Die Beste im Juli 2013: Andrea Winkler

Alles, was wir denken, ist schon gedacht worden, und was wir aufzeichnen, ist wahrscheinlich schon einmal präziser formuliert worden - so lautet eine der Maximen am Institut für Gedankenkunde und Verstehen.

Andrea Winkler (c) APA/KURT HOERBST

Und wenn man sich selbst nicht mehr unterscheiden kann von all den fremden Gedanken, dann ist der große Augenblick gekommen, ab dem man in der Lage ist zu sprechen, ohne zu zögern. An diesem Institut für Gedankenkunde und Verstehen studiert Lina Lorbeer - sie ist das Ich, das Andrea Winklers neue Prosaarbeit konstituiert. Die Szenerie des Gebäudes - ein Innenhof mit den Steinköpfen derer, die es geschafft haben, zu Repräsentanten zu werden, jener also, die nicht vor der Zeit verstummt sind oder die nur einen mangelnden Boden unter ihren Füßen hatten, diese Szenerie lässt an die Universität Wien denken. Doch die Lehrenden, Herr Professor Icks und Frau Professor Stein, sind keine Decknamen für real existierende oder existiert habende Personen; Andrea Winkler schreibt alles andere als Kolportageromane.

Kolonialisten des Sinns

Dass Lina Lorbeer dieses Institut nicht guttun wird, ist von der Ironie der ersten Sätze an klar; sie lauten: "Mein Zimmer besteht aus beinahe gar nichts. Wozu viel Aufhebens um eine Wohnung machen, in der ich ohnehin nur so vor mich hindämmern werde, in den Gedanken anderer."

Die eigenen Gedanken und Träume, die eigene Kindheit - all das stört nur an diesem Institut, an dem es darum geht, alles zu verstehen, oder, um es mit einem martialischen Hörsaal-Satz von Professor Icks zu sagen: "Nichts in der Welt hat keinen Sinn, und was partout keinen freigibt, dem werden Sie einen abzulauschen lernen."

Wer so zu einem Kolonialisten, einer Kolonialistin des Sinns trainiert werden soll, dessen oder deren eigene innere Welt muss zuerst kolonialisiert werden - von Ausbildnern, die selbst kolonialisiert sind: Über den Schreibtisch von Frau Professor Stein "wölbt sich ein Stapel fremder Gedankengänge" - sie selbst nennt diese Büchertürme "mein Babel".

Ein "gewisses Ansehen"

Von Anfang an ist auch klar: Das Institut und die Ausbildung sind ein selbstreferenzielles System, denn die hier erworbenen Kenntnisse braucht niemand; nur die Existenz des Instituts ist wichtig. Und Frau Professor Stein formuliert als Geheimnis des Instituts, "dass jeder, der hier beschäftigt ist, immer ein gewisses Ansehen genießen wird, und zwar aus dem einfachen Grund, weil er hier beschäftigt ist". Und das Wichtigste, was man am Institut erreichen kann, ist: selbst einen Schreibtisch zu erobern - oder gar ein Zimmer (auch wenn es am Anfang, so viel Hierarchie muss sein, natürlich im Keller liegt).

Lina Lorbeers Kollege Justin bringt es auf den Punkt: "Professor Stein hat uns zu sagen vergessen, dass Denken und Deuten eben auch ein Fest-auf-einem-Sessel-Sitzen bedeuten, und am besten hier in diesem Haus, am Institut für Gedankenkunde und Verstehen." Ohne Aussicht auf einen Sessel in einem Büro, sagt Frau Professor Stein, hat es keinen Sinn "sich abzumühen mit dem vielen Denken hier, Kopfschmerzen und Albträume hinzunehmen".

An diesem Institut kann und muss man entscheiden, welche Rolle man einnehmen will: Will man der König, der Hofnarr oder das Volk sein. Als Professor Icks diese Alternativen vorstellt, hat er offenbar Georg Büchners Komödie "Leonce und Lena" im Sinn, denn er spricht die Szene an, wo sich der König einen Knoten in sein Taschentuch gebunden hat, um sein Volk nicht zu vergessen. Nur hat Professor Icks die Szene nicht ganz richtig in Erinnerung, und außerdem macht er aus Büchners Kammerdiener einen Hofnarren. So kommt der Titel des Buches zustande: "König, Hofnarr und Volk". Und "Leonce und Lena" bleibt ein leiser unterirdischer Strom in diesem Text - etwa wenn Lina Lorbeer wie König Peter "nicht mehr weiß, ob ich noch ich oder schon ein anderer bin". Märchen sind ein anderer Strom, der durch diesen Text mäandert - etwa wenn Frau Professor Stein als böse dreizehnte Fee erscheint, die zu irgendeinem großen Fest nicht eingeladen wurde. Oder in den immer wieder auftauchenden Figuren des Mundschenks und der Eistänzerin.

