Die Kelten in Niederösterreich

In Schwarzenbach-Burg in Niederösterreich drängen sich die Häuser dicht an dicht. Wenn sich die Menschen hier nicht gerade mit den Römern prügeln, handeln sie schwungvoll mit Eisenerz und widmen sich vielfältigem Handwerk.

Die meisten Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs produzieren sie selbst. Sie bauen Getreide an und verarbeiten es zu Brei und Brot. Hülsenfrüchte werden gelagert, andere Lebensmittel über weite Strecken importiert.

Sie züchten Rinder, Schafe und Ziegen und verwerten deren Fleisch, Milch und Felle. Und das alles im zweiten Jahrhundert vor Christus. Rund dreitausend Kelten könnten in dieser Zeit in Schwarzenbach gelebt haben. Das Gebiet erstreckt sich über 15 Hektar.

Drei Prozent des Areals wurden in den letzten fünfzehn Jahren untersucht. Es scheint sich um eine der größten stadtähnlichen Keltensiedlungen in Österreich zu handeln. Mit jedem Fund erwacht sie zu neuem Leben.

Wolfgang Neubauer, Archäologe, Wien: „Hier haben wir jetzt einen wunderschönen Hausgrundriss, ganz neu entdeckt. Das ist jetzt quasi die Innenseite von diesem Haus mit einem Steinunterbau. Und hier draußen auf dieser Seite diese ganzen roten Flecken, das ist alles verbrannt, hier wurde also massiv mit Feuer gearbeitet, wahrscheinlich eben im Zuge der Schmuckherstellung, für das Schmelzen von Metallen, vielleicht auch für das Erzeugen von Glas. Also hier sind wir in diesem Handwerkerviertel, das wir in Schwarzenbach neu entdeckt haben, mitten drinnen.“

Mit modernster Technik wird eine versunkene Welt zu Tage befördert. Der 3D Laser-Scanner führt punktgenaue Messungen mit Fotos zusammen und schafft ein exaktes dreidimensionales Abbild des Geländes.

Mit Hilfe eines Metallsuchgeräts finden die Schatzsucher in den Erdschichten Überbleibsel aus verschiedenen Zeitepochen.

Schmuck und Gebrauchsgegenstände aus der Eisenzeit, Beile und Waffen aus der Bronzezeit. Und sogar aus der Steinzeit werden Fragmente ausgegraben.

Gefundene Werkzeuge wie Ziehmesser, Löffelbohrer, Stemmbeitel oder Tüllendechsel bauten die Experten nach und testeten sie auch gleich.

Matthias Kucera, Archäotechniker: „Diese Werkzeuge sind im Speziellen eigentlich schon ganz, ganz ausgefuchste Werkzeuge, weil dieser Winkel, den sie da einschließen, auf den man sich einarbeiten muss, optimal für gewisse Arbeiten geeignet ist. Und gerade das Eisen, das in der Gegend hier produziert wurde, war qualitativ sehr hochwertig im Vergleich zu anderen Eisenvorkommen und Lagerstätten.“

Achtundzwanzig Hausgrundrisse wurden bisher freigelegt, zehn davon wurden gemäß der Ausgrabungen rekonstruiert und mit den authentischen Werkzeugen originalgetreu nachgebaut.

Neubauer: „Hier haben wir jetzt eine von den Pfostengruben, in denen diese Holzpfosten gestanden sind, die das Dach getragen haben. Der müsste ungefähr in der Größe gewesen sein, wie der, den wir jetzt nehmen. Wir stellen ihn in die Position, wo er einmal war.“

Steine rundherum schützten vor der Feuchtigkeit der Erde und ließen das Holz langsamer verwittern. Je nach Status lebten die Kelten in schlichten Hütten aus mit Lehm verstärkten Flechtenwänden oder in massiven Holzhäusern. Dächer waren aus Schindeln, Schilf oder Rinde, Fugen wurden mit Lehm gedämmt. Wirtschaftliche Grundlage war das Eisenerz, das in der nahe gelegenen Oberpullendorfer Bucht abgebaut wurde.

Neubauer: „Diese Siedlung hier hat den Eisenerzabbau kontrolliert, hat auch den Handel organisiert. Das heißt wir haben hier eine soziale Struktur, eine Abstufung von einer führenden Schicht, über diese Handwerker, über Bauern, die auch die landwirtschaftliche Versorgung der Siedlung bewältigen müssen.“

Fragmente einer so genannten Tüpfel-Platte zeugen davon, dass die Siedler hier das Münzrecht innehatten. Abgewogenes Silber und Gold wurden in der Vertiefung geschmolzen und danach geprägt.

Nur auf Gräber sind die Archäologen in Schwarzenbach-Burg noch nicht gestoßen. Aber auch tierische Skelettteile erzählen Geschichten. Pferde etwa waren nicht nur Transportmittel und Arbeitshilfe:

Neubauer: „Sie waren Prestige-Objekte dieser führenden Schicht. Und eines dieser Pferde hat von den Wuchsformen her eine direkte Beziehung zu einer römischen Zucht. Das bedeutet, dass hier – obwohl es zu dieser Zeit verboten war – die Leute, die hier an der Führung waren, sich römische Pferde organisieren konnten.“

Die Mächtigen haben es sich also schon vor tausenden Jahren richten können. Welche Privilegien sie sonst noch genossen haben könnten, steht noch nicht fest. Irgendwo im Erdreich liegt vielleicht noch ein Herrschaftsviertel verborgen. Die Welt der Kelten ist noch lang nicht freigelegt.

Kontakt:
Dr.Wolfgang Neubauer
Archäologiezentrum, Universität Wien
Franz Klein-Gasse 1
A-1190 Wien
Tel. (+43 1) 4277 224 01
Fax (+43 1) 4277 9404