Zu sehen ist eine filigrane silbere Dampflok mit Tender und großen Rädern, die wie ein Modell oder eine besonders kunstvolle Spielzeugeisenbahn wirkt.
RAUM.FILM/M. Gartner
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Jüdisches Museum Hohenems

Jüdische Geschichten aus Hohenems

Das Jüdische Museum in Hohenems steht inmitten des ehemaligen jüdischen Viertels der Stadt und ist bis obenhin voll mit Geschichte und Geschichten. Die lässt sich bildreich und mit echter Faszination der Schriftsteller Michael Köhlmeier erzählen, wenn er mit Museumsdirektor Hanno Loewy durch das Haus spaziert. Gemeinsam bewundert man so kuriose Exponate wie einen abgetrennten Pferdefuß.

In Pandemie-freien Zeiten zählt das Jüdische Museum in Hohenems mit seiner Dauerausstellung, wechselnden Sonderausstellungen und einem vielfältigen Programm 20.000 Besucher im Jahr. Die Kleinstadt in Vorarlberg besaß einst eine blühende jüdische Gemeinde. Durch Arbeits- und Heiratsmigration verstreuten sich die Familien in der Welt, man ließ sich in großen Städten wie London, Rom und Frankfurt nieder. Doch die Clans behielten ihre Wurzeln, das kleine Hohenems wurde zum familiären Zentrum, die großen europäischen Metropolen waren gleichsam Peripherie. Man traf sich regelmäßig „daheim“.

Erst die Katastrophe des Holocaust führte zum Ende jüdischen Lebens in Hohenems. Bis sich ab den 1970er Jahren Vorarlberger Heimatforscher engagierten und die in alle Welt verstreuten Nachkommen aufspürten. Aus diesem Engagement ging schließlich das Jüdische Museum hervor. In der ORF-Reihe „Museum für zwei“ besucht Schriftsteller Michael Köhlmeier das Haus und lässt sich von dessen Direktor Hanno Loewy die spannenden, komischen, wunderlichen und traurigen Geschichten hinter den Exponaten erzählen. Und Geschichten finden sich hier zuhauf.

Köhlmeier auf den Spuren jüdischer Geschichten in Hohenems

Das Jüdische Museum in Hohenems ist bis obenhin voll mit Geschichte und Geschichten. Die lässt sich bildreich der Schriftsteller Michael Köhlmeier erzählen, wenn er mit Museumsdirektor Hanno Loewy durch das Haus spaziert.

„Diebesbrief“ statt Liebesbrief

Die Führung durch das Museum beginnt sehr poetisch, wenn Direktor Loewy für Köhlmeier einen jiddischen Liebesbrief aus dem Jahr 1675 übersetzt. Die Textpassage spielt mit den traditionellen Zutaten eines Hochzeitskuchens und beschwört „ein Haus aus Zimt, ein Dach aus Muskatnuss, die Tür aus Nelken und die Scheiben aus Zuckerguss“. Im Video hat die Geschichte leider keinen Platz, doch sie ist so schräg, dass sie hier verraten sei: Ein echter Liebesbrief war das nämlich keineswegs. Der bildreiche Text stammt vielmehr aus einem der damals beliebten „Briefsteller“: Vorlagen, die weniger begabten Schreiberinnen und Schreibern halfen, schöne Briefe zu verfassen.

Dieser prosaische Hintergrund wird allerdings durch die Rückseite des Zettels gleich wieder wettgemacht. Die ist der eigentliche Grund dafür, dass das Papier über dreihundert Jahre erhalten blieb. Dort hatte ein Dieb für einen Komplizen genaue Instruktionen vermerkt, wo die Beute aus einem Raub zu finden sei. Der Zettel wurde abgefangen, der Dieb mit recht unschönen Methoden zum Geständnis gebracht und verurteilt. Das Papier lag als Beweismitteln den Gerichtsakten bei, landete im Landesarchiv und schließlich beim Jüdischen Museum.

Schriftsteller Michael Köhlmeier und Museumsdirektor Hanno Loewy betrachten Exponate in einer Vitrine.
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Hanno Loewy rezitiert für Michael Köhlmeier mit viel Gefühl den – vermeintlichen – Liebesbrief.

Samowar mit bedrückender Geschichte

Auch zahlreiche Gebrauchsgegenstände sind im Museum ausgestellt – manche mehr, manche weniger alltäglich. Zu den besonders kunstvollen Objekten gehört die silberne Dampflok. Das schöne Stück ist keineswegs ein Spielzeug, sondern ein Samowar mit einem echten Dampfkessel und Platz fürs Anwärmen der Teetassen. Ist der Kessel gefüllt, zieht man an einem Elfenbeingriff am Tender des silbernen Triebwagens, schon strömt vorne das heiße Wasser aus der Lok.