Bildung oder Einbildung

Originell ist der Untertitel des Buches: "Einbildungsroman". Was sich als Bildung geriert, ist nur eine Einbildung. Eine Einbildung, die dieses Institut zusammenhält und seine Mitglieder verbindet. Außer eben Lina Lorbeer. Sie ironisiert das Institut, auch wenn sie gleichzeitig auch Versuche unternimmt, sich dort zu integrieren und Prüfungen zu bestehen. Das Institut setzt auch wichtige Denk- und Schreibprozesse in ihr in Gang. Aber sie will nicht, wie die bald erfolgreiche Kollegin Flora Tauber, Bücherträgerin für Frau Professor Stein werden.

Lina Lorbeer ist verankert in der Gegenwelt ihres Zimmers, eines kahlen Zimmers, in dem es vor allem weiße, unbeschrieben Blätter, aufgeschlagene Bücher, Schachteln mit alten Briefen und Tagebüchern gibt - und ein Gedicht, das die Schwester eigenhändig in Ton gebrannt hat. Das Gedicht wird nicht zitiert, es erscheint nie im Volltext, aber es echot in Fragmenten durch den ganzen Text - ein kleines Gedicht von Robert Walser:

Wie immer

Die Lampe ist noch da,
der Tisch ist auch noch da,
und ich bin noch im Zimmer,
und meine Sehnsucht, ah,
seufzt noch wie immer.

Feigheit, bist du noch da?
Und, Lüge, auch du?
Ich hör' ein dunkles Ja:
Das Unglück ist noch da,
und ich bin noch im Zimmer
wie immer.

Im sogenannten "wirklichen Leben"

Lina Lorbeer freilich ist nicht nur "im Zimmer, wie immer". Sie schreibt sich hinaus - in ihren Tagebüchern und in den Briefen an den geliebten Jakob, die viele der 25 Kapitel beschließen - und sie bewegt sich hinaus - nicht nur ans Institut, sondern auch nach draußen, ins sogenannte "wirkliche Leben"; oder in die Erinnerungen an die Kindheit, die Freundin Agnes und die Schaukel im Garten.

Lina Lorbeer zieht es vor, "mich lieber zu bewegen, als ein einem anderen Blick zu erstarren". Dieser andere Blick kommt von Frau Professor Stein oder von Professor Icks, und Lina Lorbeer weiß: "Ich höre, in einem solchen Blick, sogleich und schon wieder auf, ich zu sein, ich bin nichts mehr, und eines Tages werde ich glauben, dass dies gut sei."

Doch in ihren Monologen, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen denkt, redet und schreibt sie dagegen an. Auch aus der Instituts-Maxime, dass alles schon gedacht sei, zieht sie in einem ihrer Briefe einen anderen Schluss: "Ich frage mich, Jakob, was wäre so schlimm daran, wenn wir wirklich nur zu denken und zu sagen hätten, was schon gesagt und gedacht worden ist? Wenn wir uns nur zu erinnern hätten, um dabei eigen, ganz eigen zu werden?"

Um dieses Eigen-Werden kreisen die Sätze von Lina Lorbeer, und sie machen auch diese Prosaarbeit, die die unvermeidliche Gattungsbezeichnung "Roman" nur ironisch für sich reklamiert, zu einem unverwechselbaren Werk von Andrea Winkler. Und das Lesen zu jenem Glück, das einmal im Text selbst angesprochen wird: "Habe ich mir nicht immer vorgestellt, es müsse Glück sein, einen Augenblick Verwunderung zu teilen?"

Text: Cornelius Hell, Ö1

(c) Zsolnay

Buchinfo:

Andrea Winkler
"König, Hofnarr und Volk", Zsolnay