Wie gescheit ist Wikipedia?

Längst geht es bei Wikipedia nicht mehr darum, ob es besser oder schlechter ist, als herkömmliche gedruckte Nachschlagewerke - dieser Wettbewerb ist ausführlich diskutiert und erörtert. Beide Seiten sind sich einig - Wikipedia ist mit traditionellen Lexika nicht vergleichbar: In den weltweiten Serverfarmen von Wikipedia leben über 10 Millionen Artikel. Täglich kommen tausende hinzu. Welche, wird von der Gemeinschaft entschieden. Jeder kann schreiben, jeder Löschanträge stellen. Diese Art von Demokratie ist in der Jahrtausende alten Tradition von Wissensarchivierung neu:

Frank Hartmann, Medienphilosoph, Univ. Weimar: „Die Dynamisierung spielt eine große Rolle. Bücherwissen ist zutiefst bürgerlich. Bibliotheken zählen zum Selbstbewusstsein des Bürgertums. Nationalbibliotheken demonstrieren die neue Macht. Die alte war kirchlich. Wissen statt Glauben! Jetzt kommen neue Formen des Wissens auf. Das wird von der Jugend gemacht, die sich angeblich für nichts interessiert! Außerdem ist es nicht kommerziell! Man hat sich gegen Werbung entschieden. Das Spendenmodell funktioniert wunderbar. Es gibt also immer noch hervorragende, nicht kommerzielle Projekte.“

Das Wikipedia-Imperium sieht hinter den Kulissen gar nicht so imperial aus. Nur 15 Mitarbeiter lenken von San Francisco aus das weltumspannende Lexikon. 60.000mal pro Sekunde wird darin nachgeschlagen. Die Zahl der Benutzer dahinter ist unbekannt.

Geld ist nach Auskunft der aktiven Gemeinschaft mit Wikipedia nicht zu verdienen. Das sei auch nicht das Thema. Finanziert wird das noch werbefrei gehaltene Lexikon über private Spenden. Der Betrieb kostet rund 75.000 Euro im Monat. Die Hälfte davon verschlingen Service und Energie in den Serverfarmen.

Henriette Fiebig, Wikipedia-Autorin: „Reich wird man damit nicht! Ganz im Gegenteil! Ich gebe sehr viel Geld für Rechercheliteratur aus. Ich bin täglich in der Bibliothek. Ab und zu schreib ich auch einen Artikel darüber. Warum sich jemand das antut, und so viel mitarbeitet? Es gibt so viele Gründe wie Mitarbeiter bei Wikipedia. Mir macht es Spaß, zu recherchieren, irgendwelche Dinge rauszubekommen.“

Die Qualität der Einträge war lange Zeit eines der heiß diskutierten Themen bei Wikipedia - ausgelöst durch Wikipedia-Vandalismus in den ersten Jahren. So wurde etwa der US-amerikanische Senator Edward Kennedy vorzeitig für tot erklärt - seither ist es mit Vandalismus nicht mehr so einfach.

Wir haben Wikipedia herausgefordert und einen Fehler im Lexikon versteckt. Wird er entdeckt und falls ja, wie lange benötigt die Wikipedia-Gemeinde diesen zu korrigieren?

Wir suchen den Eintrag des Österreichischen Rundfunks. Und bearbeiten diesen. Irgendwo vertauschen wir ein paar Buchstaben. Mit einem Klick ist die neue Version gespeichert. Sogleich erscheint der Fehler. Nur - noch ist er nicht online. Er muss erst gesichtet werden von einem der Administratoren. Wir klicken auf die Liste früherer Versionen und siehe da, unsere Version ist gar nicht mehr die aktuellste. Unser Artikel wurde bereits bearbeitet. Die Version von "Newton Test" wurde rückgängig gemacht. Innerhalb einer Minute wurde der Fehler entdeckt und aus FRO wurde wieder der ORF.

In Zukunft will Wikipedia sein Wissen auch punktgenau liefern: Mit dem Mobiltelefon fotografiert man etwa ein Gebäude und bekommt den passenden Wikipedia-Eintrag automatisch auf das Handy. Testweise ist diese Funktion bereits Realität:

Mathias Schindler, Wikimedia: „Mir wird eine Karte präsentiert, wo ich gerade bin. Um mich tauchen Gegenstände, Gebäude auf, die einen Wikipedia-Artikel haben. Ich gehe in eine fremde Stadt, und sehe eine Liste von Punkten, die mich interessieren könnten. Ich könnte mir auch einen Stadtführer kaufen. Auf diese Weise bekomme ich einen neuen Informationszugang. Es gibt noch eine Fülle von Möglichkeiten, wie man Wikipedia-Inhalte integrieren könnte. Dort, wo die Frage gerade auftaucht!“

Ein Jahr nach Gründung von Wikipedia hat der US-amerikansiche Autor M. T. Anderson ein Gedankenexperiment entwickelt: Sein Roman "Feed" spielt in einer Welt, in der das im Internet verfügbare Wissen direkt in die Gehirne der Menschen eingespeist ist. Das heißt jeder hat in Gedanken immer und überall Wissenszugang.

Nicht nur für Schüler und Studenten eine paradiesische Vision. Wir haben uns bei Neurowissenschaftern erkundigt und sie um ihre Einschätzung gebeten, wann und ob dieser Gedanke Wirklichkeit werden kann:

Alois Schlögl, Computerwissenschafter Univ. Graz: „Unser Gehirn ist ganz sicher anders organisiert als Wikipedia. Wir müssen die Funktionsweise unseres Gehirns entschlüsseln. Das ist teilweise gelungen. Es ist aber noch ein weiter Weg, bis man das Gehirn vollständig versteht. Davor wird es keine direkten Schnittstellen zwischen Internet und Gehirn geben.“
Bis wir unser Gehirn verstanden haben, will Wikipedia erst mal auf Multimedia-Inhalte im Internet setzen. Lexikalische Einträge wie wir sie heute sehen, sind für das Nachschlagewerk gerade einmal ein Anfang.