Das wahre Gesicht des Heiligen Nikolaus

Mit dem Weihnachtsmann verbinden Millionen Menschen auf der ganzen Welt ein Gesicht. Kinder glauben, der bärtige Greis komme vom Nordpol. Tatsächlich jedoch stammt er aus dem Mittelmeerraum. Er war ein Bischof, der in seiner Heimat auch heute noch als christlicher Held verehrt wird.

Der heilige Nikolaus, dessen Todestag am 6. Dezember in vielen Ländern gefeiert wird. Er hat viele Gesichter - doch niemand weiß, wie er tatsächlich ausgesehen hat.

Wissenschafter wollten dieses Geheimnis lüften und haben sich auf die Suche nach dem wahren Gesicht des Heiligen Nikolaus gemacht. In einer Basilika in der italienischen Stadt Bari ruhen die Knochen von Nikolaus in einem Marmorgrab.

James Rosenthal, Historiker: „Dank der Knochen in Bari wissen wir, dass der Heilige Nikolaus keine Fantasiegestalt ist, sondern ein echter Menschen war.“

Francesco Introna gilt als einer der besten Pathologen Italiens. Eine Spezialausbildung beim FBI machte ihn zu einem gefragten Ermittler bei Mafia-Morden. Nun widmet er sich einem ungewöhnlichen Fall - dem Leichnam vom Sankt Nikolaus. Seine Nachforschungen beginnen bei der Gruft des Heiligen. Erst einmal ist sie geöffnet worden: 1953 machte der Vatikan im Zuge von Renovierungsarbeiten der Basilika eine Bestandsaufnahme der Knochen. Pater Cioffari in Bari besitzt die Originaldokumente, die einzigen Aufzeichnungen, die es gibt. Franco Introna studiert die Röntgenaufnahmen und Fotografien und muss erkennen: Das Skelett von Nikolaus ist unvollständig, ein Großteil der Knochen fehlt. Nur der Schädel ist beinahe intakt - mit Ausnahme einer großen Lücke am linken Unterkiefer. Franco Introna schickt die verfügbaren Daten - verschiedene Diagramme und tausende Abmessungen des Skelettes - an Caroline Wilkinson von der Universität in Manchester. Sie zählt zu den weltweit führenden Experten für Gesichtsrekonstruktionen. Vielleicht gelingt es ihr herauszufinden, wie Nikolaus wirklich ausgesehen hat.

Die Wissenschafterin ist zunächst verblüfft über die Statur ihres neuen Forschungsobjekts. Der Heilige war kaum grösser als 1 Meter 60 - selbst für seine Epoche eher klein. Noch mehr jedoch erstaunen sie die Maße seines Kopfes.

Caroline Wilkinson, Anthropologin, University of Manchester: „Das Bild des Schädels lässt eine recht rundliche, massive Kopfform erkennen. Als erstes ist mir aufgefallen, dass es sich um einen großen, robusten Männerkopf handelt. Im Verhältnis zu den Körpermaßen ist das eine Überraschung: Er war sehr klein, aber er hatte einen sehr großen Schädel.“

Anhand der Daten und Fotos von Franco Introna will Caroline Wilkinson versuchen, dem vor 1.700 Jahren verstorbenen Nikolaus wieder ein Gesicht zu geben.

In der Zwischenzeit begibt sich Franco Introna auf die Spuren des Heiligen. Er fliegt nach Patara, das in der Provinz Antalya an der Südküste der heutigen Türkei liegt. Das gewaltige Amphitheater ist stummer Zeuge einst turbulenter Tage.

Patara war ein Teil des Römischen Reichs, als Nikolaus in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts nach Christus hier geboren wurde. Um sein Leben ranken sich Mythen und Geschichten - vieles ist nur noch bruchstückhaft bekannt.

