Ein Delikatessengeschäft im ersten Wiener Gemeindebezirk. Der Wiener Zoologe und Autor, Peter Iwaniewicz, möchte für ein besonderes Abendessen einkaufen: Parmaschinken, Mailänder Salami oder Mortadella lässt er links liegen, bietet doch der Besitzer als einziges Gourmetgeschäft in Österreich auch Insekten zum Verkauf an. Nicht roh, sondern schmackhaft zubereitet.

Cornelius Türk, Geschäftsinhaber: „Ich sag jetzt einmal: der leichte Einstieg wäre hier unten mit Würmern oder Grillen, Grillen aus Thailand, sind sehr schmackhaft auch mit ein bisschen Curry gewürzt, schmecken so als Appetizer wunderbar. Sonst, so eher in der Königsklasse sind die Mopane Worms, aus Südafrika kommende Kaisermottenraupen.“

Raupen, Käfer, Ameisen oder Heuschrecken auf dem Teller wirken für uns Europäer gewöhnungsbedürftig. Nicht nur durch diverse Mutproben in Dschungelcamps hat das Essen von Insekten bei uns einen etwas unappetitlichen Beigeschmack bekommen. Dabei gelten sie in Asien, Afrika und Südamerika als Delikatesse und wichtige Eiweißquelle. Ist alles nur eine Frage der Gewöhnung?

Die Insekten stammen aus kontrollierten Zuchten in China, Thailand und Kolumbien. Billig sind sie nicht. Derzeit bezahlt man für kleines Packerl Heuschrecken 4 Euro und für eine Dose Kaisermottenraupen sogar 20 Euro. Insekten als künftiges Luxusmenü für Europäer?

Peter Iwaniewicz: „Wir haben auch hier lange Zeit nicht unbedingt Schalentiere gegessen in Österreich. Heutzutage sind Scampi, Muscheln Weinbergschnecken keine besondere Überraschung mehr, wenn wir sie essen. Und im 21. Jahrhundert kann man sich neue Nahrungsquellen überlegen.“

Und da ist der Zoologe durchaus erfinderisch. Er möchte ein Experiment starten und zum Hauptgang für seine Gäste etwas wirklich Gewagtes zubereiten: Regenwürmer. Genauer gesagt: einen Regenwurm- Burger. Peter macht sich auf den Weg nach Tulln, um bei einem Wurmzüchter einzukaufen.

Peter Iwaniewicz: „Es ist ja nicht so, dass wir genug Ressourcen auf unserem Planeten haben, wir werden bald 8 Milliarden Menschen sein, und diese Zahl steigt entsprechend rasch. Damit hier eine proteinreiche Nahrungsversorgung funktionieren soll, sehe ich in der Zucht von Regenwürmern durchaus eine Chance, das in den Griff zu kriegen.
Und gesund ist es ganz sicher, es ist ein sehr fettarmes Fleisch, hat einen sehr hohen Proteinanteil und auch das zählt ja zunehmend zu den Aufgaben, wie man die Eiweißversorgung der Welt regelt und sicherstellen kann.“

Doch ist die Zeit wirklich reif für Insekten und Würmer als Nahrungsquelle?
Jeden Tag essen wir sie: Rinder, Hühner und Schweine. Derzeit können wir uns Fleisch noch leisten. Unser Fleischkonsum steigt. Mehr als 50 Milliarden Tiere werden dafür weltweit geschlachtet. Doch davor müssen sie gefüttert werden. Laut UNO benötigt die Fleischindustrie, rund 70 % der weltweit verfügbaren Agrarflächen.

In Österreich ist die Einführung des Biotreibstoffes E 10 vorerst gestoppt. Die EU befürchtet, dass dadurch zu viele Anbauflächen für Lebensmittel verloren gehen. Allein für Viehweiden und Äcker werden täglich 30 000 Hektar Regenwald gerodet.

In der Tiermast wird das Vieh meist in wenigen Wochen auf Schlachtgewicht gebracht. Doch dafür braucht es Futter, viel Futter. Mittlerweile wird jedes dritte Korn auf dieser Welt an Masttiere verfüttert.

Auf Leistung getrimmt, unter schlechten Bedingungen gehalten, macht viele Schlachttiere krank. Die Folge ist ein massiver Einsatz von Antibiotika. Rückstände dieser Antibiotika gelangen über das Fleisch letztlich auch auf unseren Teller.

Hinzu kommt: Rinder sind schlechte Futterverwerter. Mindestens 5 Kilogramm Futter sind nötig, um ein Kilogramm Fleisch zu produzieren. Denn nur 10 % des Futters werden in Fleischmasse umgewandelt. Den Großteil der verbleibenden Energie benötigen die Tiere, um ihren Stoffwechsel aufrecht zu erhalten.

Die Tiermast verbraucht weltweit auch immer mehr Trinkwasser. So verschlingt die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch rund 15 000 Liter Wasser. Das sind etwa 80 volle Badewannen.

Zum natürlichen Stoffwechsel des Mastviehs gehört, dass sie Harn und Kot ausscheiden. Zusammen sind das pro Tie und Tag zwischen 50 und 60 Liter Gülle. In der Gülle enthalten ist ein hoher Anteil Nitrat. Dieses Nitrat ist ein wichtiger Nährstoff für Ackerböden, weshalb Gülle als Dünger eingesetzt wird. Zu viele Nitrate sind allerdings schädlich. Die Folge der Turbomast: Vielerorts sind die Böden überdüngt und übersäuert.

Wächst unser Fleischkonsum weiter wie bisher, wird sich die weltweite Produktion von Fleisch und Wurst bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Das wiederum belastet unsere Umwelt. Die Fleischindustrie benötigt immer mehr Land, Wasser und Getreide. Und zusätzliche Gülle und Treibhausgase verschmutzen unsere Welt.

Peter ist am Bauernhof angekommen. Der Besitzer züchtet Kompostwürmer, und das in unglaublichen Mengen, ein wahres Regenwurmparadies. In dieser Halle leben auf 200 Quadratmetern 5 Millionen Regenwürmer. Sie produzieren wertvollen Kompostdünger.

Die Jungwürmer hält Herr Grand in kleineren Kisten. Sie vertragen es, eng nebeneinander zu leben. Massentierhaltung ohne Probleme?

Hr. Grand: „Die Kompostwürmer sind massentauglich, in so einer Kiste leben bis zu 3.000 Würmer, die Kisten werden dann geteilt, damit sich die Würmer wieder regenerieren, wieder weiter vermehren.“

In Österreich leben mehr als 60 Regenwurmarten, weltweit gibt es an die 3000. Ein Regenwurm ist eigentlich ein Muskelstrang, der hauptsächlich aus Eiweiß besteht. Er ist relativ einfach art- und tierschutzgerecht zu halten, ernährt sich von Pflanzenresten und wandelt diese Abfälle in wertvollen Humus um. Regenwürmer sind gut für die Umwelt und man könnte sie überall auf der Welt züchten.

Peter Iwaniewicz: „Da sind schon, wie man sieht, recht viele Würmer drinnen. Ich bräuchte ein bisschen mehr, mindestens 1000 Stück, bislang fressen ja immer die Würmer etwas und jetzt wollen wir die Würmer ausprobieren. Und daraus einen Hamburger bereiten. Die schauen ja wirklich lecker aus, kann man nichts sagen.“

Auch wenn Herr Grand etwas skeptisch ist, so verkauft er Peter doch ein paar schöne Exemplare. Sie kommen in eine kleine Box, gut gefüllt mit Erde, darin einige hundert Würmer.

In Holland kämpft dieser Mann an vorderster Front für die Insektenküche. Arnold van Huis ist von der UNO beauftragt zu untersuchen, in wieweit Insekten und Würmer unser Fleisch von Morgen sein könnten. Denn wächst der Fleischkonsum weiter, wird es eng.

Arnold van Huis: „Weil wir einen anderen Planeten brauchen, um genug Fleisch für uns zu produzieren. Es ist einfach unmöglich. Einige Experten aus der Tierzucht schätzen, dass wir 2030 das Fleisch schon nicht mehr bezahlen können. Nur die Privilegierten und sehr reichen Leute werden Fleisch noch bezahlen können. Aber für die anderen wird es unmöglich sein. Einfach weil wir nicht mehr genug Land haben, um all die Fleischmengen zu produzieren.“

Van Huis hat nun ein Insektenkochbuch herausgegeben. Mit Mehlwurm-Spaghetti, Salat, Pizza oder Insektenspieß will er die Europäer von dieser Nahrungsquelle überzeugen. Den ersten Ekel kennt er nur zu gut.

Arnold van Huis: „Es ist psychologisch, ich weiß auch nicht. Es ist einfach eine Ernährungsgewohnheit. Aber es ist schlichtweg irrational. Wenn sie sich die Nährwerte anschauen, dann sind Insekten ausgezeichnetes Essen, vergleichbar mit Fisch, Schwein oder Rind.“

Der Großstadtjäger auf Nahrungssuche. Peter möchte für sein Abendessen selbst ein paar Würmer fangen. In einem Park, nahe seiner Wohnung geht er auf die Pirsch:

Peter Iwaniewicz: „Grundsätzlich ist es eine optimale Stelle. Darwin hat schon seinerzeit erkannt, in einem Stück Ackerboden können gewichtsmäßig so viele Regenwürmer leben, wie auf dem Grasland Rinder weiden können. Also von der Produktivität her würden Regenwürmer und Rinder mit der gleichen Fläche auskommen. Auf einem ha findet man 7- 20 Millionen Regenwürmer, das ist schon eine beachtliche Stückzahl. Da kann man schon Familien ernähren damit.“

Peter ist bestens ausgerüstet. Wir haben ihm eine Spezialkamera umgeschnallt, damit er sich auf der Regenwurmjagd frei bewegen kann. Für seine Fangmethode braucht er nur Hammer und Pflock.

