Wahl-Verwandtschften: Samenspender, Leihmutter, Embryonen

Von Wunschkindern und dem Ideal der Familie
Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, Trägerin des Georg Büchner-Preises, hat sich kürzlich zu einem schrägen Sprachbild hinreißen lassen: "Halbwesen" nannte sie Kinder, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden.

Auf der Wiener Regenbogenparade wurde eine Politikerin wegen ihrer sexuellen Orientierung mit Buttersäure attackiert. Viele traditionell denkende Menschen sehen durch sich verschiebende Wertemuster und Rollenbilder klassische Familienstrukturen unter Druck – und steigen auf die Barrikaden.

Ablauf der in einer Eizelle mit Mikroskop und Kamera aufgenommenen Befruchtung (c) DPA/Waltraud Grubitzsch

Doch mehr und mehr setzt ein Umdenken ein. Ungewollte Kinderlosigkeit wird von vielen Paaren nicht mehr schicksalsergeben hingenommen. Die High Tech-Medizin springt ein, wo sich die Natur verweigert oder der Gesetzgeber einen Riegel vorschiebt – man kann etwas tun, wie bei Diabetes, Übergewicht oder Schwerhörigkeit. Immer mehr gleichgeschlechtliche Partner erfüllen sich ihren Kinderwunsch mittels künstlicher Befruchtung.

(c) ORF

Das Rollenspiel in der Sandkiste: "Spielen wir Vater, Mutter, Kind?" – hat es ausgedient? Käme ein "Spielen wir Samenspender, Leihmutter, Embryonen" der gesellschaftlichen Realität schon näher?
Fakt ist: Rund fünf Millionen Kinder wurden bisher in Reproduktionszentren gezeugt. Das einst mit einem Hautgout behaftete "Retortenbaby" ist längst zum ersehnten "Wunschkind" geworden.

Das Ideal Familie – es wird mehr und mehr von Menschen hochgehalten, die – aus welchen Gründen auch immer – als biologische Eltern nicht in Frage kommen.

Der kultur.montag über die neuen Wahlverwandtschaften unserer Gesellschaft. Gast im Studio ist der Kulturwissenschaftler Andreas Bernard mit seinem Buch "Kinder machen".

TV-Beitrag: Constanze Griessler

Weiterf├╝hrendes zum Thema: