Die Akte Zwentendorf - Österreich am Weg zur Volksabstimmung

Die Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des ersten österreichischen Atomkraftwerkes war der Höhepunkt einer jahrelangen emotionalen Debatte, die Österreichs Innenpolitik nachhaltig geprägt hat.

Donnerstag, 25.1.2018, 21.55 Uhr

Am 5. November 1978 entscheiden sich 1,6 Millionen Österreicher gegen die Inbetriebnahme des ersten österreichischen Atomkraftwerks in Zwentendorf. Es ist eine Volksabstimmung, die Geschichte macht: Bundeskanzler Bruno Kreisky (1911-1990) erleidet eine persönliche Niederlage, die junge Grün-Bewegung gewinnt an Zulauf, Parteien und Bevölkerung spalten sich in zwei Lager.

Geplant im Konsens aller Parlamentsfraktionen, gestoppt durch Bürgerpartizipation und Parteienstreit, für den Sonnenkanzler Bruno Kanzler der Super-Gau - er warf sein persönliches Schicksal für das AKW in die Waagschale und verlor - um allerdings ein Jahr später den größten Wahlsieg der SPÖ einzufahren.

Die Akte Zwentendorf - Österreich am Weg zur Volksabstimmung

ORF/Vorarlberger Nachrichten

Anti-AKW-Demo in Vorarlberg

Der Fall Zwentendorf zeigt, wie aus einer Handvoll besorgter Bürger eine Massenbewegung werden kann, und wie innerhalb eines Jahrzehnts sich die öffentliche Haltung zur Kernkraft von Faszination und Begeisterung zu Skepsis und Angst wandelte. Kein anderes Thema löste damals so viele Emotionen und so starke Kontroversen aus. Die Frage Pro- oder Anti-Atom wurde zur Glaubensfrage, die die politischen Lager schlagartig in sich spaltete. Zwentendorf ist deshalb ein vielschichtiges Fanal. Neben Umweltbewusstsein und Atomangst spielen Aufbegehren gegen die politischen Macher und der Wunsch nach Mitbestimmung eine ebenso wichtige Rolle. Was 1968 in Österreich nur schwach erwachte, wurde durch die Atomfrage politisiert 1978 zum heftigen Proteststurm. Hervorgegangen ist daraus unter anderem die vierte politische Kraft in Österreich, die Grünen.

Für die Dokumentation geben Zeitzeugen aus der Protestbewegung und alle wichtigen politischen Entscheidungsträger Einblick in die Hintergründe: Bundespräsident Heinz Fischer, damals Klubchef der SPÖ, Josef Taus, ÖVP-Obmann und wortgewaltiger Gegenspieler von Bruno Kreisky, Karl Blecha, enger Berater des Bundeskanzlers, Marga Hubinek, ökologische Vorkämpferin der ÖVP, der technische Direktor des Kraftwerks, Alfred Nentwich, der Kopf der Anti-AKW-Bewegung Peter Weish, die Vorarlberger Aktivistin Hildegard Breiner, und Beatrix Neundlinger, die damals mit ihrer Polit-Pop-Band „Schmetterlinge“ Demos und Bürgerinitiativen begleitete.

Die Akte Zwentendorf - Österreich am Weg zur Volksabstimmung

ORF/Tom Matzek

Ein Mann und ein Anliegen: der Biologe Peter Weish war einer der ersten die sich mit den Gefahren der Atomkraft auseinandersetzte. Bereits zu Beginn der 70er Jahre engagierte er sich gegen den Bau des Kraftwerks Zwentendorf.

Film von Tom Matzek
Dokumentation, 2008


Weitere Sendungen dieser Reihe:

  • SPÖ - Der lange Marsch in die Opposition

    ORF III beleuchtet in einer Eigenproduktion die „Tage des Umbruchs“ in der SPÖ. Was hat zu den Entwicklungen der vergangenen zwei Jahre geführt? Und wie geht es weiter mit der Partei und ihrem Obmann? Im Interview u.a. Christian Kern.

  • Europa am Scheideweg | Die milliardenschwere Mittelmeerroute

    Zwei Reportagen beschäftigen sich mit der aktuellen Situation in Europa, die illegale Migration und das Milliarden-Geschäft Menschenschmuggel.

  • Die EU am Scheideweg

    Österreich übernimmt in einer Krisensituation am 1. Juli 2018 den Vorsitz in der europäischen Union. Der Europa-Experte des ORF, Roland Adrowitzer, bittet die Spitzen der europäischen Politik zum Gespräch

  • Fußball-WM 2018: Putin, Russland und die FIFA

    Die Dokumentation von Olga Sviridenko, Robert Kempe und Philipp Sohmer blickt hinter die Kulissen des Prestigeprojekts Wladimir Putins, wo Kostenexplosion, Korruption und Menschenrechtsverletzungen die Agenda bestimmten.