Atlantropa: Wie ein Mann das Mittelmeer austrocknen und einen neuen Kontinent schaffen wollte

Es wäre eine neue Kategorie Weltwunder gewesen - wäre Atlantropa jemals fertiggestellt worden. Von 1928 an war der Deutsche Architekt Hermann Sörgel wie besessen von seinem Lebenstraum - einen neuen Kontinent zu erschaffen:

Manfred Koob, Technische Universität Darmstadt: „Sörgel war einer derer, die die Welt umbauen wollten. Und zwar in einem großen Maßstab. Er wollte nicht die Städte umbauen,
sondern die Kontinente. Er behandelt Kontinente und Meere wie Sandhügel und Teiche.“

Mit riesigen Staudämmen wollte der Architekt das Mittelmeer abschotten: vom Atlantik im Westen und dem Marmarameer im Osten sollte kein Wasser mehr nachströmen. Eine kontrollierte Verdunstung des Mittelmeeres.

Um Meere voneinander zu trennen waren gigantische Bauwerke geplant. Zweieinhalb Kilometer breite Fundamente tragen 200 Meter hohe Staumauern - selbst in heutigen Maßstäben wäre das unübertroffen: Hermann Sörgel erwartete 500.000 Quadratkilometer neue Landfläche für eine, durch den ersten Weltkrieg traumatisierte Bevölkerung Europas:

Manfred Koob: „Viele junge Menschen wollten eine neue Welt bauen. Nicht nur im Sinne von Gebäuden oder Städten. Sondern auch im politischen Bereich. Außerdem glaubte Europa, Raum zu brauchen. Und Sörgel bietet durch die Trockenlegung des Mittelmeers plötzlich eine riesige Fläche: Eine Fläche, die fast so groß ist wie Frankreich und Belgien. Und er bietet in dieser wirtschaftlichen Situation Energie: Saubere Energie durch seine Turbinen rings um das Mittelmeer an allen Staudämmen und Zuflüssen.“

Das Gibraltar-Kraftwerk war von Siemens bereits durchgeplant und für machbar erklärt. 1.000 Turbinen - jede so hoch wie die Freiheitsstatue - liefern Strom für einen ganzen Kontinent: 1 Millionen Menschen sollten 10 Jahre lang an diesem Kraftwerk bauen - mit einem täglichen Werksverkehr von 250.000 Arbeitern.

Zum Vergleich, die heute größten Kraftwerke - das Itaipu in Südamerika und am drei Schluchten Staudamm in China würde gemeinsam nicht die 50.000 Megawatt Leistung bringen, mit denen Hermann Sörgel Europa für alle Zeiten von fossilen Energiequellen unabhängig machen wollte.

Manfred Koob: „Die Energiemenge hätte Deutschland 1927 vierfach bedienen können. Es sollte der Atlantropa-Turm gebaut werden: Ein Leuchtturm, der weit in den Atlantik reichen sollte. Er war größer geplant als jedes Hochhaus, das wir kennen. Die Schleusen waren so groß, dass selbst die Titanic ins Mittelmeer hätte einfahren können. Katarakte mit 100 m Gefälle wurden an der afrikanischen Küste geplant. Sie wurden als großes Freizeitgelände ausgewiesen. Im trockengelegten Land sollten Millionenstädte entstehen. Sie wurden ganz modern geplant. Sie hatten Flughäfen und Wirtschafts- und Personenhäfen. Und alles, was man sich denken kann.

Was würde aus jenen Gegenden, die bis dahin vom Mittelmeer profitierten - Venedig etwa? Sörgels Projekt würde die Stadt 500 Kilometer von der Küste isolieren. Aber auch dafür gab es Lösungen und finanzielle Unterstützungen.

30 Kilometer vor der Stadt - unsichtbar für die Bewohner - würde eine Staumauer die Lagune zu einem Binnensee machen: Da an den Südeuropäischen Küstenstädten die Begeisterung für Sörgels Projekt nicht ungeteilt war, wollte der Architekt mit Genua ein Exempel statuieren, dass sämtliche Kritiker besänftigen sollte: Unmittelbar vor der Altstadt sollte Neu-Genua entstehen - sechs mal so groß wie die alte Hafenstadt - die drei Kilometer zum Wasser problemlos überbrückend:

Hermann Sörgels Atlantropa als neuer Kontinent zwischen Norwegen und Südafrika wäre wieder stark genug um nicht zwischen den großen Wirtschaftsmächten Amerika und Asien zerrieben zu werden.

Über ökologische und klimatische Konsequenzen, die die Austrocknung eines ganzen Meeres haben könnte, machten sich die Projektbetreiber wenig Gedanken.

Manfred Koob: „Die Idee war vorhanden, aber man wollte es nicht morgen Früh bauen. Und dort, wo man ein Ziel hat, erreicht man das Ziel auch. Daher glaube ich, dass es technisch verwirklicht werden könnte. Einmal ungeachtet der politischen und ökologischen Probleme, die sich ergeben würden. Wenn man ein Ziel vor Augen hat, dann erreicht man es. Wenn jemand sagt, wir wollen auf dem Mond landen,
dann wird es möglich. Ein Projekt wie das Atlantropa-Projekt hätte damals auch realisiert werden können.“

Heute denkt ein Tiroler Architekt daran das Dammprojekt wiederzubeleben - als Schutz vor dem Klimawandel:

Michael Prachensky, Architekt: „Mein Bestreben ist es, die Höhe des Mittelmeers bestehen zu lassen. Der Damm trennt den Atlantik und das Mittelmeer in der Höhe. Die Mittelmeerländer werden sagen: Wir müssen eine Lösung finden, um uns zu schützen. Ich glaube, das können wir abwarten. Die Prognosen sprechen für dieses Projekt. „

Im Jahr 1952 stirbt Hermann Sörgel bei einem bis heute ungeklärten Verkehrsunfall - und mit ihm sein Traum eines neuen Kontinents.