In memoriam Hugo Portisch

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte (2/4) Österreich auf dem Prüfstand

Mit Hugo Portisch ist am 1. April 2021 der wohl berühmteste Journalist des Landes gestorben. ORF III zeigt aus diesem Grund die von ihm gestaltete epochale vierteilige Dokumentarreihe.

Freitag, 2.4.2021, 21.55 Uhr

Österreich ist befreit. Doch jede der vier alliierten Mächte hat eine andere Vorstellung von dem, was in und mit dem Land geschehen soll.

Wien ist zu einem Drittel, Wiener Neustadt fast zur Gänze zerstört, Linz, Salzburg, Graz, Innsbruck, Bregenz sind nicht viel besser dran. Die Bevölkerung steht Vielerorts vor dem Nichts. Im Land befinden sich mehr als zwei Millionen Fremde: Flüchtlinge und Vertriebene, frühere Zwangsarbeiter, Fremdarbeiter und KZ-Insassen, gestrandete Armeen, die an der Seite Deutschlands kämpften, Zehntausende deutsche und österreichische Kriegsgefangene und Zehntausende alliierte Soldaten. Das Land ist durchzogen von Demarkationslinien.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(2) Österreich auf dem Prüfstand

ORF/Historisches Archiv ORF/Öst. Nationalbibliothek

Eine Einrichtung, die es nur in Wien gab, und zwar zehn Jahre lang: die Vier im Jeep, eine gemeinsame Patrouille der vier Alliierten mit der Aufgabe, Recht und Ordnung herzustellen, vorwiegend bei den eigenen Soldaten.

Bei der ersten Konferenz der Siegermächte in Potsdam werden über die Köpfe der Österreicher hinweg weit reichende Entscheidungen getroffen, die bei den Verhandlungen über den Staatsvertrag eine wesentliche Rolle spielen werden. Doch die Österreicher nehmen ihr Schicksal schon selbst in die Hand. Karl Renner (1870-1950) ruft über alle Demarkationslinien hinweg Politiker aus den Bundesländern nach Wien. In nur drei Tagen gelingt es, alle weltanschaulichen Gegensätze aus der Zeit der Ersten Republik zu überbrücken und gegenüber den Alliierten geeint aufzutreten: Wahlen muss es geben, und zwar innerhalb von wenigen Wochen. Alle stimmen zu, auch die Sowjets. Unglaublich das Ergebnis: 95 % der Österreicher bekennen sich zur westlichen-demokratischen Völkergemeinschaft. Der Weg Österreichs bis hin zum EU-Beitritt ist vorgezeichnet.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(2) Österreich auf dem Prüfstand

ORF/Historisches Archiv ORF/Volksstimme Archiv KPÖ

In Wien ruft die kommunistische Partei im Hungerwinter 1945/46 zu Demonstrationen gegen die Regierung auf. Und nicht nur Kommunisten folgen dieser Aufforderung, denn der Hunger ist tatsächlich groß, und die meisten Kinder sind unterernährt.

Doch noch steht das Land vor großen Problemen: die alliierten Hochkommissare bleiben die wahren Herren im Land, dazu kommt eine gewaltige Hungersnot, denn die Alliierten sind zunächst nicht in der Lage, die Bevölkerung ausreichend zu ernähren. Das Land ist noch immer überlaufen von Hunderttausenden Flüchtlingen und so genannten displaced persons.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(2) Österreich auf dem Prüfstand

ORF/Historisches Archiv ORF/Historisches Archiv

Mit dem Befehl Nr. 17 des sowjetischen Hochkommissars in Österreich werden mehr als 350 Industrie- und Handelsbetriebe, die Erdölfelder und die DDSG in den Besitz der Sowjetunion übergeführt. Dieses so genannte Deutsche Eigentum wird 10 Jahre lang zentrales Thema der Verhandlungen um den Staatsvertrag sein.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(2) Österreich auf dem Prüfstand

Historisches Archiv ORF/National Archives

Österreich droht im Winter 1945 eine katastrophale Hungersnot. Die Schweiz bietet an, österreichische Kinder bei sich aufzunehmen - 75.000 werden es schließlich sein, die zu mehrmonatigen Aufenthalten in die Schweiz eingeladen werden. Aber auch Ungarn, Holland und Schweden nehmen in diesem Winter österreichische Kinder auf.

Und der vielleicht härteste Schlag: Die Sowjets beschlagnahmen in ihrer Zone das so genannte deutsche Eigentum: Hunderte Betriebe, die Erdölfelder, die DDSG usw. Als die Österreicher versuchen, bereits Einfluss zu nehmen auf die nun in Aussicht gestellten Verhandlungen über den Staatsvertrag, wird ihnen, besonders von sowjetischer Seite, ein Sündenregister entgegengehalten: der Beitrag „Österreichs“ zum Hitler-Krieg. Es geht um die Haltung der Österreicher nach dem Anschluss und im Krieg. Es geht um die Frage der Kriegsverbrechen, um die Rolle der Nationalsozialisten und vor allem auch darum, was mit diesen früheren Nationalsozialisten nun geschehen soll.

Die Zweite Republik - Eine unglaubliche Geschichte 
(2) Österreich auf dem Prüfstand

ORF/Historisches Archiv ORF/National Archives

Die Namen niederösterreichischer und burgenländischer Ortschaften wurden auf den Wegweisern auch in kyrillischer Schrift ausgewiesen, um den Sowjetsoldaten die Orientierung zu erleichtern.

Hugo Portisch setzt sich in dieser Folge mit den Hintergründen und Motiven dieser für Österreich damals und bis heute entscheidenden Entwicklungen auseinander.

Dokumentation (2005/2015) von Hugo Portisch


Weitere Sendungen dieser Reihe: