100 Jahre Republik

Republik in Flammen - Der Justizpalastbrand und seine Folgen

Mit dem Brand des Wiener Justizpalastes am 15. Juli 1927 beginnen Demokratie und das parlamentarische System in Österreich zu bröckeln. Neun Jahre nach der Ausrufung der Republik erlebt das Land den ersten großen Ausbruch staatlicher Gewalt.

zeit.geschichte spezial: Republik in Flammen - Der Justizpalastbrand und seine Folgen

Dokumentation, 2017

Samstag, 3.11.2018, 22.50 Uhr
Wh. Mo 00.35 Uhr

„Der Justizpalastbrand ist die große blutende Wunde der Ersten Republik. Von da an gibt es eine gerade Linie, die über den Februar 1934 direkt in den März 38 führt. Dieser Tag markiert einen Wendepunkt am Weg von der Demokratie zu einem autoritären Regime“, analysiert Zeithistoriker Gerhard Jagschitz.

„Schandurteil“

Unmittelbarer Anlass für die Ausschreitungen in Wien war ein Gerichtsurteil gegen drei Mitglieder des rechten Frontkämpferverbandes. Durch Gewehrschüsse dieser Männer waren bei einem Aufmarsch des republikanischen Schutzbundes im burgenländischen Schattendorf zwei Menschen gestorben – ein sozialistischer Kriegsinvalide und ein siebenjähriges Kind. Im sogenannten Schattendorf-Prozess wurden die Angeklagten von den Geschworenen überraschend freigesprochen. Die Proteste gegen das vermeintliche „Schandurteil“ gipfelten im Brand des Justizpalastes und dem anschließenden Polizeimassaker.

Regisseur Fritz Kalteis untersucht in der Dokumentation Ursachen und Hintergründe einer Eskalation, die im kleinen burgenländischen Grenzort Schattendorf ihren Ausgang genommen hat. Sie hätte sich in jedem anderen Dorf, jeder anderen österreichischen Gemeinde ebenfalls ereignen können. Schattendorf steht hier auch stellvertretend für die „politische Marschgesellschaft“ der Ersten Republik, für das zunehmend verschärfte politische Klima im Land. Eine Mischung aus Fanatismus, persönlichen und politischen Ressentiments ließ in den 1920er Jahren die Stimmung in Schattendorf gefährlich kippen.

Republik in Flammen - Der Justizpalastbrand und seine Folgen

ORF/Metafilm

Dreharbeiten im Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichtes.

Die Tochter von Hieronymus Tscharmann – er war einer der Täter – Josefa Trimmel-Tscharmann, präsentiert in der Dokumentation ihre Sicht der Dinge. Sie meint: Die Aggression des Schutzbundes sei der Auslöser der Ereignisse gewesen. Trimmel-Tscharmann geht es auch um die Rehabilitation ihres Vaters und ihrer Familie: „Das waren angesehene Leute. Und auf einmal stehen sie als Arbeitermörder da!“, beklagt sie. Die mittlerweile verstorbene Großmutter des ehemaligen SPÖ-Kulturministers Josef Ostermayer war damals Augenzeugin, als ihr Bruder Josef Grössing erschossen wurde. Nur ein einziges Mal hat sie über das Erlebte mit ihrem Enkel gesprochen.

Von wem sind die Aggressionen ausgegangen, die zu den Todesschüssen von Schattendorf führten? Diese Frage steht auch im Mittelpunkt des Prozesses, der im Juli 1927 beginnt und mit Freisprüchen für die angeklagten Täter endet. Fritz Kalteis hat Teile der Verhandlung mit österreichischen Topjuristen nachgestellt, darunter der Präsident des Wiener Landesgerichts, Friedrich Forsthuber, und der prominente Strafverteidiger Rudolf Mayer. Ist der Prozess fair abgelaufen oder wurden Fakten manipuliert? Wie kam es zu den Freisprüchen? Diesen Fragen wird erstmals in einer TV-Dokumentation nachgegangen.

