Themenmontag

Tradition des Heilens - Auf den Spuren der Volksmedizin

Die Dokumentation von Wolfgang Niedermair erforscht den Mythos der Volksmedizin und geht der Frage nach, inwieweit diese „Arme-Leute-Medizin“ heute sinnvoll ist und wo ihr Potenzial liegt.

Themenmontag: Tradition des Heilens - Auf den Spuren der Volksmedizin

Dokumentation, 2018

Montag, 4.11.2019, 21.05 Uhr
Wh. Di 02.05 Uhr

Von der Kräuteranwendung über Salben, Pflaster und Öle bis zum Handauflegen und dem so genannten Gesundbeten reicht das Spektrum der Volksmedizin. Über die Jahrhunderte wurde das traditionelle Heilwissen von einer Generation an die nächste weitergegeben und sicherte das Überleben in Zeiten schlechter medizinischer Versorgung.

Das Wissen um die Tradition des Heilens ist vielfältig und in allen Regionen Österreichs verwurzelt. Geprägt ist es von der jeweiligen Vegetation und den Bedürfnissen der ansässigen Bevölkerung.
Auch der Familie von Hermann Jud in der Oststeiermark sind die Geheimnisse der Volksmedizin seit Generationen bekannt. Er schwört auf die Pechsalbe nach dem Rezept seiner Mutter: Schweineschmalz, Bienenwachs, Olivenöl und Harz – alles zu gleichen Teilen nacheinander unter Hitze gelöst. Eine Zubereitung, die nicht den Hygienebestimmungen einer Apotheke entspricht, aber trotzdem wirkt.
Die Pechsalbe ist bei uns weit verbreitet, und es gibt Gegenden, da hat jeder Bauer sein eigenes Rezept - ein Hinweis auf seine Wirksamkeit. Im Harz sind Substanzen am Werk, die die Bäume vor Bakterien, Pilzen und anderen Schädlingen schützen. Chemische Kriegsführung also, die auch Menschen helfen kann. In Form der so genannten Pechsalbe ist das Harz ein bewährtes Volksheilmittel. Wenn auch heute kein Arzt mehr diese Salbe verschreibt, so ist das Wissen darum in der ländlichen Bevölkerung bis in die heutige Zeit erhalten geblieben.

Tradition des Heilens 
Auf den Spuren der Volksmedizin

ORF/Helmut Wimmer

Gesammelte Teekräuter

Im Piestingtal lebt der Niederösterreicher Bernhard Kaiser. Er hat zwar Tischler gelernt, arbeitet aber jetzt seit 35 Jahren als Pecher. In seinen besten Zeiten haben er und seine Familie zweitausend Schwarzkiefern bearbeitet und pro Baum etwa 3 Kilogramm Harz gewonnen. Das Harz wurde für die Industrie zu Terpentin und Kolophonium verarbeitet und im bäuerlichen Alltag und in der Volksmedizin verwendet.

Johannes Saukel von der Universität Wien beschäftigt sich seit bald 40 Jahren mit Volksmedizin. Er und seine Studenten haben sich vor allem auf Rezepturen konzentriert, die allein durch mündliche Überlieferung über Generationen erhalten geblieben sind. Diese Anwendungen haben sich unverfälscht durch Medienberichte und Gesundheitsratgeber bewährt. Ein ernstzunehmender Hinweis auf ihre Wirksamkeit, denn volksmedizinische Rezepturen müssen ihre Heilkraft in jeder Generation neu beweisen. Darunter finden sich auch Daten, die ungefiltert für eine Veröffentlichung nicht geeignet sind, denn neben Wirksamem findet sich auch Unsinniges, ja sogar Gefährliches. Und es zeigt sich, auch der Anwender braucht Erfahrung, denn viele heilsame Kräuter haben giftige Zwillinge.

Längst hat sich aus der Volksmedizin und der klassischen Naturheilkunde die moderne Phytotherapie entwickelt. Der Wirkstoffgehalt und die Reinheit der verwendeten Pflanzenteile werden genau kontrolliert, denn die Wirksamkeit einer Arzneidroge wird von vielen Faktoren beeinflusst. Genetische Rasse, Entwicklungsstadium der Pflanze, Boden und Witterungsverhältnisse. Erst mit einem entsprechenden Zertifikat versehen, kann ein solcher Tee als Heilmittel verkauft werden. Während die moderne Medizin wirksame Substanzen isoliert und leicht dosierbar in Tabletten und Tropfen fasst, arbeitet die Phytotherapie mit den getrockneten Pflanzenteilen. Hier wirken nicht einzelne Stoffe, sondern ganze Wirkstoffkomplexe, die einander gegenseitig beeinflussen.

Tradition des Heilens 
Auf den Spuren der Volksmedizin

ORF/Helmut Wimmer

Josef Stadler, Gesundbeter

Der Film präsentiert Volksmedizin als ein ganzheitliches System – medizinisch, seelisch, spirituell - das noch viel Forschung braucht. Ohne falsche Hoffnungen zu wecken bricht er eine Lanze für die Zusammenarbeit mit der Schulmedizin. Die moderne Wissenschaft entdeckt jetzt das Erbe der Volksmedizin und sucht weltweit nach tierischen und pflanzlichen Wirkstoffen, um damit bisher unheilbare Krankheiten zu behandlen. Ob aber tatsächlich gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist, ist nicht bewiesen.

Tradition des Heilens 
Auf den Spuren der Volksmedizin

ORF/Helmut Wimmer

Regisseur Wolfgang Niedermair (li.) mit Otto Mätzler

Tradition des Heilens 
Auf den Spuren der Volksmedizin

ORF/Helmut Wimmer

Gläser mit Naturheilmitteln

Film von Wolfgang Niedermair
Dokumentation, 2018


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