In memoriam Hugo Portisch

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte (3/4) Vor der Zerreißprobe

Mit Hugo Portisch ist am 1. April 2021 der wohl berühmteste Journalist des Landes gestorben. ORF III zeigt aus diesem Grund die von ihm gestaltete epochale vierteilige Dokumentarreihe.

Freitag, 2.4.2021, 23.40 Uhr

Österreich ist frei und erwartet den Abzug der Besatzungstruppen. Doch jetzt machen die Sowjets Österreich für die Mitwirkung am Hitler-Krieg verantwortlich, fordern zwar keine Reparationen, aber dafür alles das, was im Dritten Reich als deutsches Eigentum galt: die Erdölfelder, die DDSG, fast 400 Industrie- und Handelsbetriebe uvm.

Der Marshallplan

In Bulgarien, Rumänien und Ungarn haben die Kommunisten die gewählten demokratischen Regierungen ausgeschaltet und die Macht ergriffen. Die Amerikaner bieten den Europäern eine entscheidende Hilfe zum Wiederaufbau an: den Marshallplan. Die Sowjets lehnen eine Teilnahme ab und zwingen auch ihre Satelliten, den Plan abzulehnen. Selbst Finnland wagt es nicht, den Plan anzunehmen.

Die österreichische Regierung steht jetzt erneut vor einem Scheideweg: Mitmachen und damit vielleicht die Einheit des Landes riskieren oder aus Sorge um diese ablehnen. Sie entscheidet sich zur Annahme der amerikanischen Hilfe und hält den Atem an.

Eine der Voraussetzungen für die Teilnahme ist die Verpflichtung zur engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit aller Teilnehmerstaaten und eine Sanierung ihrer Währungen. In Deutschland wird genau dieser Schritt zur Teilung des Landes und zur sowjetischen Blockade Westberlins führen.

Die Sowjets protestieren zwar, aber sie behindern die Teilnahme Österreichs am Marshallplan nicht - die Hürde scheint genommen. Doch gerade der darauf folgende kommunistische Putsch in Prag und die Verhängung der sowjetischen Blockade in Berlin lässt ähnliche Entwicklungen in Österreich befürchten.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(3) Vor der Zerreißprobe

ORF/Historisches Archiv ORF

An den Ostgrenzen Österreichs wächst der Eiserne Vorhang: Wachtürme, Stacheldraht und Minenfelder. Die Sowjets blockieren Berlin. Das war das entscheidende Flugblatt im Oktober 1950. Die Kommunisten riefen zum Generalstreik und viele folgten ihnen. Regierung und ÖGB wurden von der rasanten Entwicklung überrascht. Doch dann begann die Gegenwehr – auch mit diesen Flugblättern.

Der von den Kommunisten geführte Generalstreik 1950, mit seinen gewaltsamen Formen, bestärkt diese Befürchtungen. Die Gründung der NATO und der Korea-Krieg bringen eine weitere Verschärfung der Ost-West-Konfrontation mit sich, mit unmittelbaren Auswirkungen auf Österreich: Es wird zum gar nicht so heimlichen Verbündeten des Westens, mit der Aufstellung der B-Gendarmerie in den Westzonen nähert sich Österreich sogar den westlichen Verteidigungskonzepten.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(3) Vor der Zerreißprobe

ORF/Historisches Archiv ORF/Polizeidirektion Wien

Oktober 1950: Die Kommunisten haben sich an die Spitze einer breiten Streikbewegung gesetzt. Aber offenbar geht es ihnen nicht nur um Lohnerhöhungen, sondern um Einflussnahme auf die Zusammensetzung der Regierung und der ÖGB-Führung. Beide sollen durch Lahmlegung des öffentlichen Lebens in die Knie gezwungen werden. Unter anderem wird in Wien der Straßenbahnverkehr durch Schutt auf den Schienen blockiert.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(3) Vor der Zerreißprobe

ORF/Stadtarchiv Linz

Voraussetzung für die Teilnahme am Marshall-Plan ist eine stabile Währung und eine geordnete Marktwirtschaft. Am 24. Dezember 1947 führt die Regierung die zweite Währungsreform in Österreich durch. Nur 150,-- Schilling werden 1:1 getauscht, was darüber ist, 3:1. Es ist der Anfang des langen Weges zu einer stabilen Währung.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(3) Vor der Zerreißprobe

ORF/ÖNB/ÖNB (VGA)

9. Oktober 1949: Zum zweiten Mal wird im neuen Österreich gewählt. Die Wahl bringt eine Überraschung. Beide Großparteien ÖVP und SPÖ verlieren je acht Mandate an den VdU, dem Vorläufer der FPÖ.

Und doch bleibt Österreich immer wieder eine Ausnahme: Die Zusammenarbeit im Alliierten Rat wird ungebrochen fortgesetzt. Die Politik im Lande kann sich frei entfalten. Allerdings steht gerade diese Politik auch vor einem Problem: Was geschieht mit den ehemaligen Nationalsozialisten. Die Westalliierten haben ihr Interesse an der Entnazifizierung verloren und auch Österreich kann die 550.000 registrierten ehemaligen Nationalsozialisten nicht mehr aus dem politischen Geschehen ausklammern. Die Folge ist ein Wettlauf aller Parteien um deren Stimmen. Von den dramatischen weltpolitischen Entwicklungen mit ihren Auswirkungen auf Österreich, von den Zerreißproben, die sich daraus ergaben, von den Konsequenzen für die österreichische Innenpolitik, davon berichtet diese Folge der Doku-Reihe.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(3) Vor der Zerreißprobe

ORF/Historisches Archiv ORF/USIS

In der Weltpolitik kommt es zur Wende als in den USA Dwight Eisenhower (1890-1969) zum neuen Präsidenten gewählt wird und in Moskau Josef Stalin (1878-1953) stirbt. Aber eine Wende gibt es auch in Österreich. Julius Raab (1891-1964) löst Leopold Figl (1902-1965) als Bundeskanzler ab. Raab sucht die neue weltpolitische Lage für die Erlangung des Staatsvertrages auszunützen. Er schlägt neue Töne auch im Umgang mit den Sowjets an.

Film von Hugo Portisch
Dokumentation, 2005 / 2015


Weitere Sendungen dieser Reihe: