Zeitmaschine im Hinterhof

Einmal wird die Asche des mehr als 3000 Jahre zurückliegenden Vulkanausbruchs von Santorin untersucht, dann unschätzbare Kunstwerke. Entlang dieser 40 Meter Teilchenbeschleuniger wird die Geschichte mitunter neu geschrieben.

Kleinste Mengen an Substanzen werden auf rasante Zeitreise durch das Gerät geschickt. In weniger als einer halben Sekunde haben die Partikel eine Strecke zurückgelegt, die der Distanz Wien - San Franzisko entspricht. Hier werden Atome fein säuberlich gezählt und sortiert. Ergebnis sind Datierungen, Materialbestimmungen oder Klimaanalysen.

Das Hochsicherheitslabor liegt etwas abgeschieden in einem Wiener Hinterhof. Die Anonymität der Adresse kommt den Wissenschaftern gelegen, denn es werden berühmte Originale Albrecht Dürers aus der Albertina vermessen. Mithilfe von Protonen, die den Beschleuniger passieren, wird Röntgenstrahlung an bestimmten Punkten in der Zeichnung erzeugt. Durch diese Röntgenstrahlung wird die Zusammensetzung des Zeichenmaterials ermittelt. Eine Methode, die den empfindlichen Kunstwerken keinerlei Schaden zufügt.

Robin Golser, Institut für Isotopenforschung und Kernphysik, Wien: „Den Punkt, welche Linie analysiert wird, legen die Kunsthistoriker fest. Wenn der Punkt ausgewählt ist, analysieren die Physiker mit dem Protonenstrahl die Zusammensetzungen genau auf diesem Punkt und auf einem kleinen Punkt daneben, um immer das Verhältnis Silberstift, also Signal zu Untergrund auseinander halten zu können.“

Klaus Albrecht Schröder, Direktor Albertina, Wien: „Dieses Selbstbildnis des 13jährigen Albrecht Dürer ist ja deshalb so berühmt, weil es nicht nur die älteste erhaltene Kinderzeichnung der Geschichte ist, sondern auch das früheste abendländische Selbstbildnis. Und es zeigen sich Vorzeichnungen, Korrekturen zeigen, von denen wir wissen wollen, ob sie überhaupt aus demselben Material sind, mit denen Dürer sonst die gesamte Zeichnung angefertigt hat. Eine Silberstiftzeichnung. Wir haben daher beschlossen sämtliche Silberstiftzeichnungen der Albertina von Albrecht Dürer untersuchen zu lassen. Und wurden dann gleich eines besseren belehrt: eine der Silberstiftzeichnungen, die Jahrhunderte lang als Silberstiftzeichnung gegolten hat, entpuppt sich als eine Kohlestiftzeichnung.“

Und solche Überraschungen fördert die neue, präzise Messmethode immer wieder zu Tage. Auch dieses Dürerporträt wirft Fragen auf. Es ist nur 2 Jahre später entstanden als das Selbstporträt des jungen Dürers. Kunsthistoriker diskutieren schon lange, ob es von Dürer selbst oder von seinem Vater angefertigt wurde. Ob eine Materialanalyse diese Frage endgültig klären kann? Die Kunsthistoriker winken ab. Der Beschleuniger kann zwar feststellen, ob es ein und derselbe Silberstift war, aber nicht, wer ihn geführt hat.

Walter Kutschera, Institut für Isotopenforschung und Kernphysik, Wien: „Obwohl die Energie sehr hoch ist, dringt ein Protonenstrahl in so ein Bild nur ein Zehntel Millimeter ein. Er dringt ein in die Oberfläche, in dem Fall ist das die Farbe, die verwendet wurde. Bei diesem Eindringen in dieses Material schlagen die Protonen Löcher in die Atomhülle der Atome und beim Wiederfüllen dieser Atomhülle werden Röntgenstrahlen imitiert. Und die analysieren wir.“

Ein Zeitsprung mit dem Teilchenbeschleuniger. Diesmal nicht 522 Jahre zurück, sondern gleich 3600 Jahre, nach Santorin -die Methode ist diesmal die C14 Altersbestimmung.

Walter Kutschera, Institut für Isotopenforschung und Kernphysik, Wien: „In dem Fall untersuchen wir ein Stück Kohlenstoff und erzeugen einen Atomstrahl am Eingang des Beschleunigers und der gesamte Beschleuniger wird als ein Analyseinstrument genommen, um die Isotope, die Atome verschiedener Masse von Kohlenstoff zu sortieren."

Ein mächtiger Vulkanausbruch hat die minoische Kultur von Kreta um 1500 vor Christus zerstört - sagen Archäologen. Kleinste Substanzen aus diesem Gebiet wurden durch den Beschleuniger geschossen. Neben den stabilen Kohlenstoffisotopen zeigt sich, wie hoch der Anteil an den winzigen langlebigen Radioisotopen ist. An ihrer Anzahl zeigt sich, wie alt die Partikel aus Santorin wirklich sind: Und sie sind tatsächlich 100 bis 150 Jahre älter als angenommen. Grund genug um am Zusammenhang des Untergangs der minoischen Kultur mit dem Vulkanausbruch zu zweifeln.

Walter Kutschera, Institut für Isotopenforschung und Kernphysik, Wien: „Bei diesem Vulkanausbruch geht es um 100 bis 120 Jahre früher oder später, und das trennt Welten. Da ist ein ganzes Netz aufgebaut worden durch jahrzehntelange Studien und wenn jetzt die Naturwissenschaftler kommen und sagen, dieses Netz ist vielleicht gar nicht richtig im Detail, dann ist Feuer am Dach.“

Dürer wird inzwischen verpackt und nach Hause gebracht. Anhand der Auswertung der zahlreichen Daten versucht das internationale Wissenschafterteam aus Frankreich, Deutschland und Österreich, die in alle Museen der Welt verstreuten Dürerzeichnungen neu zu ordnen und herauszufinden, welche Werke in welche Schaffensperiode gehören.