Er wächst in einem heidnischen Umfeld auf, Christen werden erbarmungslos verfolgt. Der Mittelmeerraum steht unter strenger Herrschaft des mächtigen Rom - in der Arena werden Männer gezwungen, gnadenlos um ihr Leben zu kämpfen - zur Belustigung des Publikums. Ein Wettstreit, bei dem immer nur einer gewinnt. Nikolaus verabscheut die blutigen und barbarischen Spektakel. Seinen christlichen Glauben kann er nur heimlich leben. Als seine Eltern an der Pest sterben, hinterlassen sie im ein beträchtliches Erbe.

James Rosenthal: „Sein Glück war es, dass er aus einer reichen Familie stammte. Er war nicht arm und genoss in der Gemeinschaft deshalb ein gewisses Ansehen. Das machte es ihm leichter, gute Taten zu vollbringen - schließlich besaß er die Mittel dazu.“

Der Legende zufolge beginnt seine Mission in Patara. Mit diesem ersten überlieferten Akt der Wohltätigkeit legt er den Grundstein für eine der beliebtesten christlichen Traditionen. Er hilft dem Vater von drei Töchtern aus der Not: Dieser hätte die Mitgift für ihre Heirat nicht aufbringen können. Die jungen Mädchen wären gezwungen gewesen, als Prostituierte zu arbeiten. Drei Nächte lang schleicht Nikolaus im Schutz der Dunkelheit zum Haus der Familie und wirft kleine Beutel mit Gold durchs Fenster. Beim dritten Mal möchte der Vater mehr über den unbekannten Wohltäter erfahren und legt sich auf die Lauer. Der Beschenkte erkennt im großzügigen Spender den Jungen aus der Nachbarschaft. Die heimlichen Gaben des Nikolaus werden zum Vorbild für einen Brauch, der sich später in die ganze Welt ausbreiten soll.

Während Franco Introna in Patara das Leben von Nikolaus rekonstruiert, hat Caroline Wilkinson in Manchester begonnen, mithilfe forensischer Methoden das Gesicht von Nikolaus wiederentstehen zu lassen. In einem ersten Schritt werden die Fotos und Daten des Schädels in ein virtuelles 3D-Modell umgewandelt. Dank des speziellen 'Phantomstifts' können die Wissenschafter den Kopf nun wie eine reale Vorlage abtasten. Zusammen mit ihrem Kollegen formt sie auf diese Art einen künstlichen 3D-Schädel.

Caroline Wilkinson: „Wir versuchen hier gerade, aus den vorhandenen 2D-Informationen eine 3D-Darstellung anzufertigen. Wir haben Daten und Skizzen aus der Zeit, als der Schädel vermessen wurde, und Chris erstellt damit ein dreidimensionales Modell. Die vorhandenen Röntgenaufnahmen und Fotos helfen uns, es immer mehr zu verfeinern. Schauen wir uns die Nase an.“

Überrascht stellen die Wissenschafter fest, dass Nikolaus zu Lebzeiten Verletzungen erlitten hat. Der obere Teil des Nasenrückens ist offensichtlich verbogen.

Caroline Wilkinson: „In dieser Darstellung ist das ziemlich gut zu sehen. Die Nase war gebrochen. Es sieht so aus, als hätte er einen Schlag von der linken Seite erhalten, der die Knochen nach rechts verschoben hat. Ich vermute, dass der Bruch der Nase die Form seines Gesichts verändert hat, denn es ist asymmetrisch. Es könnte ein heftiger Schlag gewesen sein, aber wir wissen es nicht. Vielleicht waren es auch mehrere Schläge.“

Die ersten Ergebnisse aus Manchester erreichen Franco Introna per e-Mail in der Türkei. Die Nachricht von der gebrochenen Nase scheint nicht zum überlieferten friedvollen Wesen des Heiligen zu passen. Der Forscher erklärt sich die Blessuren mit den rauen Umgangsformen der damaligen Zeit. Die Römer kannten keine Gnade, wenn es darum ging, die Struktur christlicher Gemeinden zu zerschlagen.

