Die Besten im Oktober: Annie Ernaux & Leander Fischer

Annie Ernaux und Leander Fischer teilen sich mit ihren Neuerscheinungen den Platz 1 auf der ORF-Bestenliste im Oktober.

"Die Forelle" von Leander Fischer

Hudeln verboten
Kennen Sie schon Ernstl und Siegi, das seltsame Fliegenfischergespann? Zugegeben: Die Namen klingen wie aus einem Provinzkrimi. In der Provinz, in einem namenlosen Ort im Raum Gmunden, ist "Die Forelle" zwar angesiedelt. Doch die Protagonisten von Leander Fischers Roman sind keine grobschlächtigen Kerle, die mit ihren Fängen prahlen würden. Es handelt sich um Ästheten, die das Fliegenfischen als hohe Kunst betreiben.

In ihrem Verein bilden die beiden die unverstandene Avantgarde: "Wir fischen anders, Siegi." Besonderes Augenmerk legt Ernstl, trotz Dauerrauschs eine Koryphäe auf seinem Gebiet, auf die Herstellung des perfekten Köders. Erst muss Siegi es im Fliegenbinden zu Könnerschaft bringen, bis sein Lehrer ihn ans Wasser lässt. Bisweilen zweifelt der Schüler daran, ob es je so weit kommen wird ("Impotenz, dachte ich, ein Fliegenfischer, der nicht Hand anlegte an Fische, wenn das nicht die Definition von Impotenz war").

(c) APA/ROBERT JAEGER

Leander Fischer

"Die Forelle" erzählt von einer Obsession. Als junger Mann hätte Siegi beinahe Karriere als Konzertviolinist gemacht, ehe er sich für eine kleinbürgerliche Existenz mit Frau und Kindern entschied. Nun fristet er sein Dasein als Musikschullehrer und unterrichtet die Kinder der wohlhabenden Landbevölkerung. Das Fliegenfischen ermöglicht ihm ein Ausbrechen aus dem zunehmend verhassten Alltag. Die Flucht wird schnell zur Sucht. Die Passagen übers Fliegenbinden sind dementsprechend in einem atemlosen Ton gehalten.

Achtung: "(…) musste ich doch schon wieder zu Ernstl, um erstens eine goldene Kugel durch das Loch auf den Haken zu fädeln für das Köpfchen, zweitens den Hakenbogen in den torpedoförmigen und schraubstockmäßig funktionierenden Bindestock einzuspannen, drittens das goldene Köpfchen mit dem Faden zu fixieren, viertens mit dem Faden blauen Flachs niederzubinden, denselben ohne den Faden als langsam entstehenden Körper um den Resthaken zu wickeln, wieder abzuschnüren und überstehenden Flachs abzuschneiden, fünftens eine schwarze Hahnenfeder, die Fiebern in eine Hechelspirale zu Land und zu tanzenden Beinchen im Wasser, den Kiel zu einer Rippung im blauen Flachskörper zu verwandeln, sechstens aus Ninas Haar die Flügelscheide am Rücken der Fliege zu machen und siebtens Rehhaar, das ich zu streicheln liebte, bevor ich eine Brise losschnitt vom Lederfleck, zum Schwänzchen der Goldkopfnymphe zu adeln. Achtens zirkelte ich ihr den Schlussknoten zwischen Körper und Kopf, als legte ich ihr eine Schlinge um den Hals, und wenn es wahr ist, dass Würgen erregt, so vollendete ich diese Fliege mit einem Orgasmus."

In seinem fast 800 Seiten starken Debütroman erweist sich der aus Oberösterreich stammende und heute in Hannover lebende Leander Fischer (Jg. 1992) als wortgewaltiger Schriftsteller. Er kann sich über mehrere Seiten in kleinste Details des Fliegenfischens versenken und gleichzeitig zu sprachlichen Höhenflügen ansetzen.

Fliegt er manchmal zu hoch? Doch, immer wieder. "Die Forelle" ist das genaue Gegenteil der einfachen, schmucklosen Prosa, die heute in der erzählenden Literatur vorherrscht. Gerade das macht den Reiz der Lektüre aus. Kleine Abstürze mindern die berauschende Wirkung des Romans nicht.

