zeit.geschichte am Samstag

Der Gemeindebau - Eine Institution schreibt Geschichte

„Wenn wir einst nicht mehr sind, werden die Steine für uns sprechen“ So eröffnete Bürgermeister Karl Seitz den Karl-Marx- Hof 1927, der in Wien eines der revolutionärsten Wohnprojekte seiner Zeit ist und bis heute der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt.

Samstag, 3.3.2018, 20.15 Uhr
Wh. So 02.35 Uhr
Teil 1

Die Architektur beim Sozialen Wohnbau beweist sich als sensibler Seismograph der Politik und Probleme ihrer Zeit. Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte das Elend was die Wohnsituation betrifft. Die Bevölkerung Wiens war in kürzester Zeit auf über zwei Millionen angewachsen, Wohnungen sind knapp, teuer und sie waren überbelegt.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann die regierende Sozialdemokratische Arbeiterpartei im sogenannten „Roten Wien“ ein Projekt zur Verbesserung der Lebensumstände für Arbeiter. Rund 65.000 Gemeindewohnungen wurden damals gebaut - meistens in groß angelegten Wohnanlagen wie dem Karl-Marx-Hof. Die „Städte in der Stadt“ verfügen über eine vollständige Infrastruktur mit Geschäften, Bädern, Kindergärten, Waschküchen und vielem mehr. Der Soziale Wohnbau Österreichs war revolutionär - weit über die Grenzen des Landes hinaus.

Der Gemeindebau 
Eine Institution schreibt Geschichte

ORF/Pammer Film

Karl-Marx-Hof 1933

21.00 Uhr
Wh. So 03.20 Uhr
Teil 2

Der Zweite Weltkrieg war auch für den Sozialen Wohnbau Österreichs eine Zäsur. Erst 1947 nahm die Stadt Wien ihre Wohnbautätigkeit wieder auf. Die Nachkriegszeit mit ihren Babyboomern war wieder gezeichnet von Wohnungsknappheit. Jetzt musste man möglichst viel Wohnraum in möglichst kurzer Zeit schaffen. Bis 1970 wurden 96.000 Wohnungen gebaut.

Die Gemeindebauten waren aber mehr als nur günstiger Wohnraum. Sie und ihre Bewohner gingen im Laufe der Zeit als prägendes Thema mit all seinen Klischees – verewigt in Filmen, Serien und Liedern - in das Bewusstsein der Österreicher über - von Wolfgang Ambros’ „Du bist die Blume aus dem Gemeindebau“ bis zu Harald Sicheritz’ bitterböser Kultkomödie „Muttertag“. Und auch Karl Markovics’ vielfach preisgekrönter Film „Atmen“ wurde in einer Wohnhausanlage am Rennbahnweg im 22. Bezirk gedreht.

Der Gemeindebau 
Eine Institution schreibt Geschichte

ORF/Pammer Film

Karl-Marx-Hof 2018

Der Soziale Wohnbau war Zeit seines Bestehens Innovationsträger. Auch das erste Hochhaus der Gemeinde Wien war ein Gemeindebau. Das Matzleinsdorfer Hochaus (1954-1957) im 5. Bezirk war mit seinen fast 70 Metern Wiens modernster Gemeindebau mit Zentralheizung, Müllabwurf auf jeder Etage und Tanzcafé im Dachgeschoß. Entsprechend hoch war die Promi-Dichte. Neben Fernsehdirektor und späterem Bürgermeister Helmut Zilk wohnte auch der damalige Kurier-Chefredakteur Hans Dichand eine Zeit lang im Matzleinsdorfer Hochhaus. Auch das berühmte „Hundertwasserhaus“ (1983 - 1985), Anziehungspunkt für Touristen und Kunst-Interessierte Wiener gleichermaßen, ist ebenfalls ein Gemeindebau. Heute besitzt die Stadt Wien ca. 220.000 Gemeindewohnungen und ist somit die größte Hausverwaltung Europas.

Der Gemeindebau 
Eine Institution schreibt Geschichte

ORF/Pammer Film

Karl-Marx-Hof 1930


Weitere Sendungen dieser Reihe:

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    Die Dokumentation erzählt nahezu durchgehend in Originalbildern von der zehn Monate dauernden Kriegshölle in Verdun und beleuchtet die Motive für die äußerst brutale Menschen- und Materialschlacht.

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