100 Jahre Eintritt Italiens in den 1. Weltkrieg

Gesprengte Berge - getrennte Herzen. Der Erste Weltkrieg in den Dolomiten

Die Dokumentation von Marco Rosi schildert den brutalen Minenkrieg in den Dolomiten zwischen der k. u. k. Armee und dem italienischen Heer in den Jahren 1915 bis 1917.

Freitag, 22.5.2015, 22.55 Uhr
Wh. Sa 01.30 und 05.10 Uhr, So 15.05 Uhr, Mo 12.45 Uhr und Mi 15.20 Uhr
Die Sendung im Internet: tvthek.orf.at

„Die Kanonen schießen, die Musik spielt fröhlich, die Soldaten sterben.“ Der Kaiserjäger Hans Berger sitzt im Kriegs-Winter 1917 in der kargen Unterkunft am Lagazuoi in den damals österreichischen Dolomiten und schreibt an seine Frau im Tal. Berger wird den Kampf im Hochgebirge nicht überleben und nicht zu seiner Carolina in Cortina d´Ampezzo zurückkehren. Er fällt wie Tausende andere österreichische und italienische Soldaten in den Schlachten im Hochgebirge. Noch nie zuvor war in solchen Höhen Krieg geführt worden. Die k.u.k.-Truppen hatten sich nach der italienischen Kriegserklärung im Mai 1915 aus dem Gebiet um Cortina ins Gebirge zurückgezogen. Vom Stilfser Joch bis zum Karst am Isonzo bauten sie eine rund 700 Kilometer lange Verteidigungslinie auf.

Gesprengte Berge - getrennte Herzen. Der 1. Weltkrieg in den Dolomiten

ORF/Kaiserjägermuseum Innsbruck

Blick in die Vallarsa Frühjahr 1917

Das neue Jahr beginnt mit italienischem Kanonenfeuer

Soldaten-Briefe und Tagebucheintragungen dienen als Grundlage für diesen Film. Auch Carolina hält ihre Gedanken fest: „Das neue Jahr beginnt mit italienischem Kanonenfeuer“, schreibt sie und fährt fort: „Eine riesige Feuersäule erleuchtet das ganze Tal. Man könnte meinen, der Berg würde auseinanderbrechen.“ Tausende Jahre hindurch hatten die Gipfel der Alpen selbst den heftigsten Naturgewalten standgehalten und ihr Aussehen nicht verändert. Im Minenkrieg von 1915 bis 1917 wurden ganze Gipfel weggesprengt, um die Stellungen des Feindes zu zerstören.

Gesprengte Berge - getrennte Herzen. Der 1. Weltkrieg in den Dolomiten

ORF/Kaiserjägermuseum Innsbruck

Kampfraum Cima di Bocche Südtirol 1915-1916

Der Lärm der Bohrhämmer war deutlich zu hören

Am 22. Mai 1917 zünden österreichische Kaiserjäger am Lagazuoi 24 Tonnen Sprengstoff. Die Explosion reißt dem Berg ungeheure Wunden, die nie mehr verheilen werden, riesige Krater bleiben zurück. Doch der strategische Erfolg bleibt aus, die Italiener halten ihre Stellungen, der Kampf im Berg entwickelt sich zum Psychokrieg: Tag und Nacht können die Soldaten hören, wie der Feind seine Stollen vorantreibt. Die Ungewissheit, wann die nächste Mine gezündet wird, zerrüttet die Nerven der Männer.

Der italienische Soldat Luigi Panicali schreibt ebenfalls Tagebuch - auch seine Aufzeichnungen sind erhalten: „Ich bin zum Abhörposten gegangen. Der Lärm der Bohrhämmer war deutlich zu hören, auch ohne dass man das Ohr an den Felsen gelegt hätte. Sie können nur höchstens 20 Meter entfernt sein.“

Doch der Kriegsgegner ist nicht der einzige Feind der kämpfenden Truppen. Die verwegen im Berg angelegten Stellungen sind den Naturgewalten schutzlos preisgegeben. Durch Lawinenabgänge kommen mindestens so viele Soldaten ums Leben, wie durch gegnerisches Feuer.

Gesprengte Berge - getrennte Herzen. Der 1. Weltkrieg in den Dolomiten

ORF/Kaiserjägermuseum Innsbruck

Stellung auf der Mte Piano Nordkuppe (im Hintergrund die Drei Zinnen)

Stefano Illing lebt in den Dolomiten und trägt heute noch Fakten zusammen, um den Minenkrieg am Lagazuoi zu rekonstruieren. Mit Hilfe von Hunderten freiwilligen Alpin-Soldaten hat Illing Schützengräben, Baracken und Schächte des Gebirgskrieges rekonstruiert. Der Kampf in extremer Höhe bei Temperaturen bis zu minus 20 Grad stellt auch den Nachschub vor fast unlösbare Probleme. Die Menge an Proviant, die ein Soldat im Hochgebirge benötigt, ist doppelt so groß wie die eines Kämpfenden im Tal. Jeder Soldat braucht täglich ein Quantum an Lebensmitteln, Munition und Brennmaterial, das seinem eigenen Körpergewicht entspricht. Allein, um das nötige Trinkwasser heranzuschaffen, klettern täglich 150 Träger auf den Berg. Mit zunehmender Kampfdauer wird die Verpflegung knapper. Zuletzt haben die österreichischen Soldaten pro Mann nur noch etwa 1.500 Kalorien zur Verfügung, weniger als die Hälfte dessen, was zum Überleben nötig wäre.

Gesprengte Berge - getrennte Herzen. Der 1. Weltkrieg in den Dolomiten

ORF/Kaiserjägermuseum Innsbruck

Höchster Schützengraben der Italienfront (am Ortlergipfelplateau)

Der Regen fördert die Leichen der toten Soldaten zu Tage

Am 20. Juni 1917 jagen die Italiener eine über 30 Tonnen schwere Mine in die Luft und melden, die österreichische Vorherrschaft am Lagazuoi sei gebrochen. Die österreichische Heeresleitung gibt hingegen bekannt, weder schwerwiegende Verluste noch bedeutende Schäden an den Stellungen erlitten zu haben. Der fast zwei Jahre dauernde erbitterte Stellungskrieg im Gebirge hat die Frontlinie so gut wie nicht verändert, der Erste Weltkrieg wird an anderen Fronten entschieden werden.

Eine der letzten Eintragungen in Hans Bergers Tagebuch: „Es regnet seit zwei Tagen. Der Regen fördert die Leichen der toten Soldaten zu Tage. Bei jedem Schritt stoßen wir auf einen Toten.“

Diese österreichisch-italienische Koproduktion stützt sich auf die Notizen und Briefe der Soldaten beider Seiten und auf Frontberichte. In Spielszenen wird das harte Los der Soldaten auf den Gipfeln und ihrer im Tal zurückgebliebenen Angehörigen dargestellt. 3D-Animationen zeigen den aufwendigen Verlauf der Stollen, die in monatelanger, mühsamer Arbeit in den Berg getrieben wurden. Archivaufnahmen unterstreichen die Authentizität dieser Dokumentation, die eindrucksvoll belegt, wie sinnlos es ist, Konflikte durch Kriege lösen zu wollen.

Film von Marco Rosi
Dokumentation, 2006


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