre, den Krieg zu beenden, dann hätte etwa die Hälfte der Menschen, die im Zweiten Weltkrieg zu Tode gekommen sind, überlebt.“

Dokumentation, 2018


Weitere Sendungen dieser Reihe:

  • Stalingrad - Wende an der Wolga

    Seltenes Filmmaterial und schonungslose Zeitzeugenberichte von Überlebenden schildern, was in Stalingrad 1942 und 1943 und danach geschah.

  • Stalin in Farbe

    Die Dokumentation zeichnet den rasanten Aufstieg des georgischen Schustersohnes Josef Dschughaschwili zu einem der mächtigsten Männer der Welt nach. Seltene Archivbilder aus seinem Umfeld, von Experten aufwendig nachkoloriert, geben Einblick in das System Stalin.

  • Marlene Dietrich - Ein bewegtes Leben

    Der Film dokumentiert die politischen Anliegen der Dietrich während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit, und zeigt die wenig bekannte Seite des Stars fernab der Hollywood-Herrlichkeit.

  • Hitlers Frauen: Zarah Leander - Die Sängerin

    Sie entsprach gar nicht dem deutschen Frauenideal der NS-Zeit und war dennoch die Stimme der nationalsozialistischen Propaganda. Die Dokumentation beleuchtet die außerordentliche Karriere der enorm populären Sängerin und Schauspielerin.