Francesco Introna: „Das 3. Jahrhundert war aufgrund der Christenverfolgung ein schreckliches Zeitalter. Sankt Nikolaus war Erzbischof. Er muss ein zäher Bursche gewesen sein, um seine Kirche verteidigen zu können.“

Fasziniert von dieser neuen Erkenntnis begibt sich der Forensiker auf weitere Spurensuche. Seine Reise führt ihn in die antike Stadt Myra ca. 150 Kilometer westlich von Antalya. Von der ehemals römischen Festung stehen nur noch Reste.
Myra war Bischofssitz und Nikolaus amtierte hier als Bischof ungefähr ab dem Jahr 300 nach Christus. Die Ruinen und zum Teil wieder hergestellten Gebäude zeugen vom einst pulsierenden Leben einer großen christlichen Gemeinde.

Im Alter von 19 Jahren wurde Nikolaus in Myra von seinem Onkel zum Bischof geweiht. Fast sein gesamtes Leben als Erwachsener hat er hier verbracht. Heute zählt der Ort unter dem Namen Demre dank Nikolaus zu einem der bekanntesten Wallfahrtsorte der Türkei. Nach seinem Tod wurde Nikolaus in einem Steinsarkophag in der Kirche von Myra bestattet und nicht in den heute noch gut erhaltenen Felsengräbern.

James Rosenthal: „Myra war eine sehr wichtige Stadt, sogar der Heilige Paulus hat sie besucht. Die Region ist bis heute für den Austausch zwischen den Religionen bedeutsam. Ich glaube, sein Amt als Bischof hat sehr zur Legendenbildung beigetragen. Seine Lebensweise beeinflusste das christlichen Denken und Tun der späteren Jahre.“

Niemand weiß, wann genau Nikolaus seinen Geburtsort Patara verließ. Manche Quellen berichten, dass er bereits als Jugendlicher nach Myra gegangen ist. Anderen Überlieferungen zufolge war er damals schon ein Mann mittleren Alters. Fest steht nur - Myra wurde wegen Nikolaus zum Wallfahrtsort.

Als Nikolaus älter wird, zerbricht das römische Reich. Ein neuer Herrscher kommt an die Macht - Konstantin der Große. Mit ihm kommt die konstantinische Wende, die mit dem Siegeszug des Christentums beginnt. Konstantin räumt mit der Knechtschaft vergangener Tage auf und vereint das Reich unter seiner neuen christlichen Regentschaft. Die Zeiten der Verfolgung und Unterdrückung sind vorbei - von nun an können die Christen ihre Religion öffentlich ausüben. Mehr noch - Konstantin etabliert den Glauben als Teil des politischen Systems im Staat. Die Kirche nimmt an der Gestaltung der Regierung aktiv teil.

Peter Sarris, Historiker, Cambridge University: „Konstantins Bekenntnis zum Christentum verlieh den Bischöfen enorme Autorität und Macht in der römischen Gesellschaft. Die mächtigsten von ihnen genossen großen Einfluss und höchstes Ansehen am kaiserlichen Hof. Es zeigte sich deutlich, dass das Christentum im Vormarsch war."

Zum ersten Mal in seinem Leben darf Nikolaus seine Religion angstfrei ausüben. Der Mann, der einst zu den Ausgegrenzten zählte, wird nun zu einem geachteten Mitglied der römischen Gesellschaft.

Peter Sarris: „ Ein Bischof wie Nikolaus genoss dank der guten Kontakte zur Regierung höchste Wertschätzung. Er entwickelte sich nicht nur zu einer Autoritätsperson, sondern verfügte in den Augen seiner Gemeinde tatsächlich über reale Macht. Und er zögert auch nicht, diese Macht auszuüben - wann immer er es für nötig erachtet.“

Der Legende zufolge erfährt er vom Schicksal dreier Christen, die zu Unrecht zum Tode verurteilt sind. Er läuft durch die ganze Stadt, um zu den Verurteilten zu gelangen, bevor der Scharfrichter sein Handwerk vollenden kann. Sein Name und sein Amt reichen aus, um die Hinrichtung zu verhindern.

