zeit.geschichte

Butterkinder - Überleben nach dem Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist knapp die Hälfte aller österreichischen Kinder hochgradig unterernährt. Die Folge sind Mangelkrankheiten und ein dramtatischer Anstieg der Kindersterblichkeit.

Samstag, 17. November, 21.05 Uhr
Wh So 10.50 Uhr, Mo 00.35 Uhr,
Mi 23.20 Uhr, Do 04.00 Uhr und 14.50 Uhr

Nach einem Appell des damaligen Bundeskanzlers Leopold Figl (1902-1965) an die UNO reagiert die Welt und unterstützt das hungernde Österreich mit den so genannten „Care-Paketen“ und Hilfslieferungen. Viele Kinder bleiben dennoch gefährdet.

So greift man auf eine Idee zurück, die sich schon nach dem Ersten Weltkrieg bewährt hat: Kinderverschickungen. Im November 1945 beginnen die Auslandsverschickungen. Als erstes Land nimmt die Schweiz Kinder auf, es folgen die Benelux-Staaten und allmählich läuft die Hilfswelle in ganz Europa an. Auch in Ländern, die nur Jahre zuvor von Nazi-Deutschland besetzt worden waren, fanden sich Gastfamilien für die kleinen Österreicher und Österreicherinnen.

Butterkinder

ORF/Knut Ogris Films

Ingolf Ortner wurde mit sechs Jahren nach Spanien verschickt und sollte ursprünglich nur drei Monate bleiben. Daraus ist ein ganzes Leben geworden. Er hat in Katalonien geheiratet und sich seinen Kindheitstraum erfüllt: ein Delikatessengeschäft. „Das Leben hier in Katalonien war ruhiger. Zu Hause mussten meine Eltern arbeiten und du musstest ständig etwas tun. Und so habe ich mich hier eingewöhnt, ich bin ein gemütlicher Mensch“, erinnert sich Ingolf Ortner, der in Spanien auf den Namen Manuel getauft werden musste.

Butterkinder

ORF/Knut Ogris Films

Ingolf Ortner

Josefa Wrba aus dem Waldviertel wurde von einem ehemaligen belgischen Kriegsgefangenen, der am Hof ihrer Eltern zum Arbeitseinsatz verpflichtet war, nach Brüssel eingeladen. Aber nicht alle Belgier teilten seine Haltung, die persönliches Mitgefühl über politische Ressentiments stellt. „In der Straßenbahn sollte ich nicht allzu viel Deutsch sprechen“, erinnert sich Josefa Wrba, „das wurde nicht gerne gehört.“ Vom Weißbrot und der belgischen Schokolade schwärmt sie heute noch.

Butterkinder

ORF/Knut Ogris Films

Josefa Wrba - Mit 12 Jahren für 3 Monate nach Brüssel gefahren

Waltraud Brandstetter lebt in Spanien in einem reichen Haus mit Köchin, Dienstbotin und Chauffeur. Bei der Rückkehr am Wiener Westbahnhof fragt sie ihre Mutter: „Wo ist Chauffeur? Wo ist Juan?“ „Nein, wir müssen mit der Straßenbahn fahren“, sagt die Mutter. Den großen Unterschied der Lebensrealitäten konnte die damals Sechsjährige nicht verstehen.

Butterkinder

ORF/Knut Ogris Films

Waltraud Brandstetter - Mit 7 Jahren nach Spanien verschickt

Christine Maisel-Schulz ist als Kind gleich mehrmals verschickt worden. Sie war hochgradig unterernährt und hatte Tuberkulose. Eine Reise in den Süden war aus ärztlicher Sicht überlebensnotwendig. So fuhr sie 1949 mit acht Jahren für neun Monate nach Spanien. Es folgen mehrere Aufenthalte in Belgien. Insgesamt hat sie einige Jahre als Kind im Ausland verbracht. „Mein Pflegevater der hat mich so gerne gehabt, er hat dann bitter geweint, wie er gehört hat, dass er mich in drei Tagen in Brüssel abliefern muss“, erinnert sie sich.

Butterkinder

ORF/Knut Ogris Films

Christine Maisel-Schulz - Ist als Kind mehrere Male verschickt worden

Bis heute werden unter den Butterkindern Kontakte aufrecht erhalten, Freundschaften gepflegt, Feste miteinander gefeiert, jetzt sind auch schon die Kinder und Enkelkinder mit dabei. Alois Hawlik und Katharina Geyer haben ehemalige Butterkinder auf Erinnerungsreisen nach Spanien und Belgien begleitet und dokumentieren in ihrem Film eine der ersten europäischen Solidaritätsaktionen, die bis heute über die Grenzen hinweg ihre Spuren hinterlassen hat.

Gestaltung: Katharina Geyer und Alois Hawlik
Dokumentation, 2007


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