In manchen Kapiteln wird einem von Fischers Wortschwall so schwindelig, wie sich Ernstl im Vollsuff fühlen muss. Dann wieder entsteht beim Lesen der Eindruck von Verlorenheit, was an das schwer zu dechiffrierende Frühwerk von Thomas Pynchon erinnert. Aber Verständnis ist sekundär, um sich an der Sprache des Romans zu erfreuen. Nur Hudeln ist bei der Lektüre verboten, denn der Text gibt einen eher langsamen Rhythmus vor, und man möchte keine Wortschöpfung versäumen.

(c) APA/ROBERT JAEGER

Leander Fischer

Leander Fischer hat Spaß an der Sprache und scheut auch vermeintliche Plattheiten nicht. Aus "hier und jetzt" wird „bier und hetzt"; und wenn Siegis Lehrmeister nicht da ist, muss er die "ernstllose" Zeit überstehen. "Die Forelle" ist auch reich an Anspielungen kreuz und quer durch die Literaturgeschichte. Was wünscht sich ein Fliegenfischer? Eine Kapitelüberschrift verrät es: "Ein Bindezimmer für sich allein". Ein Vorbild hat der Autor in seiner Abschlussarbeit am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim verraten. Sie trägt den Titel „Wie Tristram Shandy Fliegenfischen lernt". In Anlehnung an Laurence Sternes grotesk-satirischen Riesenroman aus dem 18. Jahrhundert verzichtet "Die Forelle" auf eine stringente Handlungsführung. Umso mehr steht der Text im Zeichen von Assoziationen und lustvollen Abschweifungen.

Großes Kino sind die Schilderungen von Siegis Wallfahrten in die Fleischhauerei von Kurti. Dieser ist ein Ernstl mit anderen Mitteln, ein von Karnivoren kultisch verehrter Hohepriester des Rindfleischs: "Er entfernte sich durch eine hinterwandige Tür und holte noch andere Schlachtstücke, in Fettpapier eingeschlagen, das er vor mir hinter der Thekenscheibe entfaltete wie eine uralte Papyrusrolle, die mit Gott weiß welch edlem Gesetzestext beschriftet war: "Rindsrouladen", beispielsweise sagte er dann (…)."

Fraglich, ob es Kurtis Laden noch gibt. "Die Forelle" ist in den 1980ern angesiedelt, als sich die großen Supermärte ausbreiteten. Sie lässt sich auch als Antiheimat­ro man lesen, mit Waldsterben, Bierdunst und wild fechtenden Reserveburschenschaftern als thematischem Hintergrundrauschen. Diese hiesigen Kontinuitäten holen Fischers Sprachkunstwerk manchmal für kurze Zeit zurück auf den Boden der Tatsachen. Bis es von neuem abhebt.

Text: Sebastian Fasthuber, Falter

(c) Wallstein Verlag

Leander Fischer: "Die Forelle"

Wallstein

"Die Scham" von Annie Ernaux

Worüber nie gesprochen wurde - Reflexive Erinnerungsarbeit fundiert das Schreiben der französischen Autorin - etwa an eine traumatischen Szene ihrer Kindheit.

(c) APA/AFP/Ulises Ruiz

Annie Ernaux

Endlich, möchte man sagen. Endlich, mit 80 Jahren, hat Annie Ernaux, die in Frankreich zu den bedeutendsten Autorinnen des Landes zählt, auch im deutschen Sprachraum eine verlegerische Heimat gefunden, nämlich im Suhrkamp Verlag. Der "weibliche Proust", wie Ernaux gern genannt wird, ist also genau dort angekommen, wo ihr männlicher Kollege schon länger zu Hause ist.

"Écrire la vie" heißt eine vorläufige Gesamtausgabe ihrer Texte in Frankreich, das Leben schreiben. Genau das tut Ernaux in immer wieder neuen Anläufen, seit 1974 ihr erster Text erschien - wie alle Bücher von ihr ohne jede Gattungsbezeichnung. Natürlich ist es ihr eigenes Leben, das da geschrieben wird, aber es ist auch das ihrer Umgebung, ihrer Familie, ja einer ganzen Generation. Ernaux’ Projekt einer "kollektiven Autobiographie" hat immer auch eine soziale Komponente, die das Ich in seine Zeit stellt. Und die dieses Ich als in gesellschaftliche, politische, kulturelle Zusammenhänge eingebunden betrachtet.