James Rosenthal : „Sankt Nikolaus war sehr entschlossen, er war ein Mann der Tat - er predigte die frohe Botschaft nicht nur, er lebte sie auch - selbst wenn er dabei in Schwierigkeiten geriet. Das ist die Art und Weise, die er uns vorlebte. “

Caroline Wilkinson in Manchester ist in der Zwischenzeit mit der Wiederherstellung des Nikolaus-Kopfes voran gekommen.

Caroline Wilkinson: „Wenn alle Muskeln auf ihrem Platz sind, werden wir deutlicher erkennen, wie er ausgesehen hat. Wir sind immer bestrebt, Gesichter so zu rekonstruieren, dass jemand, der die betreffende Person gekannt hat, sie auf dem Bild auch tatsächlich wieder erkennt."

Jeder Muskelstrang wird einzeln an der entsprechenden Stelle angebracht. Auf diese Art und Weise lassen sich Gesichtszüge mit großer Genauigkeit wiederherstellen. Eine Präzisionsarbeit, die Stunden dauert, und perfekte Anatomiekenntnisse verlangt.

Caroline Wilkinson: „ Die Asymmetrie ist auf die gebrochene Nase zurück zu führen. Wir versuchen die Nase darzustellen, indem wir die Linien zwischen dem obersten Punkt des Nasenrückens mit dem Punkt an der Nasenbasis verbinden. Anhand der Berührungspunkte können wir die Nase nachstellen. Der Nasenrücken hier war stark nach rechts gebogen.“

Im nächsten Arbeitsschritt wird Caroline Wilkinson die Haut und das Haar hinzufügen. Sein wahres Gesicht erscheint immer plastischer. Doch wer hat dem Heiligen Nikolaus die Nase gebrochen? Einen Anhaltspunkt könnte sein hitziges Temperament geben, das in einem überlieferten Vorfall beschrieben wird. 325 nach Christus beruft Kaiser Konstantin das Konzil von Nicäa, das erste ökumenische Konzil, ein. Im Zuge eines Disputs soll Bischof Nikolaus seinen Amtskollegen Arius wegen ketzerischer Äußerungen beschimpft und angegriffen haben.

James Rosenthal: „Sein Glaube an Christus war so stark, dass er sich nicht damit begnügte, Arius vor den anderen Bischöfen verbal zu attackieren. Angeblich hat er ihm auch eine Ohrfeige gegeben.“

An einem 6. Dezember Mitte des 4. Jahrhunderts stirbt Nikolaus. Die Kirche in Myra, in der er immer gepredigt hat, wird seine letzte Ruhestätte. Unabhängig von den Geschehnissen um den Heiligen Nikolaus unternimmt Kaiser Konstantins hochbetagte Mutter Helena eine Reise ins Heilige Land, die sich auf die spätere Verehrung von Nikolaus enorm auswirken wird. In der Nähe von Jerusalem findet sie den Golgota-Felsen, den Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Einer Legende zufolge veranlasst Helena daraufhin Grabungen und findet Reste des wahren Kreuzes. An derselben Stelle lässt sie die sogenannte Grabeskirche errichten, in der die gefundenen Reliquien ihren Platz finden. Ohne es zu wissen, ebnet die über 70jährige Helena damit den Weg für eine neue Geschäftsidee.

