Bestenliste - Der Beste im Dezember: Christoph Ransmayr

Christoph Ransmayrs neuer Roman entführt in eine Welt der Gegensätze: Alister Cox, ein berühmter britischer Uhrmacher, nimmt in China einen gefährlichen Auftrag an.

Ransmayr ist ein viel Gereister, ein "Halbnomade", wie er sich selbst bezeichnet. In seinem neuen Roman "Cox oder Der Lauf der Zeit" führt er einmal mehr in die Ferne, genauer ins China des 18. Jahrhunderts. Mit einem berühmten britischen Uhrmacher und Automatenbauer fahren wir nach Peking in die Verbotene Stadt, eingeladen vom chinesischen Gottkaiser höchstpersönlich.

Christoph Ransmayr (c) Magdalena Weyrer

Vage an historischen Fakten orientiert
Ausgangspunkt des Romans ist dabei weniger die historische Recherche, wie es in Ransmayrs erstem Roman über eine Nordpolexpedition, "Die Schrecken des Eises und der Finsternis", der Fall war, und der Autor legt auch keine dokumentarische Reisebeobachtung wie zuletzt im vielgelobten „Atlas eines ängstlichen Mannes“ vor.

"Cox oder Der Lauf der Zeit" bezieht sich nur vage auf konkrete geschichtliche Fakten, das Buch wird stattdessen vor allem von der Fantasie des Autors getragen. So gab es zwar einen realen Uhrmacher James Cox – von Ransmayr mit dem Vornamen Alister versehen –, der einen Automaten für den chinesischen Kaiser konstruierte, der schließlich 1766 von der Ostindischen Kompanie überbracht wurde. Cox selbst aber war nie nach China gereist.

Prunkvolle Zeitautomaten
In "Cox" lässt Ransmayr Kaiser und Uhrmacher aufeinandertreffen. Cox, in der verbotenen Stadt angekommen, wird dort mit einem kaiserlichen Auftrag konfrontiert. Kein Spielzeug, so stellt Qianlong klar, soll er bauen, sondern philosophisch grundierte Messautomaten, die das wechselnde, höchst unterschiedliche Zeitempfinden der Menschheit widerspiegeln: Die Zeiten eines Kindes, eines Liebenden, eines Glücklichen und eines zum Tode Verurteilten.

Nur ein einziges dieser wundersamen und schmuckreichen, von Cox erschaffenen Kunsthandwerke stammt dabei vom historisch verbürgten Uhrmacher, alle anderen hat sich Ransmayr ausgedacht und sie sprachlich prunkvoll koloriert.

Etwa die Uhr des Kindes, ein "in Weißgold, Sterlingsilber und gebürstetem Stahl ausgeführtes Modell einer Dschunke mit Pfahlmasten und Seitenschwertern, (...) ein von Wellen aus geflochtenem Silberdraht und Blei umspieltes Gefährt, dessen Metallfarben die Schattierungen des Schnees, des Eises, des Nebels, der Federwolken, Daunen und des unbeschriebenen Papiers oder einfach der Unschuld erinnern sollten". Diese Uhr soll das "wellenförmige Gleiten, das an- und abschwellende Rauschen, die Sprünge, Stürze, Gleitflüge und selbst den Stillstand der Lebenszeit eines Kindes spürbar machen".

Eine unmögliche Aufgabe
Cox bekommt schließlich noch eine weitere, scheinbar unmögliche Aufgabe gestellt. Er soll den größten Wunsch des Kaisers erfüllen und eine zeitlose Uhr erschaffen, eine, die die Ewigkeit messen kann. Ein Drahtseilakt, auf den Cox sich einlassen muss. Denn Qianlong, so stellt Ransmayr ganz zu Beginn klar, ist als "Herrscher der zehntausend Jahre" nicht nur einer, der sich in der Folge – mit dem gemeinsamen Interesse für Uhren und Zeitfragen – als Seelenverwandter von Cox offenbart, sondern auch ein grausamer Despot.

"Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qianlong, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ", so lautet der erste Satz des Buchs.

Es ist eine Welt der Gegensätze, die Cox hier betritt: Auf der einen Seite die Idylle und der Pomp des Kaiserreichs – mit einem Kaiser, der in einem Prunkzelt auf einem mit "Purpurfäden durchwirkten und mit Lavendel und Veilchenöl parfümierten Seidenzöpfen" befestigten Bett schwebt. Auf der anderen die Grausamkeit der Folter, die mehrmals detailreich beschrieben wird.

Ransmayrs literarisches Einfühlungsvermögen
Die friedliche Fassade des höfischen Lebens ist brüchig. Bald kommen Zweifel auf, ob der Kaiser sich tatsächlich ein so mächtiges Uhrwerk wünscht oder vielmehr Cox auf eine Probe stellt: Der Auftrag ist einer, bei dem es um Leben und Tod geht.

In "Cox oder Der Lauf der Zeit" zeigt Ransmayr einmal mehr sein literarisches Einfühlungsvermögen in historische Settings und seine Gabe, mit vielen Details eine Welt auferstehen zu lassen. "Cox", das ist schließlich ein poetisch verdichteter und farbenprächtiger Abenteuerroman – über die Zeit und ihre unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Ein angesichts der zeitgenössischen Reflexionen und Debatten über die Beschleunigung des Alltags nicht zuletzt auch sehr aktuelles Thema.

Text: Paula Pfoser, für ORF.at

(c) S. Fischer

Buchinfo:

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit

304 Seiten
Roman

S. Fischer