Der Beste im Juli 2017: Karl Ove Knausgård

Familientroubles, psychische Krankheit, Hitler und das Selbst: Mit „Kämpfen“ ist Karl Ove Knausgards „Min Kamp“-Zyklus nun auch vollständig auf Deutsch erschienen. 1.280 Seiten gab’s mit dem Abschlussband obendrauf, in denen er einmal mehr sein Privatestes nach außen stülpt.

© André Loyning

Fünfeinhalb Kilo schwer, 30 cm breit und 4.600 Seiten stark, so lässt sich Knausgards literarisches Monsterprojekt auch zusammenfassen. Die biometrische Annäherung ist vielleicht gar nicht so unpassend, denn sie vermag das Überbordende, in seiner Maßlosigkeit Exzeptionelle des Werks, das der norwegische Autor mit Wohnsitz Schweden vorgelegt hat, ein Stück weit zu fassen.

Mit seinem radikal autobiografischen Romanprojekt hatte der 1968 geborene Autor mit dem Rockstargesicht und dem dichten grauen Haar ab Ende der Nullerjahre einen regelrechten Taumel ausgelöst – bei Kritik und Leserschaft gleichermaßen.

„Das gehört zum Großartigsten an Literatur, was zurzeit geschrieben wird“, „Als ob man ein Menschenleben in sich aufsaugt“ und „Hat mich absolut umgehauen“ – mit diesen Sätzen werden Autorenkollegen wie Juli Zeh, Jeffrey Eugenides und Zadie Smith auf dem Buchumschlag zitiert. James Wood, einer der angesehensten amerikanischen Literaturkritiker, bezeichnete Knausgard gar als Proust der Gegenwart.

Auch die Verkaufszahlen belegen den Hype. In Norwegen gingen gleich 500.000 Exemplare über den Ladentisch, bei einer Gesamtbevölkerung von fünf Millionen keine unbeträchtliche Zahl. Sie gab laut dem deutschen „Spiegel“ sogar so manchem Arbeitgeber zu denken: Angeblich riefen Firmen zu Knausgard-freien Tagen auf, um die Produktion aufrechtzuerhalten.

Kampf mit den Banalitäten des Alltags

Jetzt ist der sechsteilige Zyklus jedenfalls auch auf Deutsch komplett – „Kämpfen“ folgt auf die Bände „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“ und „Träumen“. Der durchnummerierte Originaltitel „Min Kamp 1-6“ konnte auf Deutsch, „Mein Kampf“, hierzulande naturgemäß nicht verwendet werden, in Knausgards Muttersprache war er zugleich als Provokation und ironischer Bezugspunkt gedacht. Denn schließlich, wie Knausgard meinte, gehe es ihm vor allem um den Kampf des kleinen Mannes, um das Ringen mit den Banalitäten des Alltags.

Warum aber dann der Hype? Eben deswegen. „Min Kamp“ ist schonungslos und unerschrocken, der Stil nüchtern, Knausgards Offenheit und Ehrlichkeit entwaffnend, bis an die Schmerzgrenze: Hier wird ungeschönt und detailliert niedergeschrieben, was Sache ist – ohne Rücksicht gegenüber sich selbst oder seiner Familie.

Windeln wechseln, Provinzleben, psychische Krankheit

Begonnen hat Knausgard den Romanzyklus zunächst als Versuch, durch sein Schreiben den verstorbenen Alkoholiker-Vater aus seinem Leben zu bannen – mit Erfolg, wie er immer wieder angemerkt hat. In Band zwei, der den Leserinnen und Lesern oft als Einstieg empfohlen wird, ging es dann vor allem um den Alltag und die Schwierigkeiten als frischgebackener Vater – viele Windeln wurden da gewechselt und viel über Männlichkeit und Autorendasein nachgedacht.

In „Spielen“ befasste er sich mit seiner Kindheit in den frühen Siebzigerjahren, in „Leben“ unter anderem mit seiner Arbeit als Aushilfslehrer, „Träumen“ drehte sich um seine Zeit als 19-Jähriger in der Provinz.

Essay über Hitler

Der Abschlussband „Kämpfen“ ist vielleicht derjenige, der inhaltlich am wenigsten klar zu fassen ist. Er setzt in der Zeit der Niederschrift des ersten Bandes 2008 an, als Knausgard Freunden und Familie sein Manuskript zusandte. Vor allem sein Onkel reagierte damals auf die Darstellung des grausam-brutalen Vaters erbost und leitete rechtliche Schritte ein. Was Knausgard in Selbstzweifel stürzte und ihn hier, in „Kämpfen“, viel über das Verhältnis zwischen der von ihm intendierten Wahrhaftigkeit und der Fiktion nachdenken lässt.

Nicht nur die persönlichen, auch die alltäglichen Dinge sind es, die „Kämpfen“ ausmachen. Stärker als sonst sind essayistische Abschnitte eingewoben, die um das Individuelle und das Kollektive kreisen, um Homer, Joyce, Proust und nicht zuletzt dann um Hitlers Leben und das titelgebende „Mein Kampf“.

400 Seiten im Mittelteil hat Knausgard diesem Buch gewidmet. Der Anlass ist auch hier persönlich: Unter den Sachen seines verstorbenen Vaters hatte er eine Nazi-Anstecknadel gefunden - und nach dem Tod der Großmutter eine Ausgabe von „Mein Kampf“ in ihrem Wohnzimmer. Beide seien, so hält er fest, „ungelöste Mysterien in dieser Geschichte“.

„Den Kindern nie wieder so etwas antun“

Der letzte Abschnitt von „Kämpfen“ ist, ganz in Knausgard-Manier, wieder der Familie und nicht zuletzt auch der manisch-depressiven Krankheit seiner Frau, der schwedischen Autorin Linda Boström, gewidmet – und den Belastungen, die das Romanprojekt für sie bedeutet hat. „Es ist 07:07 Uhr, und der Roman ist endlich fertig. In zwei Stunden kommt Linda, dann werde ich sie umarmen und sagen, dass ich fertig bin und ihr und unseren Kindern nie wieder so etwas antun werde“, schreibt er gegen Ende.

Es sollte aber anders kommen: Knausgard hat dem (autobiografischen) Schreiben nicht ganz abgeschworen. Im Herbst erscheint der Essay-Band „Im Winter“, der erste von vier Jahreszeiten-Bänden, der unter anderem Briefe an seine neugeborene Tochter enthält.

Am 28. Juli wird Knausgard übrigens in Salzburg mit dem mit 25.000 Euro dotierten Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet, seine Literatur passe „gut ins Land von Sigmund Freud“, begründet die Jury ihre Wahl.

Text: ORF.at, Paula Pfoser

(c) Luchterhand

Karl Ove Knausgard: Kämpfen. Das autobiographische Projekt, 1.280 Seiten

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