Alister McGrath, Theologe, Oxford University: „ Der Begriff ‚Reliquie‘ bezeichnet ein Andenken, das erhalten geblieben ist. Damals war die Existenz eines Andenkens an einen Heiligen, der seine Frömmigkeit bewiesen hatte und für seinen Glauben sogar gefoltert worden war, für viele Christen ein Kontakt zur Vergangenheit, der ihnen Kraft für ihre Mission in der Gegenwart gab. Um aus ihren Reliquien ebenfalls Kapital schlagen zu können, lassen die Priester in Myra eine prächtige Kirche für die Gebeine des Nikolaus bauen.“

Immer mehr Pilger strömen in die Stadt an der Südküste der heutigen Türkei. Und immer öfter berichten sie von einem Wunder. Die Knochen des toten Bischofs sondern eine wohlriechende Flüssigkeit ab, die sie als 'Manna' bezeichnen - als göttliches Geschenk des Heiligen Nikolaus. Gegen eine angemessene Gabe kann jeder Gläubige die Grabstätte besichtigen und ein Fläschchen Manna mitnehmen. Die Botschaft von diesem Wunder verbreitet sich in der gesamten Region. Der Heilige Nikolaus von Myra wird zur Legende.

Franco Introna hat seine letzte Station in der Türkei erreicht: Die vor 1200 Jahren für den Nikolaus-Kult errichtete Kirche. Damals wie heute verspricht der religiöse Tourismus klingelnde Kassen.

Angela Tilby, Theolog. Fakultät, Cambridge University : „Eine riesige Industrie lebt von den Pilgern, bietet Unterkunft, Bewirtung und Kultobjekte, die man mit nach Hause nehmen kann. Mit Reliquien kann man gute Geschäfte machen.“

Der Ruhm des Heiligen Nikolaus verbreitet sich im Mittelmeerraum und gelangt bis ins italienische Bari. Die kleine Hafenstadt erlebt wirtschaftlich schwere Zeiten. Die Kaufleute heuern deshalb eine Gruppe Matrosen als Grabräuber an.

Alister McGrath : „Es bestand überhaupt kein Zweifel, dass Pilger den Handel beleben würden. Doch was konnte man ihnen bieten? Venedig hatte den Heiligen Markus als Attraktion, aber Bari hatte nichts. Und so fragten sich die Einwohner von Bari, 'wie kann unser Ort zu einer Pilgerstätte werden?'“

Im Jahr 1087 erreichen die Seeleute aus Bari die St. Nikolaus-Kirche in Myra. Was dann geschieht, ist durch die Aufzeichnungen des Benediktiner-Mönches Nicephorus überliefert. Die Eindringlinge schleichen durch die dunkle Kirche und suchen den Sarkophag des Heiligen Nikolaus. Aus dem Hintergrund beobachtet der Mönch Nicephorus die Szene. Seinen Aussagen zufolge wird der Anführer der Grabräuber von einer unerwarteten Ehrfurcht ergriffen, als er den Inhalt des Sarkophags entdeckt. Laut Nicephorus entweicht in diesem Moment aus dem Grab ein betörender Duft.

Francesco Introna: „Egoistisch betrachtet macht es mich stolz, dass die Gebeine des Heiligen Nikolaus heute in unserer Basilika in Bari ruhen. Natürlich bin ich nicht stolz auf den Raub - wie könnte jemand auf so etwas stolz sein? Aber wenn die 62 Seeleute die Knochen nicht gestohlen hätten, gäbe es heute vielleicht keinen Santa Claus.“

Die Kaufleute von Bari lassen für die kostbaren Reliquien eine prunkvolle Basilica bauen. Im Inneren der Krypta scheint sich das Wunder fortzusetzen. Noch immer spenden die Knochen von Nikolaus duftendes 'Manna'-Wasser. Das Geschäft blüht, die Kirche verzeichnet unerwartet hohe Einnahmen. Dank des Manna-Wunders wird Nikolaus von Myra zu einer mystischen Figur - als Nikolaus von Bari.