Der Text einer Welt
"Um meine damalige Lebenswirklichkeit zu erreichen, gibt es nur eine verlässliche Möglichkeit, ich muss mir die Gesetze und Riten, die Glaubenssätze und Werte der verschiedenen Milieus vergegenwärtigen, Schule, Familie, Provinz, in denen ich gefangen war und die, ohne dass ich mir ihrer Widersprüche bewusst gewesen wäre, mein Leben beherrschten. Die verschiedenen Sprachen zutage bringen, die mich ausmachten, die Worte der Religion, die Worte meiner Eltern, die an Gesten und Gegenstände geknüpft waren, die Worte der Fortsetzungsromane, die ich in Zeitschriften las (...). Mich dieser Worte bedienen, von denen manche noch immer mit der damaligen Schwere auf mir lasten, um den Text der Welt, in der ich zwölf Jahre alt war und glaubte, wahnsinnig zu werden, anhand der Szene eines Junisonntags zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen."

Das Ereignis jenes Junisonntags im Jahr 1952 ist eine Art Urszene der Schriftstellerin Annie Ernaux, ein poetischer Urgrund, aus dem ihr Schreiben bis heute erwächst. Was ist damals passiert? Die Eltern, Betreiber eines Ladens mit angeschlossener Kneipe, waren beim Mittagessen in Streit geraten. Der Vater, der zu den Vorwürfen der Mutter lange geschwiegen hatte, fing plötzlich an zu zittern und zu keuchen, packte die Mutter und schleifte sie in die Vorratskammer. Die Tochter Annie floh zunächst panisch in den ersten Stock, doch als ihre Mutter nach ihr rief, lief sie wieder nach unten und sah, wie ihr Vater die Mutter mit der einen Hand an der Schulter oder am Hals gepackt hatte. In der anderen hielt er ein Beil.

(c) ORF

Annie Ernaux

Ein Nullpunkt
Die Sache ging zum Glück ohne Blutvergießen aus. Am Ende saßen alle drei wieder in der Küche. Und über den Vorfall, den Beinahemord des Vaters an der Mutter, wurde nie wieder gesprochen. "Es war der 15. Juni 1952. Das erste präzise und eindeutige Datum meiner Kindheit. Davor gibt es nur aufeinanderfolgende Tage und das Datum an der Schultafel oder oben in meinem Heft."

Zwei Fotos (fast unvorstellbar in Zeiten der Digitalfotografie) sind der Autorin geblieben aus diesem Jahr 1952: eines, das sie im Kommunionskleid zeigt, ein anderes, auf dem sie mit ihrem Vater an der Strandpromenade von Biarritz zu sehen ist. Sie zeugen zusammen mit dem traumatischen Elternerlebnis vom Ende der Kindheit und von dem, was diesem Buch den Titel gibt: der Scham über die Welt, aus der sie kommt.

"Es war normal, sich zu schämen, als wäre die Scham eine Konsequenz aus dem Beruf meiner Eltern, ihren Geldsorgen, ihrer Arbeitervergangenheit, unserer ganzen Art zu leben. Eine Konsequenz der Szene des Junisonntags. Die Scham wurde für mich zu einer Seinsweise. Fast bemerkte ich sie gar nicht mehr, sie war Teil meines Körpers geworden. (...) Die Scham ist die letzte Wahrheit. Sie vereint das Mädchen von 1952 mit der Frau, die dies jetzt gerade schreibt."

Das Ich von einst
Ernaux’ Buch über die Scham ist, wie all ihre Bücher, kein erinnerungsseliges Eintauchen in die Vergangenheit, sondern der zutiefst reflektierte, auf äußerste Genauigkeit bedachte Versuch, die Welt der damals zwölfjährigen Annie zu beschreiben. Die Autorin nennt ihr Schreiben "écriture factuelle", eine nichts ausschmückende, manchmal spröde wirkende Annäherung an das Ich, das sie einmal war - immer in dem Bewusstsein: "Es gibt keine wirkliche Erinnerung an sich selbst."

Dieses im Original bereits 1997 erschienene, wie immer bei Ernaux schmale Buch ist ein Schlüsseltext für das Verständnis dieses einmaligen uvres, das hoffentlich irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft auch auf Deutsch gesammelt zu lesen sein wird.

Text: Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung

(c) Suhrkamp

Annie Ernaux: "Die Scham"

Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp, Berlin 2020, 112 Seiten

Suhrkamp