Themenmontag

Die größten Irrtümer über Sex und Liebe

Die Dokumentation hat landläufige Meinungen zu Sex und Liebe statistisch geprüft und herausgefunden, dass die erotische Wirklichkeit sich kaum in allgemeine Regeln fassen lässt - und manches ganz anders ist als viele glauben.

Montag, 18.3.2019, 20.15 Uhr
Wh. Di 00.25 Uhr

Im Märchen geht Liebe so: Aschenputtel verliert ihren Schuh, der reiche Prinz findet ihn und macht sich auf die Suche nach seiner Besitzerin. Er findet sie und die beiden leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Es verwundert kaum, dass Märchengeschichten immer an der Stelle aufhören, wo das Paar zusammenfindet, denn vermutlich würden die Geschichten einen ganz anderen Lauf nehmen, würden sich die Protagonistinnen und Protagonisten bereits früher begegnen. Im wirklichen Leben müssen keine einmaligen Schwierigkeiten bewältigt werden, damit das Paar anschließend ein gemeinsames dauerhaft glückliches Leben führen kann, viel mehr beginnen die Konflikte in der Realität dort, wo zwei Menschen aufeinander treffen. Noch dazu zwei Menschen, die möglicherweise unterschiedlich sozialisiert sind, und unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen haben.

Viele Artikel und Bilder, die im Internet kursieren, machen uns glauben, dass sich Beziehungen im wirklichen Leben so einfach fügen würden wie im Märchen. Man müsse das Rätsel einfach lösen, damit in Zukunft alles wie am Schnürchen läuft. Unsinn, wie sich zeigt: in dieser Dokumentation werden die größten Irrtümer über Sex und Liebe statistisch geprüft und Beziehungsklischees in Frage gestellt. Ans Licht kommt einmal mehr, dass es für zufrieden stellende Beziehungen keine Patentrezepte gibt.

Die größten irrtümer über sex und liebe

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„Viel Sex erhält die Beziehung“

Der wohl größte Irrtum: häufiger Sex sei die Voraussetzung für eine glückliche Beziehung. Wer weniger Sex hat, ist nicht unnormal, denn je länger Paare zusammen sind, desto weniger oft haben sie Sex. Das belegt eine Studie aus Hamburg von 2006. Hat sich eine Beziehung so gefestigt, dass die anfängliche latente Verlustangst verschwindet, nimmt die Häufigkeit der sexuellen Zweisamkeit im Laufe einer Beziehung ab. Denn ist die Phase der ersten Verliebtheit einmal vorbei, kehrt Normalität ein. Und das vor allem im Gehirn. Schon Sigmund Freud verglich den Zustand der Verliebtheit mit einer Psychose, einem Zustand, in dem die Wahrnehmung anders ist als sonst. Bei Verliebten wird der Nucleus accumbens im Zentrum des Gehirns aktiviert, jene Region, die eine zentrale Rolle beim Belohnungssystem des Gehirns sowie bei der Entstehung von Sucht spielt. Der Rauschzustand des Verliebtseins hält etwa zwischen sechs Wochen und sechs Monaten an. Dass sich die Phase nicht zu einem Dauerzustand entwickelt, hat auch einen Sinn: würden wir ständig auf Wolke sieben schweben, bekämen wir bei unserer Alltagsbewältigung gravierende Probleme.

Der Sex wird mit dem Fortbestand einer Beziehung einer Umfrage zu Folge nicht schlechter. Zwei Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben sogar an, dass er im Laufe der Zeit besser geworden sei. Es stellt sich also heraus, dass weniger Sex kein Beziehungskiller sein muss. Qualität vor Quantität!

„Untreue zerstört die Liebe“

Untreue muss kein Trennungsgrund sein. Laut Umfrage von 2009 wird für das Scheitern einer Beziehung oftmals ins Feld geführt, dass man sich auseinandergelebt habe. Erst auf Platz sechs der Trennungsgründe werden Seitensprünge genannt. Eine Studie der Uni Hamburg belegt, dass jede/r Zweite fremdgeht - überraschender Weise Frauen häufiger als Männer. Noch dazu im Alter zwischen 30 und 45, in einer Lebensphase, in der Beziehungen eher gefestigt sind. Warum gehen wir fremd, wenn so viel auf dem Spiel steht? Paartherapeut Ulrich Clement sieht darin vor allem die Suche nach einem Teil von uns, den wir in der Beziehung über weite Strecken vernachlässigt haben.

Wie Paare mit Untreue umgehen, ist unterschiedlich. Clement hat über die Jahre immer wiederkehrende Verläufe und Szenarien festgestellt: einige machen sich auf zum Paartherapeuten um ihre Beziehung zu retten, andere tun so, als sei nichts gewesen und auf einige Paare wirkt ein Seitensprung sogar belebend. So unterschiedlich die Herangehensweisen in puncto Treue oder Untreue sind, so vielfältig sind die Möglichkeiten der Liebe überhaupt. Demnach gibt es nicht nur das eine richtige Modell, sondern eine Vielzahl verschiedener Beziehungsmodelle. Denn: unsere Lebensumstände sind in permanentem Wandel begriffen, und so auch die Vorstellungen, die wir uns vom Leben und von uns selbst machen.

Film von M. Bremer
M. Erwig und A. Schmaltz

Dokumentation, 2014


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