Peter Iwaniewicz: „Wir machen das mit einer Methode, die im amerikanischen "Worm Charming", Wurm umschmeicheln, oder auf Deutsch Wurm Grunzen heißt. Wir rammen einen Pflock in die Erde und klopfen darauf. Die Regenwürmer glauben - das ist nicht ganz geklärt - dass ein Maulwurf sich nähert, die Vibrationen sollen dem Graben eines Maulwurfes ähneln, verlassen fluchtartig den Erdboden. Schauen wir mal, was rauskommt. –
Na, ich glaub da finden wir nichts, der Boden ist zu trocken. Die Würmer sind zu tief.“

Die Würmerjagd war an diesem heißen Tag nicht von Erfolg gekrönt, doch egal, Peter hat ja vorgesorgt.

Für einen Regenwurmburger braucht man ungefähr 150 Würmer. Könnte man industriell produziertes Regenwurmfleisch im Supermarkt kaufen, würde es natürlich schneller gehen. Bei Ameisen täte man sich mit der industriellen Fertigung schon schwerer. Eine halbe Stunde dauert die Auswahl der Würmer.

Regenwürmer sollte man niemals roh essen. Denn wie andere rohe Fleischarten auch könnten sie Parasiten enthalten, die erst durch Erhitzen abgetötet werden. Doch wie tötet man einen Regenwurm artgerecht?

Peter Iwaniewicz: „Bei diesen Tieren, die ein sehr kleines Volumen, große Körperoberfläche haben, kann man sagen, wenn man sie einfach ins kochende Wasser hineinhängt in einem Sieb, sind sie in einem Bruchteil einer Sekunde tot.“

Peter Iwaniewicz: „Das ist der Vorteil von Zivilisationsmenschen, dass sie eigentlich mit dem Tötungsprozess der Tiere nicht mehr konfrontiert sind, das macht es leichter und erklärt unseren Fleischkonsum auch, würde man wie in früheren Zeiten in den Stall gehen und erst das Tier töten, dann würden wir vielleicht auch weniger Fleisch essen.“

Genauso wie Peter einen Rindsfaschiertes verarbeiten würde, mischt er unter das Regenwurmfleisch Ei und Brösel, würzt es und formt das Ganze zu kleinen Laibchen. Zum Vergleich wird er auch normales Faschiertes anbieten. Jetzt bleibt immer noch die Frage: Wer soll das essen?

Peter hat eine Ernährungsexpertin und einen Gourmetkritiker eingeladen. Sie sollen seine Insektenküche verkosten und bewerten. Als Vorspeise: gebackene Mehlwürmer, gesalzene Ameisen und Heuschrecken.

Offensichtlich schmeckts. Doch wie wird die Hauptspeise ankommen?

Peter will seine Burger heiß servieren. Neben dem Faschierten brutzelt das Regenwurmfleisch. Das Auge isst mit, und so garniert Peter seine Burger liebevoll.

Florian Holzer: „Es schmeckt nach Erde, brauner, frischer, durch Sommerregen befeuchteter Erde, nicht uninteressant, erinnert mich an Schnecke ein bisschen.“

Rosemarie Zehetgruber: „Also mir gefällt das, dass da fast nur Protein und fast kein Fett drinnen ist, eine tolle Vorstellung, geschmacklich mh, und durch die Zubereitung ist es ja sehr ähnlich einem Burger. Aber ich denke es muss faschiert sein, ich glaube nicht, dass Regenwürmer gut ankommen bei uns - auch bei mir nicht.“

Wenn man den Ekel überwindet, könnte die Insektenküche eine Alternative zur Reduktion des Fleischkonsums sein. Die Beseitigung des Hungers in der Welt wird die wichtigste politische Herausforderung der Zukunft. Denn sonst führt die Menschheit bald Kriege um Nahrungsmittel und Rohstoffe.

Peters Regenwurmburger ist als Experiment gelungen. Doch müssten Insekten und Würmer industriell gezüchtet werden, um Menschen wirklich ernähren zu können. In der dritten Welt wurden daher verschieden Zuchtprogramme gestartet.

Wir haben es derzeit noch nicht nötig, uns mit der Insektenküche anzufreunden, aber vielleicht sind sie eine wertvolle Alternative in der Zukunft.