Republik in Flammen - Der Justizpalastbrand und seine Folgen

ORF/Metafilm

Justizpalastbrand 1927

Außer Kontrolle

Die Sozialdemokratie sah in den Freisprüchen vom 14. Juli 1927 einen Beweis für die Klassenjustiz in Österreich. Am nächsten Tag kommt es zu Demonstrationen, die sich zum Sturm auf den Justizpalast ausweiten. Als die Polizei in die Menge schießt, gerät die Lage außer Kontrolle. Österreich steht an diesem Tag am Rande des Bürgerkriegs. 89 Menschen werden getötet.

In ihrem Bericht wird die Polizei den Demonstranten später vorwerfen, von Anfang an einen Angriff auf die staatliche Ordnung geplant zu haben. Das widerlegt der Historiker Gerhard Botz. „Erst als die berittene Polizei die Demonstranten angreift, gerät die Lage außer Kontrolle“, erklärt Botz.

Verschwörung der Stille

Auch im Umgang mit der Vergangenheit steht Schattendorf symbolhaft für die gesamte Republik. Nach NS-Zeit und Zweitem Weltkrieg wurde der „Mantel des Schweigens“ über die Vergangenheit gebreitet. „Man muss sich vorstellen, dass die Schützen ja noch immer im Dorf gelebt haben“, erzählt Josef Ostermayer. Dieser „Verschwörung der Stille“ stehen gegenseitige Schuldzuweisungen auf bundespolitischer Ebene gegenüber. Die beiden großen politischen Lager, ÖVP und SPÖ, benannten den jeweils anderen als Auslöser der Eskalation. Eine von politischen Emotionen freie Auseinandersetzung mit den Ursachen und Auswirkungen des Justizpalastbrandes blieb dabei auf der Strecke. Ist die Betrachtung der Geschichte noch heute eine Frage der Lagerzugehörigkeit? Sind die Gräben, die zu den Schüssen von Schattendorf und zum Brand des Justizpalastes geführt haben, tatsächlich überwunden? Oder tun sich jetzt neue auf? Auch diesen Fragen geht die Dokumentation nach.

Republik in Flammen - Der Justizpalastbrand und seine Folgen

ORF/Metafilm

Mag. Friedrich Forsthuber, Der Präsident des Wiener Landesgerichts für Strafsachen ist die treibende Kraft bei der Nachstellung des Prozesses um die Schüsse von Schattendorf. Basis für die Nachstellung ist der über 1000 Seiten dicke Originalkat des Schattendorf-Prozesses, der im Wiener Stadtarchiv gelagert ist.

Republik in Flammen - Der Justizpalastbrand und seine Folgen

ORF/Metafilm

Bis heute werden am Grabmal von Josef Grössing in Schattendorf Gedenkveranstaltungen abgehalten. Josef Grössing ist eines der beiden Opfer, die durch von Mitgliedern der Frontkämpfer-Vereinigung abgegebenen Schüsse getötet wurden.

Dokumentation, 2017


Weitere Sendungen dieser Reihe:

  • Krieg vor der Haustür: Tirol im 1. Weltkrieg | Frontland Kärnten

    Die Dokumentation von Georg Laich gibt anhand von selten gezeigten Aufnahmen und Aufzeichnungen von Zeitzeugen einen Einblick in das Leben an und hinter der Front des sog. „Bergführerkrieges“. Helga Suppan besucht in ihrem Film Kriegsschauplätze in und um Kärnten.

  • Die Schlacht von Verdun

    Die Dokumentation erzählt nahezu durchgehend in Originalbildern von der zehn Monate dauernden Kriegshölle in Verdun und beleuchtet die Motive für die äußerst brutale Menschen- und Materialschlacht.

  • Trauma, Träume und Tragödien - Ein Friedensvertrag und seine Folgen

    „Schandvertrag“, „Siegerdiktat“, „Knebelpapier“: Das waren noch die höflichen Prädikate für die Friedensverträge mit Österreich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg. 1919 legten die Siegermächte die staatspolitische und geografische Neuordnung Österreichs fest.

  • Arisierung: Der große Raubzug | Die verlorenen Jahre

    Mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 wurde die jüdische Kultur in Wien ausgelöscht. Bis dahin war sie fixer Bestandteil - Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft waren - besonders in der Zeit der Jahrhundertwende - von den Wiener Juden geprägt.