Das ist Marcos aus Barcelona. Aber es könnte genauso gut jemand anderer sein, irgendwo. Was ihm gleich widerfahren wird, passiert täglich in Büros und Wohnungen - weltweit.

Ein Teil im Drucker ist kaputt, der Hersteller verweist ihn an den Kundendienst.

1. Verkäufer: "Mein Techniker kann eine Vordiagnose machen, kostet 15 Euro plus Mehrwertsteuer."
2. Verkäufer: "Es wird schwierig werden die Ersatzteile zu finden."
3. Verkäufer: "Eine Reparatur lohnt sich wirklich nicht."
1. Verkäufer: "Die würde ca. 120 Euro kosten.“
2. Verkäufer: "Neue Drucker gibt es schon ab 39 Euro."
3. Verkäufer: "Sie bekämen dafür einen viel besseren Drucker.“
1. Verkäufer: "Mein Tipp: Schaffen Sie sich einen neuen an."
3. Verkäufer: "Also ich würde mir einen neuen kaufen."

Es ist kein Zufall, dass alle drei Verkäufer zum Kauf eines neuen Druckers raten. Doch wenn Marcos das machen würde, wäre er ein weiteres Opfer von "Geplanter Obsoleszenz". Sie ist der geheime Motor unserer Konsumgesellschaft.

Lynn Owns: "Willkommen in Livermore, Kalifornien. Die Heimat der ältesten Glühlampe der Welt. Ich bin Lynn Owens, Vorsitzender des Glühbirnen-Komitees. 1972 entdeckten wir, dass in unserer Feuerwache eine besondere Glühlampe hing."

Diese Glühlampe brennt seit 1901 - fast ohne Unterbrechung. Ironischerweise hat sie schon zwei Webcams überlebt.

Steve Bunn, Sammler: "Diese Birne ist in Shelby, Ohio entstanden, so um 1895. Montiert wurde sie von diesen interessanten Damen auf diesem Foto, und hier diese Herren sind die Investoren. Adolphe Chaillet hat den Glühfaden erfunden, der eine sehr lange Lebensdauer hatte. Warum? Ich weiß es nicht. Es war ein Geheimnis, das er mit in sein Grab nahm."

Chaillets Formel für einen langlebigen Glühfaden ist nicht das einzige Mysterium in der Geschichte der Glühbirne. Ein viel größeres Geheimnis ist, wie sie zum ersten Opfer der geplanten Obsoleszenz wurde.

Markus Krajewski, Kulturwissenschafter, Weimar: "Weihnachten 1924 war ein besonderer Tag. In einem Hinterzimmer in Genf trafen sich einige Herren in Nadelstreif um einen Plan zu schmieden. Sie gründeten das erste weltweite Kartell, das sich zum Ziel setzte, die Glühbirnenproduktion der gesamten Länder zu kontrollieren und den Kuchen namens Weltmarkt unter sich aufzuteilen. Dieses Kartell hat den Namen Phoebus."

Zu Phoebus gehörten die größten Glühbirnenhersteller in Europa, USA und sogar in weit entfernten Kolonien in Asien und Afrika.

Markus Krajewski: "Das Ziel ist gewesen, Patente auszutauschen, die Produktion zu kontrollieren und vor allem aber den Verbraucher zu kontrollieren. Denn es ist umso besser für diese Firmen, wenn der Verbraucher regelmäßig Glühlampen kauft, und wenn die Glühlampen lange brennen, ist das ein ökonomischer Nachteil."

Ursprünglich sollten die Glühlampen möglichst lange halten.

Thomas Edison: "Am 21. Oktober 1871 führten einige Experimente zur Herstellung einer Glühbirne von enormer Widerstandskraft mit einem sehr stabilen Glühfaden."

Thomas Edison's erste Glühbirnen, die 1881 auf den Markt kamen, hielten 1500 Stunden.

1924, als das Phoebus-Kartell gegründet wurde, warben die Hersteller mit einer Lebensdauer von bis zu 2500 Stunden.

Markus Krajewski: "Also hat man sich bei Phoebus gedacht, dann beschränken wir einfach die Lebensdauer dieser einzelnen Glühlampen auf 1000 Stunden. 1925 wird ein entsprechendes Komitee gegründet, das '1000 hour life-comite', das sich zum Ziel setzt, auf technischer Basis die Lebensdauer der Glühlampen auf diese Brenndauer zu beschränken."

Mehr als 80 Jahre später findet Helmut Höge, ein Berliner Historiker, Beweise für die Aktivitäten des Komitees, versteckt zwischen internen Dokumenten der Gründungsmitglieder des Kartells. Darunter Philips in Holland, Osram in Deutschland und die Compagnie des Lampes in Frankreich.

Helmut Höge, Glühbirnenhistoriker: "Hier haben wir ein Kartelldokument, da steht 'The average life of lamps for general lighting service must not be guaranteed, published or offered for another value than 1000 hours.'"

Unter dem Druck des Kartells experimentierten Mitgliederfirmen, um schwächere Birnen zu erzeugen, die der neuen 1000-Stunden Regel entsprechen sollten.

Die Glühbirnenproduktion wurde rigoros überwacht, die Norm des Kartells war einzuhalten.

Markus Krajewski: "Eine Maßnahme bestand beispielsweise darin, einen Prüfstand zu errichten, in dem viele kleine Sockel zu finden sind, in die dann wiederum einzelne Exemplare aus verschiedenen Produktionsreihen eingeschraubt wurden und Firmen wie Osram haben dann genauestens protokolliert, wie lange diese Lampen brannten."

Phoebus setzte seine Regeln sehr streng durch. Die Mitglieder mussten hohe Strafen zahlen, wenn ihre monatlichen Lebensdauer-Berichte nicht der Norm entsprachen.

Helmut Höge: "Hier haben wir eine Straftabelle aus dem Jahr 1929, die genau zeigt, wie viel Schweizer Franken Strafe für 1000 verkaufte Glühbirnen die Mitglieder des Kartells zahlen müssen, wenn die Lampen länger halten als zum Beispiel 1500 Stunden."

Durch die geplante Obsoleszenz sank die Lebensdauer der Glühbirnen. Innerhalb von zwei Jahren von 2500 Stunden auf weniger als 1500 Stunden.

1940 hatte das Kartell sein Ziel erreicht: Die Standard-Brenndauer war nun 1000 Stunden.

Warner Philips, Urenkel der Philips-Gründer: "Ich kann verstehen, dass das 1932 sehr verlockend war. Nachhaltigkeit war ja damals kein Thema, weil die Leute die Erde nicht als einen Planeten mit begrenzten Ressourcen sahen - für sie gab es von allem genug."

Nicols Fox, Autorin: "Ironischerweise war ja gerade die Glühbirne ein Symbol für Innovation und nun ist es eines der frühesten und besten Beispiele für geplante Obsoleszenz.“

In den darauf folgenden Jahrzehnten meldeten Erfinder Dutzende neuen Glühbirnenpatente, darunter auch eine mit einer Brenndauer von 100.000 Stunden. Keine davon kam jemals auf den Markt.

Markus Krajewski: "Offiziell hat es ja Phoebus eigentlich nie gegeben, wenn auch diese Spuren der Öffentlichkeit nie ganz verborgen geblieben sind. Die Strategie dahinter ist, sich in bestimmten Zeitabständen immer wieder umzubenennen. Dann heißt es mal ‚Internationales Elektrizitätskartell‘, dann wieder irgendein anderer Name. Entscheidend ist, dass diese Idee als Institution natürlich weiter besteht."

Zurück in Barcelona hat Marcos den Rat der Verkäufer nicht befolgt. Er will den Drucker reparieren und hat im Internet eine spannende Quelle entdeckt:

Video Mike Gurman: "Das ist das kleine schmutzige Geheimnis von Tintenstrahldruckern. Ich versuche zu drucken und er sagt mir 'Teile in deinem Drucker müssen ersetzt werden.' Da habe ich beschlossen ihn selber zu reparieren."

Mike Gurman
"Hallo Marcos, ich habe Deine Nachricht bekommen."

Marcos hat den Autor des Videos kontaktiert.

Mike Gurman: "Ich habe den Drucker zerlegt und herausgefunden, dass es unten einen Tintenschwamm gibt. Die Drucker müssen die Druckköpfe ständig reinigen. Dabei spritzen sie Tinte durch, die dann in diesem Schwamm landet. Es ist so vorprogrammiert, nach wie vielen Reinigungen der Drucker meldet, der Schwamm sei voll. Angeblich zum Schutz vor Tintenflecken, aber das Problem liegt tiefer: Die Technik soll irgendwann versagen."

Mit der geplanten Obsoleszenz entstanden Massenproduktion und Konsumgesellschaft.

Nicols Fox, Autorin: "Produkte mit einer kürzeren Lebensdauer sind Teil eines ganzen Systems, das mit der industriellen Revolution begann. Neue Maschinen produzierten die Waren sehr viel billiger. Das war zwar gut für die Verbraucher, aber sie konnten mit den Maschinen gar nicht mithalten, so viel wurde produziert."

Schon 1928 warnte ein einflussreiches Werbemagazin: Ein Artikel, der nicht kaputt geht, ist eine Tragödie fürs Geschäft.

Tatsächlich machte die Massenproduktion viele Waren für jeden erschwinglich. Die Preise fielen und die Leute kauften aus Spaß, und nicht weil sie die Dinge brauchten. Die Wirtschaft boomte.

1929 nach dem Börsenkrach an der Wall Street, war erst mal Schluss mit der Konsumgesellschaft: Die USA stürzten in eine tiefe Rezession.

Archivfilm: "Die Arbeitslosenzahlen schnellten in die Höhe. 1933 war jeder Vierte ohne Job."

Die Leute stellten sich nicht mehr für Waren, sondern für Arbeit und Essen an.

Irgendwann kam dann - aus New York - ein radikaler Vorschlag die Wirtschaft wieder anzukurbeln:

Bernard London, ein bekannter Immobilienmakler, forderte die "geplante Obsoleszenz" per Gesetz zu verordnen. Es waren die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über dieses Konzept. Alle Produkte sollten eine begrenzte Lebensdauer haben, ein Ablaufdatum, nach dem sie amtlich als tot gelten. Die Verbraucher sollten sie dann bei den Behörden abgeben, dort würden sie vernichtet.

Giles Slade, Autor: "Er wollte ein Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit schaffen. Dabei würde man immer Arbeitskräfte brauchen und Investitionen wären immer rentabel."

Bernard London glaubte, mithilfe der geplanten Obsoleszenz würde die Industrie wieder in Schwung kommen, die Leute würden wieder kaufen und jeder hätte wieder Arbeit. Seine Idee wurde dann aber doch nicht umgesetzt - es gab nie eine gesetzlich verordnete geplante Obsoleszenz.

20 Jahre später, in den 1950er Jahren tauchte die Idee erneut auf, allerdings in abgewandelter Form: Anstatt den Verbrauchern die geplante Obsoleszenz aufzuzwingen, versuchte man sie dazu zu verführen.

Brooks Stevens: "Geplante Obsoleszenz: Der Wunsch der Verbraucher etwas Neueres, Besseres zu besitzen und das früher als notwendig."

Das war Brook Stevens, der Apostel der geplante Obsoleszenz in der amerikanischen Nachkriegszeit. Der brillante Industriedesigner entwarf alles, von Haushaltsgeräten, Autos bis zu Zügen - stets aber die geplante Obsoleszenz im Hinterkopf.

Ganz im Geiste seiner Zeit standen seine Entwürfe für Geschwindigkeit und Modernität. Sogar sein eigenes Haus war ungewöhnlich.

Kipp Stevens, Sohn von Brook Stevens: "Das ist das Haus, das mein Vater entwarf, da bin ich aufgewachsen. Als es gebaut wurde, hielten es alle für den neuen Busbahnhof, weil es nicht wie ein Einfamilienhaus aussah. Ein Leitgedanke meines Vater war: Ein Produkt müsste nach etwas aussehen, er verabscheute alles Langweilige, das den Konsumenten nicht zum Kauf anregte."

Brook Stevens: "Der europäische Ansatz war früher, beste Produkte zu schaffen, die ewig halten. Dass Du einen so guten Anzug kaufst, dass Du von der Hochzeit bis zum Begräbnis nie mehr einen neuen brauchst. In den USA hingegen wollen wir, dass der Konsument unglücklich wird, wenn er etwas längere Zeit benutzt, es gebraucht weiterverkauft und dann das neueste, modernste Produkt kauft."

Brook Stevens reiste quer durch Amerika um die geplante Obsoleszenz in zahlreichen Reden anzupreisen. Sie wurde zum Evangelium einer Epoche.

Archiv: "Frauen und auch Männer interessieren sich immer mehr für den Look. Sie achten darauf, dass etwas neu, schön und modern ist."

Design und Marketing verführten den Verbraucher immer mehr dazu, den letzten Schrei auf dem Markt zu erwerben.

Kipp Stevens: "Mein Vater hat nie absichtlich ein Produkt entworfen, dass schnell kaputt gehen sollte. Geplante Obsoleszenz liegt im Ermessen des Verbrauchers - niemand zwingt ihn dazu, in ein Geschäft zu gehen und was Neues zu kaufen. Er macht das freiwillig, es ist seine Entscheidung."

Freiheit und Glück durch grenzenlosen Konsum - der American Way of Life der 1950er wurde der Grundstein der Konsumgesellschaft, wie wir sie heute kennen.

Boris Knuf, Industrie-Designer: "Ohne geplante Obsoleszenz gäbe es das alles nicht: Da gäbe es keine Produkte, keine Industrie, da gäbe es keine Designer, keine Architekten, keine Verkäufer, kein Reinigungspersonal, keine Security-Leute - all diese Jobs gäbe es nicht."

Heute ist geplante Obsoleszenz an allen Design- und Technischen Hochschulen Teil des Lehrplans. Boris Knuf hält Vorlesungen über den "Produkt-Lebenszyklus" einen neuen Euphemismus für geplante Obsoleszenz.

Boris Knuf: "Ich war einkaufen und habe euch ein paar Sachen mitgebracht: Eine Pfanne, ein Hemd und noch ein Hemd."

Den Studenten wird beigebracht, wie sie Produkte für eine Geschäftswelt entwerfen müssen, die nur ein Ziel hat: den häufigen Neukauf.

Boris Knuf: "Ich werde die Sachen herumreichen und ihr sagt mir, wie lange sie eurer Meinung nach halten sollen."

Boris Knuf: "Designer müssen wissen, für wen sie arbeiten. Die Firma entscheidet je nach Geschäftsmodell, wie oft sie ihre Produkte und ihr Angebot erneuern will. Den Designern wird das vermittelt - und sie müssen es dann genau so entwerfen, dass es der Strategie des Auftraggebers entspricht."

Seit den 50er Jahren ist die geplante Obsoleszenz eine der Grundlagen des prächtigen Wirtschaftswachstums in der westlichen Welt. Seit damals gilt Wachstum als der Heilige Gral unserer Wirtschaft.

Serge Latouche, Wirtschaftsexperte: "Wir leben in einer Wachstumsgesellschaft, die nicht darauf ausgelegt ist, Bedürfnisse zu befriedigen, sondern um ihrer selbst willen. Damit immer mehr produziert wird, wird auch der Konsum ins Unermessliche gesteigert. "

Serge Latouche ist ein bekannter Kritiker der Wachstumsgesellschaft und hat schon viel über ihre Mechanismen geschrieben.

Serge Latouche: "Die drei Eckpunkte sind: Werbung, geplante Obsoleszenz und Kredit."

John Thackara, Designer und Philosoph: "Seit etwa einer Generation sollen wir offenbar Dinge auf Kredit kaufen, die wir gar nicht brauchen. Das ergibt für mich keinen Sinn. "

Kritiker der Wachstumsgesellschaft meinen, dass all das langfristig gesehen, nicht funktionieren kann - weil es auf einem Widerspruch beruht.

Serge Latouche: "Jeder, der an grenzenloses Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen glaubt, ist entweder verrückt oder ein Ökonom. Mittlerweile sind wir leider alle Ökonomen. "

John Thackara, Designer und Philosoph: "Warum entsteht alle drei Minuten irgendwo in der Welt ein neues Produkt - ist das notwendig? Die meisten Leute haben schon begriffen, dass sich was ändern muss, wenn sie von Politiker hören, dass sie konsumieren müssen, um die Wirtschaft anzukurbeln."

Serge Latouche, Ökonom, Univ. Paris: "In unserer Wachstumsgesellschaft fahren wir sozusagen mit einem fahrerlosen Rennauto und das mit vollem Tempo. Das Ende ist absehbar. Entweder wir fahren gegen eine Wand oder stürzen in einen Abgrund".