Wilde Reise mit Erich Pröll

Engadin - Wildnis der Schweiz

Die Dokumentation taucht ein in ein kleines Tierrefugium mit großer Vergangenheit, in ein wildes Land am Rande von Gletschern und dunklen Wäldern. Es ist eine Reise zu den Quellen des Inn.

Wilde Reise mit Erich Pröll: Engadin - Wildnis der Schweiz

Dokumentation, 2014

Donnerstag, 14.2.2019, 20.15 Uhr
Wh. Fr 00.35 Uhr und 05.30 Uhr

1914 wurde im Schweizer Engadin der erste Nationalpark der Alpen gegründet: man wollte ein Refugium für Wildtiere schaffen und einen Ort, den sich die Natur selbst - ohne Eingriff des Menschen - gestalten sollte. Das Engadin, der „Garten des Inn“, beherbergt mit dem Nationalpark auch heute noch das größte unangetastete Wildnisgebiet der Schweiz.

Diese Region sollte beispielgebend sein für viele ähnliche Projekte und Vorbild für Dutzende weitere Nationalparks im alpinen Raum. Für die Dokumentation haben sich Kurt Mayer und Judith Doppler 100 Jahre nach Gründung des Nationalparks ein Jahr lang dieser faszinierenden Region gewidmet. Wenn sich im Frühling die Morgensonne in den blaugrünen „Augen“ der Oberengadiner Seenplatte spiegelt, dann füllen sich langsam die Wildbäche der Region und mächtige Wasserfälle stürzen die riesigen Felswände hinab.

Engadin - Wildnis der Schweiz

ORF/Kurt Mayer Film

Die kristallblauen Augen der Engadiner Berge sind nährstoffreiche Quellen für Inn, Donau und Rhein

Der Wasserreichtum haucht dieser hochalpinen Region Leben ein. Durchs Wasser wird es hier im Sommer grün und auch Wildtiere wagen sich bis in extreme Höhen vor. Ein Wassertropfen, der während eines sommerlichen Gewitters hier fällt, darf sich entscheiden, ob er über Inn und Donau ins Schwarze Meer fließt, über den Rhein in die Nordsee will oder den Weg nach Süden nimmt, um schließlich in der Adria zu landen. Heute jagen im Engadin Steinböcke munter über steile Wände, und prächtige Bartgeier betreiben eifrig ihre Knochenschmieden - und selten, aber doch regelmäßig, steckt auch wieder ein Luchs seine Nase in diese hochgelegene alpine Wildnis. Aber das war nicht immer so: durch intensive Bejagung ging der Steinbock-Bestand in der Schweiz massiv zurück - und um 1906 waren Steinböcke ausgerottet. Nur noch im italienischen Gran Paradiso, im königlichen Jagdrevier im Aostatal, gab es noch einen kleinen Steinbock-Bestand, strengstens bewacht von den königlichen Jägern. Erst das beherzte Einschreiten eines betuchten Schweizer Hoteliers, der im aufkommenden Alpinismus-Boom zu Geld gekommen war, sorgte für die Rückkehr der Steinböcke in die Schweiz. Wenn auch auf höchst illegalem und höchst gefährlichem Weg: der Mann musste beträchtliche Geldsummen in die Hand nehmen, um Wilderer zu bezahlen, die Kopf und Kragen riskierten, um gestohlene Steinbock-Kitze in Kisten verpackt aus dem Jagdrevier des italienischen Königs illegal in die Schweiz zu bringen. Damit die Jungtiere auf dem langen Weg über die Alpen nicht verdursteten, wurden sie unterwegs regelmäßig von heimlich bereitgestellten Ziegen gesäugt.

Engadin - Wildnis der Schweiz

ORF/Kurt Mayer Film

Unter Bartgeiern ist Bartschmuck kein männliches Privileg. Und je intensiver die Ringe um die Augen leuchten, desto erregter ist der wendige Knochenbrecher.

Rund hundert Jahre später ist im Engadin auch ein weiteres Alpentier wieder heimisch geworden: der Bartgeier. Bis zu drei Metern beträgt seine Flügelspannweite, und er ist einer der faszinierendsten Gleiter über den mächtigen Alpentälern des Engadin, auch er wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Durch den Erfolg eines internationalen Wiederansiedelungsprojekts findet man den Bartgeier - übrigens tragen hier Männchen wie Weibchen Bart - auch wieder im Engadin. Mit etwas Glück kann man diese beeindruckenden Vögel beim Zerkleinern von Knochen und Knochenstücken beobachten; das erfolgt in sogenannten „Knochenschmieden“: das sind Felsplatten, die die Bartgeier benutzen, um die Aasknochen zu zerkleinern. Die Tiere lassen dabei die Knochenstücke aus großer Höhe auf den Fels fallen - so lange, bis das Knochenstück mundgerecht ist. Den Rest besorgt die extrem aggressive Magensäure der imposanten Greifvögel.

Weit oben am Berg, auf hochgelegenen Brunftplätzen kämpfen auch wieder dominante Rothirsche im September und Oktober - oft schon im Schnee - um die weiblichen Tiere. Auch ihr Bestand hat sich wieder erholt: um 1850 gab es durch die rücksichtslose Bejagung fast keine Hirsche mehr in der Schweiz. Während die Hirschkühe mit ihren Kälbern in gemischten Rudeln leben, bleiben die Geweih tragenden männlichen Hirsche lieber unter sich.

Regisseur Kurt Mayer: „In einem Nationalpark zu drehen ist immer eine besondere Herausforderung. Aber wir hatten nicht erwartet, dass uns die luxuriöse Urlaubsdestination Engadin Bedingungen wie in den Extremlandschaften Asiens bieten würde. So wurde fast jeder Dreh in den ‚Gebirgssavannen‘ oberhalb der Baumgrenze zur aufwendig geplanten Expedition. Der Lohn dafür sind einzigartige Aufnahmen und intime Beobachtungen hochalpinen Lebens abseits aller menschlichen Pfade.“

Engadin - Wildnis der Schweiz

ORF/Kurt Mayer Film

Die Rückkehr der großen Beutegreifer führt immer wieder zu Kontroversen. Der Luchs wurde 1971 wieder in der Schweiz angesiedelt.

Engadin - Wildnis der Schweiz

ORF/Kurt Mayer Film

Ernährungsengpässe im winterlichen Engadin treiben bunten Blüten. Das Rotkehlchen erstrahlt mangels Karotin in leuchtendem Gelb.

Engadin - Wildnis der Schweiz

ORF/Kurt Mayer Film

Das Engadin birgt die Wildnis der Schweiz. In Höhen ab 1600 Metern locken unberührte Lebenswelten.

Dokumentation, 2014