Alister McGrath, Theologe, Oxford University : „Das ist eine beeindruckende Demonstration der erfolgreichen Publicity-Maschinerie von Bari: Die Verdienste eines Heiligen aus der Türkei werden einfach nach Italien verlegt.“

Im gesamten europäischen Raum wird seitdem am 6. Dezember der Todestag von Nikolaus gefeiert. Doch der Brauch der heimlichen Geschenke entsteht erst im 12. Jahrhundert. Die Legende von Nikolaus und seinen Geschenken an den Vater von drei Töchtern inspiriert französische Nonnen zu einer Fortsetzung. Um unerkannt zu bleiben, schleichen sie im Morgengrauen zu den Häusern armer Menschen und legen Strümpfe gefüllt mit Nüssen und Orangen vor die Türen. Das Ritual spricht sich schnell herum und wird in ganz Europa nachgeahmt. Die Socken als Geschenkbehälter haben hier ihren Ursprung.

Die Verwandlung in den Nikolaus unserer Tage beginnt aber erst im 16. Jahrhundert. Die Priester selbst fördern die Verehrung der Reliquien und öffnen so eine Tür für clevere Geschäftemacher. Der Kontakt mit heiligen Gegenständen verspricht einen Weg zur Glückseligkeit - aber selbstverständlich nicht gratis.

Alister McGrath: „ Beim Anblick der Reliquien hat man Zugang zum Paradies - aber nur gegen Gebühr. Doch viele Menschen hielten das für einen Missbrauch und der Ruf nach Reformen wurde immer lauter. Da sich immer mehr Gläubige gegen die Unsitte auflehnen, setzt die Protestantische Reformation der Anbetung von Reliquien ein Ende.“

Feiern am Nikolaus-Tag werden verboten. Um dem Frevel zu entgehen, verschieben viele Menschen das Fest auf den Weihnachtstag und ersetzen den Nikolaus durch andere Symbolfiguren. In Amerika tritt eine kleine Kobold-Gestalt an die Stelle des Heiligen Nikolaus - Santa Claus. Um 1890 veröffentlicht der deutsch-amerikanische Karikaturist Thomas Nast ein Abbild seines Weihnachtshelden. Coca-Cola nimmt das Bild als Vorlage für eine jahrzehntelange Werbekampagne - und macht den neuen Santa Claus weltberühmt.

Doch wie sieht der echte Nikolaus nun tatsächlich aus? Caroline Wilkinson und ihr Kollege haben den Kopf so gut wie möglich rekonstruiert. Das Ergebnis zeigt das wahre Gesicht des Heiligen Nikolaus.

Franco Introna: „ Ich bin etwas überrascht. Jetzt weiß ich, dass alle Nikolaus-Bilder in Büchern und auf Gegenständen ein Produkt der Fantasie sind. Dieses Bild hier jedoch ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung. Ich mag dieses Bild, es wirkt sehr realistisch. Wenn man sein ganzes Leben lang ein anderes Bild vom Heiligen Nikolaus im Kopf hat, dann ist der Anblick des echten Gesichts fast wie ein Schock. Sogar die Darstellung der gebrochenen Nase ist fantastisch.“

Für die Wissenschafter geht eine erfolgreiche Mission zu Ende. In der San Nicola Basilica in Bari feiern die Gläubigen bis heute das Wunder des 'Manna'-Wassers. Jahr für Jahr entnehmen Priester durch eine Öffnung des Grabs die geheimnisvolle Flüssigkeit. Zum Abschluss seiner Untersuchungen möchte sich Franco Introna über den Zustand der Knochen informieren. Zu diesem Zweck wurde eine Kamera in die Grabkammer des Leichnams von Sankt Nikolaus hinab gelassen.

Franco Introna: "Die Knochen, die wir hier sehen können, sind in keinem bemerkenswert guten Zustand. Sie brauchen mehr Sorgfalt. Als Einwohner von Bari bin ich natürlich traurig, denn das hier sind die letzten Reste des Heiligen Nikolaus und diese sollte man für immer erhalten. Die Knochen gehören nicht nur Bari, sie gehören der ganzen Welt und allen Menschen, die den Heiligen Nikolaus verehren.“

Franco Intronas Engagement gilt nun dem Erhalt der Gebeine des Heiligen Nikolaus.