zeit.geschichte

Kinderjahre in der Monarchie

„Damals, als der Kaiser noch lebte, in der guten alten Zeit...“ War diese Zeit um 1900 wirklich so gut? Die letzten noch lebenden Zeitzeugen erzählen in dieser Dokumentation aus ihren Kinder- und Jugendtagen. Rare Filmdokumente und Tonaufnahmen und vor allem seltene Farbfotografien bieten einen faszinierenden Einblick in den Alltag der Menschen.

zeit.geschichte: Kinderjahre in der Monarchie

Dokumentation, 2007

Samstag, 14.07.2018,21.50 Uhr
Wh. So 10.30 Uhr und 23.30 Uhr

Schwarz-weiß-grau sind sie meistens, die Bilder von der vorletzten Jahrhundertwende. Doch wenn die Menschen, die noch leben und sich erinnern können, zu erzählen beginnen und seltene Farbfotografien diese Erinnerungen zum Leben erwecken, dann entsteht ein beeindruckend buntes Bild vom Alltag in der Monarchie. Heute leben nur noch wenige, die erzählen können, wie es war, damals aufzuwachsen. Robert Gokl sprach mit vier der letzten noch lebenden Zeitzeugen und fand in österreichischen Archiven sensationelle, bisher unbekannte Farbfotografien. Einmal noch ersteht so die Stimmung der „Kinderjahre in der Monarchie“

Eine der vier über Hundertjährigen ist Hermine Hinner. Sie wurde 1899 in Kaltenleutgeben bei Wien geboren. Ihre Eltern waren tschechische Zuwanderer aus Böhmen und zogen hier ihre sieben Kinder auf. „Die Mutter ist um fünf Uhr früh zu einer Wäscherin waschen gegangen, bis auf’d Nacht um Fünfe. Den ganzen Tag in der Wäscherei!“

Menschen & Mächte
Kinderjahre in der Monarchie

ORF

Hermine Hinner, geboren 1899

Leopold Engleitner wurde 1905 am Wolfgangsee geboren, als ältester Sohn einer Arbeiterfamilie. Die Nazis schleppten ihn als Zeugen Jehovas jahrelang von einem Lager ins andere, und heute ist Engleitner der älteste KZ-Überlebende der Welt. Er hat - wie auch die anderen drei Zeitzeugen - ein phänomenales Gedächtnis. Zum Beispiel erinnert er sich noch gut daran, dass viele Menschen in der Monarchie nur das Nötigste zum Leben hatten und dafür den Kaiser verantwortlich machten: „Da hat es Bauern gegeben, die wollten keine Semmel essen, weil die hat man dazumal die Kaisersemmel genannt - weil sie den Kaiser an und für sich nicht wollten.“

Menschen & Mächte
Kinderjahre in der Monarchie

ORF

Leopold Engleitner, geboren 1905

Henriette Glas wurde 1905 in der Stadt Salzburg geboren, ihr Vater war Geschäftsmann. Gut behütet wuchs sie in einer wohlhabenden Bürgerfamilie auf, aber von heutigen Wohnungsstandards war man weit entfernt. Badezimmer, erzählt sie, gab es keine. „Zum Waschen hat man einen schönen Krug gehabt, fast Meissner! Und ein Lavoir dazu. Es gab nichts anderes. Aber das war sehr schön weiß-blau und wunderbar. Und alles in einer Garnitur, sogar bis zum Topferl...“

Menschen & Mächte
Kinderjahre in der Monarchie

ORF

Henriette Glas, geboren 1905

Josef Wiehsböck kam 1906 in Wien-Ottakring zur Welt und musste 1913 als Volksschüler beim Kaiser-Treffen in Wien Spalier stehen. Sein Vater war Wäschereibesitzer, aber die Hygieneregeln in der Familie entsprachen dem Standard der Zeit: „Die Bettwäsch’ hat man acht Tag gehabt und die Wäsch’ hat man auch acht Tag gehabt. Höchstens man hat einmal einen Sport betrieben und war verschwitzt.“

Menschen & Mächte
Kinderjahre in der Monarchie

ORF

Josef Wiehsböck, geboren 1906

Die zwei alten Damen und Herren erinnern sich an viele Details, wissen viele Geschichten: Wie sie den Halley’schen Kometen beobachtet haben - das war 1910. Oder den ersten Zeppelin. Das erste Flugzeug. Wie drangvoll eng es in den winzigen Wohnungen war, wo die Kinder auf Strohsäcken schlafen mussten, weil die Betten nur den Erwachsenen zustanden. Wie streng es in der Schule zuging. Welche Angst die Kinder erfüllte, wenn sie etwas „angestellt“ hatten und der Vater umstandslos mit dem Gürtel zuschlug... Oder das Kino, die spektakulärste Attraktion der Jahrhundertwende, in das man sich - wie auch die nächsten Generationen - trotz Jugendverbot hineinschmuggelte... Sie erzählen vom Tanzboden, vom Kirtag, von der heißgeliebten Hausmusik und der ersten Liebe.

Um 1918 gingen die Kinderjahre zu Ende: Hermine Hinner arbeitete als Dienstmädchen in Wien und heiratete 1918. Leopold Engleiter musste mit 13 die Schule abbrechen, um als Knecht selbst für seinen Unterhalt zu sorgen. Josef Wiehsböck arbeitet im Betrieb seines Vaters. Henriette Glas begann eine Lehre als Modistin. Sie nahmen ihr Leben selbst in die Hand, während gleichzeitig mit dem Ende des Ersten Weltkriegs die alte Ordnung zerbrach und die Republik, die Demokratie begann. Leopold Engleitner: "Wenn man auf der Gemeinde mit „Herr“ angeredet wurde, dann war man ganz verwundert und hat gesagt: „Ich bin doch kein Herr nicht!" Wir haben das nicht begriffen, dass die Zeiten auf einmal anders worden sind. Ganz plötzlich!“

Menschen & Mächte
Kinderjahre in der Monarchie

ORF

Kinder waren erfinderisch und auch ohne gekauftes Spielzeug herrschte selten Langeweile (handkolorierte Fotografie)

Dokumentation, 2007


Weitere Sendungen dieser Reihe: