VAMPIRE - MYTHOS UND WAHRHEIT

Sie verbeißen sich mit ihren Fangzähnen in unserem Unterbewusstsein. Erscheinen einmal cool, sexy, attraktiv - dann wieder klassisch unwiderstehlich. Sie sind ständig auf der Suche nach frischem Blut, haben übernatürliche Kräfte und scheuen das Sonnenlicht.

Jeder kennt die Eigenheiten dieser Untoten und vor allem diesen Herrn:
Zitat aus Bram Stokers Dracula: „Willkommen auf meinem Schloss.“

Sind Vampire nur Phantasiegestalten? Hat Bram Stoker, der irische Horrorschriftsteller, die Geschichte des Vampirgrafen Dracula rein erfunden?

Rainer Maria Köppl, Medienwissenschafter Univ. Wien: „Wir kennen Dracula heute aus Hollywoodfilmen. Aber der historische Dracula von Bram Stoker ist eine Vermischung aus Wirklichkeit und Angst von Fakt und Fiktion. Bram Stoker hat historische Vorkommnisse, aber auch historische Quellen in seinem Roman geschickt eingebaut.“

Rainer Maria Köppl ist Medienwissenschafter an der Universität Wien und Hobby-Vampiriologe. Seit Jahren beschäftigt er sich in seinen Forschungen mit dem Ursprung von Vampirlegenden.
Er hat in amerikanischen Archiven die handschriftlichen Notizen Bram Stokers studiert und dabei eine interessante Entdeckung gemacht. Dracula sollte ursprünglich in der Steiermark spielen.

Rainer Maria Köppl: „Man sieht tatsächlich, auf den ersten Notizen ist mehrmals die Steiermark beschrieben. Bram Stoker hatte eigentlich vor, die Hauptfigur, den Dracula, zu einem Steirer zu machen. Das heißt, im ursprünglichen Konzept fährt der Jonathan Harker nicht nach Transsylvanien, sondern in die Steiermark und dort sind dann die Vampire. Und dort, auf einer windigen Hochebene entdeckt Jonathan Harker, der englische Rechtsanwalt und Held des Dracula-Romans, ein rätselhaftes Grabmal. Als er sich nähert, zuckt ein Blitz nieder und eine Vampirin erscheint aus dem Grabmal. Harker fällt in Ohnmacht. Als er erwacht, sitzt ein Wolf auf seiner Brust, um sein Blut für die Vampirin warm zu halten.“

Könnte es für diese österreichische Vampirin tatsächlich ein historisches Vorbild geben? Der Wissenschafter auf Spurensuche. Rainer Köppl hat Hinweise aus der Literatur auf ein Schloss unweit von Graz. Könnte Schloss Hainfeld in der Steiermark dieses Schloss sein, auf dem einmal Vampire ihr Unwesen getrieben haben?

Hier lebte bis 1835 eine schottische Gräfin, Johanna Anna von Purgstall. Sie hat nach Schloss Hainfeld geheiratet. Doch war ihrer Ehe kein langes Glück beschieden. Ihr Mann verstarb nach wenigen Jahren und auch ihr einziger Sohn sollte nicht einmal 19 Jahre alt werden.

Die Gräfin war einsam und krank. Auch die Aderlässe der Ärzte konnten ihren schlechten Gesundheitszustand nicht verbessern. Sie fühlte, dass sie nicht mehr lange leben würde und wünschte sich Besuch aus ihrer alten Heimat. Ihr Jugendfreund und Vertrauter, ein schottischer Kapitän war auf Italienreise und machte auf Schloss Hainfeld Station.

Rainer Maria Köppl: „Dieser Kapitän ist tatsächlich gekommen. Er ist im Jahre 1834 hier am Schloss angekommen. Und sechs Monate lang geblieben. Das Interessante daran ist: Dieser Mann hat einen Reisebericht über die Steiermark geschrieben. Und er schreibt folgendes:
Zitat Basil Hall: Noch weniger hätten wir es geträumt, sechs Monate auf ihrem Schlosse in der Steiermark zuzubringen, einem so entlegenem Lande, von dem wir nichts wussten. Die Bauernbevölkerung hier ist dumpf und nur schwer zugänglich, überall herrscht ein zügelloser Aberglaube, der den verschiedenen Ängsten und Schrecken Gestalt verleiht.“

In dieser Zeit waren viele Regionen der Habsburgermonarchie von der Angst vor Vampiren befallen. Man gab den Untoten die Schuld an allen möglichen Krankheiten und unerklärlichen Todesfällen. Es wurde von Milzbrand- und Pockenepidemien berichtet. Die Menschen konnten sich die Krankheitsübertragung nicht anders erklären, als dass hier dunkle Mächte im Spiel wären. Wiedergänger, Untote, Nachzehrer.

Für das einfache Volk gab es keinen Zweifel daran, dass Leichen in der Nacht ihre Gräber verließen, um die Dorfbewohner anzufallen, um ihr Blut und ihre Lebenskraft auszusaugen. Man öffnete Gräber, holte die verdächtigen Leichen heraus und verbrannte sie schließlich. Rituale, mit denen man verhindern wollte, dass der Untote sich seinen Kopf wieder aufsetzen und so das Grab verlassen kann.
Im Volksglauben sollte das Pferd ein Rappe sein, der von einem Jüngling geritten wird. Dreimal musste der Rappe scheuen. Das war das Zeichen, dass in diesem Grab ein Untoter bestattet lag.

Über diese unheimlichen Ereignisse berichtet der schottische Kapitän in seinem Reisebericht. Wenige Monate nach seiner Rückkehr veröffentlicht er seine Schilderungen unter dem Titel: „Schloss Hainfeld, oder ein Winter in der Steiermark“ und macht so die Steiermark als unheimliches Land voller Aberglauben im englischsprachigen Raum bekannt.

Sheridan LeFanu, ein irischer Schriftsteller fand in diesem Reisebericht die Ingredienzien für einen Vampirroman: Carmilla. Seine Geschichte über eine gräfliche Untote aus der Steiermark gilt als eine der bedeutendsten literarischen Vampirgeschichten.

Rainer Maria Köppl: „Die Vampirgeschichte Carmilla wird erzählt von einer jungen englischen Adeligen, die auf einem Schloss lebt und auf diesem Schloss wird sie von einer gleichaltrigen Vampirin angefallen. Und wir finden in Carmilla einen interessanten Hinweis, wo dieses Schloss ungefähr liegt. Nämlich 30 bis 40 Kilometer von Graz entfernt. Das heißt wir suchen ein Schloss, das soweit von Graz entfernt ist und auf dem eine englische Gräfin gewohnt hat. Beides trifft auf Schloss Hainfeld zu.
Und wenn man jetzt noch genauer den Namen der Vampirin in der literarischen Geschichte ansieht, die heißt dort Carmilla von Karnstein und im Vergleich mit der englischen Gräfin, die auf Schloss Hainfeld gewohnt hat, die heißt Cranstoun, und wenn man Cranstoun ein bisschen germanisiert, dann wird daraus Karnstein.“

Bram Stoker kannte die Carmilla-Geschichte und die Berichte über die Vampirhysterie im Habsburgerreich. Daher sollte auch seine Vampirfigur ursprünglich in der Steiermark hausen. Doch suchte Stoker nach einem männlichen Vampir als Hauptperson und stieß auf die Geschichte des rumänischen Fürsten Vlad Tepes, Sohn des Dracul und bekannt als der grausame Pfähler. So wurde aus dem steirischen Vampirgrafen Dracula und der Schauplatz Steiermark durch Transsylvanien ersetzt.

Hollywood hat dem berühmten Untoten in unzähligen Verfilmungen ewiges Leben eingehaucht. Und damit sind auch alte Mittel der Volksmagie nicht in Vergessenheit geraten. Wie etwa die Vorstellung, dass Knoblauch, nicht nur vor Krankheiten, sondern auch vor bösen Vampiren schützt.

Eva Kreissl, Volkskundlerin, Graz: „Eines der Mittel der Volksmagie ist das Böse mit etwas Bösem zu vertreiben. Dem Bösen setzt man etwas entgegen, was besonders schrecklich ist, sei das ein schrecklicher Gestank, etwas das die Krallen zeigt, was scharf ist, und damit vertreibt man das Böse.“

Oder man hält dem Bösen einen Spiegel vor das Gesicht.

Eva Kreissl: „Vampire haben kein Spiegelbild, weil sie keine Seele mehr haben. Spiegel werden verhängt, damit es kein Unglück gibt für den Verstorbenen auf den Weg ins Jenseits.“

Ist der Vampir eindeutig identifiziert, so ist es meist schon zu spät. Die Auserwählten erliegen seiner magischen Anziehungskraft. Dann hat er leichtes Spiel. Auf der Suche nach frischem Blut bohrt er seine spitzen Eckzähne bevorzugt in den Hals seiner Opfer, um ihnen nach und nach die Lebenskraft auszusaugen. Doch ist diese Form des Blutsaugens anatomisch eigentlich möglich?

Christian Reiter, Gerichtsmediziner: „Es ist grundsätzlich möglich, bei einem Biss in den Hals eines Menschen, die oberflächlichen Hautvenen zu eröffnen. Mit einem Gebiss eines Menschen geht das nicht gut, wenn, dann höchstens mit den Schneidezähnen. Hat man aber das Gebiss eines Vampirs, das ist vergleichbar mit dem eines Fuchses oder Wolfes, dann könnte man hier Risswunden erzeugen, aus denen Blut gesaugt werden kann. Die Bisswunden, die wir aus dem Kino kennen, das sind runde Male und erinnern eher an Schlangenbisse und passen zum Bild eines Säugetieres eigentlich nicht.“

Christian Reiter vom gerichtsmedizinischen Institut in Wien ist einer der weltweit führenden Forensiker. Sein besonderes Interesse gilt den medizinischen Hintergründen des Vampirglaubens in Europa. Er hat Berichte von Militärärzten studiert, die Vampirismus als eine ansteckende Krankheit beschrieben haben.

Christian Reiter: „Die Vorliebe des Vampirs, in den Hals zu beißen, hat einen historischen Hintergrund. Als diese Vampirepidemie Anfang des 18. Jh. in Serbien ausbrach und die Militärärzte des Habsburgerreiches diese Leichen untersuchten, da fanden sie blaue Male am Hals, vergleichbar mit Knutschflecken. Dem lag aber nicht ein Saugen zugrunde, sondern geschwollene Lymphdrüsen, als Folge einer damals bestandenen Milzbrandepidemie. Und die war der Grund warum die Militärärzte diesen Aberglauben vom Balkan schließlich nach Zentraleuropa gebracht haben.“

Für die Menschen des 18. Jahrhunderts gab es Vampire also wirklich. Auch für Wissenschafter und Gelehrte. Leichen wurden von offizieller Stelle durch hochrangige Ärzte untersucht.

Einer der bekanntesten Ärzte dieser Kommissionen war Dr. Franz von Gersthoff. Auch er hielt Vampir-Erscheinungen medizinisch durchaus für möglich. In einem Bericht heißt es:
„Man habe das Grab der Dorothea Pihsin, welche 129 Tage begraben lag, geöffnet. Dabei sei das Gesicht zwar verwest, aber die Hände und Füße wie bei einem lebendigen Menschen gewesen. Auch der obere Leib war völlig intakt und auf dem Leichentuch war frisches Blut.“

Immer wieder stoßen Archäologen auf Gräber merkwürdig bestatteter Personen, wie zuletzt in Krumau in Tschechien oder auf der Insel Lazzaretto Nuovo bei Venedig. Skelette, an denen eindeutig manipuliert wurde. Die forensische Untersuchung durch Christian Reiter kam zu dem Ergebnis, dass hier klassische Antivampirmaßnahmen, wie wir sie aus Vampirliteratur und -Film kennen, angewandt wurden.
Christian Reiter: „Zum Beispiel ein Skelett, bei dem der Kopf vom Hals getrennt war, der lag zwischen den Kniegelenken und der hatte im Mund einen Stein.
Ein zweiter Fall in diesem Skelettarrangement war eine männliche Leiche, die eine typische Durchstoßung des Brustbeins hatte, die auf eine nach dem Tod stattgefundene Pfählung ebenfalls zur Unschädlichmachung eines Untoten zu bewerten ist.“

Besonders interessant findet der Gerichtsmediziner den Schädelfund aus Venedig. Es dürfte sich um eine Frau handeln, die im 17. Jahrhundert an der Pest verstorben ist. Ihr Mund war weit, wie zu einem Schrei geöffnet, und zwischen Ober- und Unterkiefer steckte ein großer Ziegelstein.

Christian Reiter: „Also hier wurde sehr gewaltsam vorgegangen. Und es ist sicherlich interessant, dass dieser Leichnam sich bereits in einem fortgeschritten faulen Zustand befunden hat, sodass man entweder einen sehr faulen Leichnam hier bestattet hat und ihm einen Stein in den Mund gegeben hat. Das wäre in einem Zustand, indem solche Leichen auch schmatzen können. Und da ja dieses Schmatzen ein Effekt der Fäulnisgasbildung ist, und diese Schmatzenden dann auch wesentlich fülliger und fettleibiger erschienen sind, hat man die Schlussfolgerung gezogen, dass sie deshalb fettleibig geworden sind, da sie den Lebenden Substanz aussaugen. Um das zu verhindern hat man ihnen einen Stein in den Mund gegeben.
Naturwissenschaftlich betrachtet steckt hinter all diesen Dingen ein natürlicher Zersetzungsprozess menschlicher Leichen, wie wir es in unserem Beruf täglich erleben, wie sie aber den Menschen im Mittelalter oder zu Beginn der Aufklärung noch unbekannt waren.“

Etwas war allen vermeintlichen Vampiren dieser Zeit gemeinsam, sie waren arme Leute. Wie kommt es, dass die meisten der uns heute aus der Literatur bekannten Vampire Aristokraten sind? 1836 verstarb Johanna Anna von Purgstall in Hainfeld. Ihr Leichnam wurde in einen eisernen Sarg gelegt. Die sterblichen Überreste einer Protestantin sollten nicht mit christlicher Erde in Berührung kommen.

Vielleicht hat sie die aristokratische Vampirfigur geprägt. Für Rainer Köppl jedenfalls steht fest, das Rätsel der steirischen Vampirin gelöst zu haben. Johanna Anna von Purgstall, geb. Cranstoun ist dadurch zumindest literarisch unsterblich geworden.

Christian Köppl: „Das Faszinierende der Vampirfigur ist: Es steht immer alles auf dem Spiel. Solange wir sterblich sind, ist Dracula unsterblich.“