Themenmontag „Arbeit“

Arm trotz Arbeit

Vor 20 Jahren galt Armut als Phänomen von arbeitslosen und alten Menschen. Nun ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Bereits eine halbe Million Menschen in Österreich gilt als „Working Poor“. Diese Menschen leben an oder unter der Armutsgrenze, obwohl sie berufstätig sind.

Themenmontag: Arm trotz Arbeit

Dokumentation, 2016

Montag, 14.11.2016, 22.00 Uhr
Wh. Di 01.45 und 13.20 Uhr

Bert Ehgartner und Kurt Langbein porträtieren in ihrer Dokumentation Menschen mit wenig Zukunftsperspektive und machen sich auf die Suche nach den Ursachen dieser Entwicklung.

„Ich habe mich schon damit abgefunden, dass es nicht mehr besser wird“, sagt Anna Femi, alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Die Miete für ihre Wohnung ist auf 870 Euro angestiegen, dazu kommen noch Fernwärme, Strom und die Internet- und Handygebühren. Nur mit Mindestsicherung und Wohnbeihilfe kann sie die Miete bezahlen. Neben ihrem 20-Stunden-Job als Restauratorin in einem Museum und dem Familienmanagement sind laufend Anträge auszufüllen und Behördengänge zu machen. „Ich werde immer müder und auch immer gereizter.“

Bildung schützt nicht mehr vor Armut

Auch für Akademiker wie den Philosophen Martin Ross sind die Zeiten mager: „Es ist immer ein Glücksspiel, wie viele Lehraufträge man von den Universitäten und Fachhochschulen bekommt.“ Heuer bringt ihm sein Hauptberuf als Lektor gerade einmal 450 Euro ein. „Es ist eine Schande, wie sehr die Universitäten ausgehungert werden. Gespart wird dann bei uns.“

Der aus Serbien stammende Goran Stoikov lebt bereits in dritter Generation in Österreich. Nach dem Polytechnikum begann er zu arbeiten. Mehr als 1.000 Euro pro Monat verdiente er selten. „Früher gab es wenigstens genug schlechte Jobs“, sagt er. „Heute kommen aber bereits fünf Anwärter auf einen solchen schlechten Job.“ Seine Frau Mara arbeitet als Putzfrau, während Goran Anzeigen um Anzeigen durchsieht. Die Ansprüche sind stets groß. Für einen Wachdienst mit Arbeitszeiten von 0 bis 24 Uhr werden Erfahrung, guter Leumund sowie perfektes Englisch in Wort und Schrift gefordert. Der Stundenlohn liegt bei 6,50 Euro!

Arm trotz Arbeit

ORF/Langbein+Partner

Kindergärtnerin, Monatsverdienst mit Zusatzausbildung: Euro 1.200,- netto

Arm trotz Arbeit

ORF/Langbein+Partner

Zeitungszusteller, monatlicher Verdienst Euro 550,- brutto, Dienstbeginn 2. Uhr in der Früh

Arm trotz Arbeit

ORF/Langbein+Partner

Martin Schenk, Mitgründer der Armutskonferenz: „Armut schlägt sich auch auf die Gesundheit. Im 1. Bezirk in Wien, leben die Menschen um fünf Jahre länger als im 15. Bezirk“.

Prekäre Arbeitsverhältnisse führen zu Altersarmut

Die fortschreitende Ausweitung der prekären Arbeitsverhältnisse mitsamt Lohndumping ergibt auch niedrigere Sozialleistungen bei Jobverlust und Pensionen. In solchen Arbeitsverhältnissen werden oft keine Beiträge gezahlt und somit keine Beitragszeiten erworben. Das perpetuiert Armut und führt zu Armut im Alter.

„Viele ‚Working Poors‘ geben die Armut an ihre Kinder weiter“, sagt Martin Schenk, der vor 20 Jahren die Armutskonferenz mit gründete. „So entsteht eine Generation Prekariat und wir schauen zu.“

„Politik und Gewerkschaften haben sich auf diese neuen Verhältnisse mit der wachsenden Anzahl von Ein-Personen-Unternehmen, die häufig in eine Scheinselbstständigkeit getrieben werden, überhaupt noch nicht eingestellt“, kritisiert Professor Walter Pfeil von der Universität Salzburg. „Diese Entwicklung mit Tausenden jungen Menschen ohne Zukunftsperspektiven wird auch bei uns zur politischen Radikalisierung beitragen.“

Österreich im EU-Durchschnitt

Die Dokumentation berichtet auch über die Praxis der Leiharbeitsfirmen, über Leiharbeiter aus Ungarn, die in Österreich weit unter dem Kollektivvertrag bezahlt werden, und begleitet eine Razzia der Finanzpolizei.

Heute ist fast ein Viertel aller EU-Bürger armutsgefährdet. 15 Prozent der Tschechen und Niederländer, fast 35 Prozent der griechischen Bevölkerung und, als Negativrekord, fast 50 Prozent aller Bulgaren. Der relative Wohlstand Österreichs mit einem Spitzenplatz im EU-Ranking geht an den sozial Schwächsten vorbei. Mit 18 Prozent der Bevölkerung an oder unter der Armutsgrenze liegt Österreich hier im EU-Durchschnitt. Besonders hoch ist mit 40 Prozent der Anteil der Haushalte, die kein Vermögen besitzen, wo also kein Erspartes zur Verfügung steht, um in der Not auszuhelfen. „Kaputt werden darf bei mir nichts“, sagt Martin Ross. „Wenn mir mein Notebook eingeht, das wäre der Kollaps.“

Arm trotz Arbeit

ORF/Langbein+Partner

Goran Stoikov: Ein prekärer Job folgt auf den nächsten.

Regie: Bert Ehgartner und Kurt Langbein
Dokumentation, 2015


Weitere Sendungen dieser Reihe: