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Schatten der Vergangenheit - Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus

Am 12. März 2013 jährte sich zum 75. Mal der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich, der so genannte ‚Anschluss‘. Historiker präsentieren nun neue Erkenntnisse über Rollen der Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus.

Sonntag, 19. Mai, 19.35 Uhr

75 Jahre nach dem so genannten „Anschluss“ klärt eine Historikerkommission um Universitätsprofessor Oliver Rathkolb die politischen Umstände während des Dritten Reiches und die Bemühungen und Versäumnisse bei der Aufarbeitung der Geschichte des weltberühmten Orchesters der Wiener Philharmoniker. Unterstützt wird er dabei von den Philharmonikern selbst.

Schatten der Vergangenheit: Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus

ORF/pretv/Robert Neumueller

Im Kellerarchiv der Staatsoper. Univ.-Prof. Mag. DDr. Oliver Rathkolb, Dr. Silvia Kargl (Leiterin des Archivs der Wiener Philharmoniker).

Ein Jahr nach Vorliegen der Studie „Politisierte Orchester. Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester im Nationalsozialismus“ von Fritz Trümpi ist das Orchester bereit für eine umfassende Untersuchung. Man öffnet bereitwillig die eigenen Archive, wo tatsächlich bis dato unbekannte, aufsehenerregende Akten gefunden werden.

Jüdische Musiker entlassen

Alle jüdischen Künstler des Orchesters der Wiener Philharmoniker werden nach 1938 fristlos enlassen, fünf von ihnen in Konzentrationslagern ermordet, einer stirbt infolge der Delogierung aus seiner Wohnung, ein weiterer Musiker stirbt noch vor seiner Deportation.

Die neuen Erkenntnisse zeigen, dass fast die Hälfte aller Orchestermitglieder Nationalsozialisten mit Parteibuch waren: 60 von 123. Bei den Berliner Philharmonikern waren es 20 von rund 110 Orchestermitgliedern. Nur 10 der Wiener Musiker mit NSDAP-Zugehörigkeit mussten nach 1945 das Orchester verlassen, zwei kehrten zurück.

Nach 1967 wird dem gerade aus dem Gefängnis entlassenen Kriegsverbrecher Baldur von Schirach (1907-1974), der für die Deportation der Wiener Juden verantwortlich zeichnete, eine Nachbildung des Ehrenrings, den ihm das Orchester 1942 verliehen hatte, überreicht. Das Rätsel um den Überbringer wird im Film gelöst.

Einigen jüdischen Orchestermitgliedern gelingt die Flucht. Der berühmte Konzertmeister Arnold Rosé (1863-1946), Schwager von Gustav Mahler und Vater von Alma Rosé (1906-1944) kann emigrieren. Seine Tochter Alma schafft es nicht. Sie wird in Frankreich verhaftet und stirbt im Konzentrationslager Auschwitz, wo sie das zwangsweise eingerichtete Frauenorchester geleitet hat.

Erstes Neujahrskonzert

Am 1. Jänner im Kriegswinter 1941 findet zum ersten Mal die Philharmonische Akademie „Johann Strauss-Konzert“ statt, die ab 1947 als Neujahrskonzert fortgesetzt wird.

Zeitzeuge Walter Barylli berichtet, dass er ab September 1938 als erster Geiger und drei Jahre später als Konzertmeister im Orchester tätig war. „Durch die unmenschlichen Nürnberger Rassengesetze sind Stellen frei geworden. Eine davon habe ich bekommen.“ sagt er heute bitter.

Schatten der Vergangenheit: Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus

ORF/pretv/Robert Neumueller

Prof. Walter Barylli. Mitglied der Philharmoniker seit 1938.

Nach dem Krieg tun die Wiener Philharmoniker was viele Österreicherinnen und Österreicher tun: Sie verdrängen ihre Schuld. Auch 70 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft wird die Debatte um die Verstrickung der Wiener Philharmoniker mit dem Nationalsozialismus immer noch sehr emotional geführt.

Die Arbeit der Historikerinnen und Historiker hat aber auch zu Tage gefördert, dass sich Wilhelm Jerger, Mitglied der NSDAP und der SS, sowie kommissarischer Leiter des Orchesters, für seinen Kollegen Josef Geringer, Primgeiger, einsetzt. Geringer war 1938 verhaftet und ins KZ Dachau deportiert worden. Auf Intervention Jägers kommt Geringer frei. Seine Tochter Lilly Drukker, die heute in den USA lebt, erzählt im Film von ihrer dramatischen Flucht aus Wien.

Als Wilhelm Jerger im Oktober 1941 fünf weitere jüdische Kollegen vor der Deportation bewahren will, scheitert er an Baldur von Schirach und seinem Kulturbeauftragten.

Archivmaterial zeigt das Orchester, das sich bereitwillig zur Dekoration der Macht instrumentalisieren lässt. So existieren Bilder, auf denen die Wiener Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler (1886-1954) 1943 ein Konzert in einem Berliner Rüstungswerk spielen.

Schatten der Vergangenheit: Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus

ORF/pretv/Robert Neumueller

Die Wiener Philharmoniker bei einem Werkskonzert in Berlin, Dirigent Wilhelm Furtwängler.

Dass die Philharmoniker heute ein klares Verhältnis zu Ihrer Vergangenheit haben, zeigen sie und ihr Dirigent Franz Welser-Möst im Film mit einer außergewöhnlichen Geste: In einer Probe verdeutlichen die Instrumentalisten die Lücken durch vertriebene jüdische Musiker, indem sie nach und nach von den Plätzen aufstehen und fortgehen.

Klare Worte spricht auch der Vorstand Clemens Hellsberg, selbst Historiker und Initiator des Homepage-Projektes: „Wir können nicht sagen, die Uraufführung der Achten Bruckner, der Zweiten und Dritten Brahms, der Neunten Mahler, das waren wir. Aber 1938 bis 1945, das waren die anderen. Das ist undenkbar.“

Regie: Robert Neumüller
Die Dokumentation entstand auf Anregung und in Zusammenarbeit mit ORF III Kultur und Information, 2013


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