Wissenschaft

science.talk: Gerald Gartlehner

Die Österreicher bekommen Untersuchungen und Behandlungen, die sie eigentlich nicht brauchen würden. Barbara Stöckl spricht mit dem Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin (EBM) an der Donau-Universität Krems, Gerald Gartlehner.

Mittwoch, 9. Jänner, 21.45 Uhr
Wh. Do 01.35 Uhr und 16.15 Uhr,
Mi 16.1., 14.15 Uhr und
Sa, 19.1., 15.45 Uhr
Die Sendung im Internet: tvthek.orf.at

„Die Idee hinter Evidenzbasierter Medizin ist, dass Patienten die Behandlung nach bestem vorhandenem Wissen bekommen sollen. Das klingt für medizinische Laien selbstverständlich, wenn man genauer hinsieht merkt man aber, dass dies nicht der Fall ist“, so Gerald Gartlehner, Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Klinische Epidemiologie an der Donau-Universität Krems.

Bei diesem relativ neuen Medizinbereich werden zu bestimmten klinischen Fragestellungen sogenannte systematische Übersichtsarbeiten durchgeführt, zum Beispiel im Bereich Krebsscreening: „In Österreich bekommen 90% aller Frauen zusätzlich zur Mammografie einen Ultraschall. Das Ergebnis nach unseren Untersuchungen war jedoch, dass eine enorme Rate an falsch-positiven Befunden vorliegt und falsch-positiv bedeutet immer, dass etwas mit diesen Frauen passiert, das heißt Biopsie und Operationen, daher sollte darauf verzichtet werden“, so der gebürtige Oberösterreicher.

Ähnlich verhält es sich beim Prostatascreening, dem sogenannten PSA-Test: „Alle Studien zeigen, dass nur ganz wenigen Männern dadurch das Leben gerettet werden kann, aber sehr viel Schaden durch unnötige Operationen entsteht.“

Evidenzbasierte Medizin (EBM) soll nicht nur die bestmögliche Behandlung für die Patienten gewährleisten sondern auch das Gesundheitssystem entlasten: „Ich würde sagen, das Österreichische Gesundheitssystem ist hochgradig ineffizient, die Leute bekommen zu viele Untersuchungen und Behandlungen die sie eigentlich nicht brauchen würden.“

Dr. Gerald Gartlehner, Barbara Stöckl

ORF/KiwiTV

Gerald Gartlehner und Barbara Stöckl

In Österreich stößt die EBM noch auf Widerstand: „Hier ist die Medizin sehr hierarchisch und Expertenbasiert aufgebaut und da ist EBM das allerletzte was die Ärztekammer sehen will.“

Das hierarische System war mit ein Grund warum es Gerald Gartlehner nach dem Medizinstudium in die USA zog, wo er seinen Master of Public Health an der University of North Carolina machte. In den sechs Jahren Aufenthalt in den Staaten war er neben seiner Professur auch stellvertretender Direktor eines Evidencebase Practise Centers an der University of North Carolina, für das er auch heute noch tätig ist: „Die wirklich spannenden Dinge passieren in den USA aber ich bin sehr gerne wieder in Österreich, auch weil es hier sehr viel Pioniersarbeit gibt“, so der Mediziner.

Moderation: Barbara Stöckl
Wissenschaftstalk, 2013


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