So schön die silberne Dampflok aussieht, so bedrückend ist allerdings ihre Geschichte: Das Modell erhielt einst Heinrich Sichrovsky, Generaldirektor der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn und aus einer bekannten Wiener jüdischen Familie stammend, von seinen Beamten als Geburtstagsgeschenk überreicht. Sein Enkel Rudolf Gomperz folgte dem Großvater zunächst beruflich nach und wurde Eisenbahningenieur. Später wandelte er sich am Arlberg zum Skipionier und Wegbereiter des Wintertourismus. Es half ihm nicht. 1942 wurde Rudolf Gomperz auf einer ehemaligen Nordbahn-Strecke von Wien aus in den Tod deportiert.

Ein Pferdefuß zur Erinnerung

Kurios wird es in der Sonderausstellung „Die letzten Europäer“. In einer Vitrine steht hier gut sichtbar ein abgetrennter Pferdefuß — samt Huf und Hufbeschlag. „Eigentlich ein makabres Stück. Was macht so etwas hier im Jüdischen Museum?“, will denn auch Schriftsteller Köhlmeier wissen. Der Museumsdirektor erzählt also: Es sei der Fuß der Stute Trieste, mit der ein junger Mann aus der ehrwürdigen jüdischen Familie Brunner im Ersten Weltkrieg in den Kampf ritt.

Die Familie Brunner aus Hohenems steht hier exemplarisch für die Katastrophe des Ersten Weltkrieges, in der sich ihre Mitglieder teils auch als Gegner gegenüberstanden. Ursprünglich im Habsburger Heer aufgestellt, desertierte der junge Brunner und schloss sich den Italienern an. Doch die österreichische Artillerie löschte sein gesamtes Regiment aus. Die Stute überlebte. Nach ihrem friedlichen Tod schnitt man ihr den Fuß ab. Für Michael Köhlmeier kein naheliegender Brauch. „War das jetzt eine Spezialität?“, will er wissen. Pferdeliebhaber hätten das öfter gemacht, weiß Hanno Loewy. „Das hat man als Briefbeschwerer benutzt und ich weiß nicht als was sonst noch.“

Die schillernde Geschichte des Harry Weil

Eine Lederhose schließlich wird zum Ausgangspunkt der letzten Geschichte zu jüdischem Leben in Hohenems, die sich Schriftsteller Michael Köhlmeier erzählen lässt. Die Krachlederne gehörte einst Harry Weil, dem letzten Kantor oder Vorbeter der jüdischen Gemeinde. Wie diese Lederhose sei das ganze Leben des Harry Weil schillernd gewesen, beginnt die Erzählung von Museumsdirektor Loewy. Aus einer armen Familie stammend, verkaufte er demnach im Brotberuf Versicherungen. Denn: „Die Gemeinde war da schon so klein, dass sie ihren Kantor nicht mehr bezahlen konnte.“

1938 schließlich kam der Anschluss Österreichs, die Nationalsozialisten übernahmen auch im fernen Hohenems die Macht. Die jüdische Gemeinde war da schon auf nur mehr 16 Personen geschrumpft. Harry Weil gelang als einem von wenigen Gemeindemitgliedern gerade noch rechtzeitig die Flucht. Über die Schweiz ging es weiter bis nach Amerika. Nach dem Krieg wolle der ehemalige Kantor eigentlich zurück nach Hohenems. Doch die Marktgemeinde habe ihm jede Entschädigung, jede Rückgabe verweigert, erzählt Hanno Loewy. "Und so blieb er in den USA und was hat er gemacht? Er hat ein Importgeschäft für „Rupp Käsle" eröffnet.“

Der nächste Köhlmeier kommt gewiss

Was bleibt einem Schriftsteller nach so vielen eindrücklichen Bildern und Erzählungen anderes übrig? "Eigentlich, Hanno, sollte man doch ein Buch schreiben über all diese Geschichten“, überlegt Michael Köhlmeier zum Abschluss der gemeinsamen Museumstour. Hanno Loewy zeigt sich ganz und gar unkompliziert. „Wenn du es schreibst, dann machen wir das“, lautet die kurzentschlossene Zusage. Auf den nächsten Köhlmeier darf man also schon einmal gespannt sein. Bis dahin können Interessierte ja einfach das Museum besuchen.